Munich-Re-Tochter Ergo Skandal im Sperrbezirk

Die Sex-Sause der Hamburg-Mannheimer bringt die zurückhaltende Konzernmutter Munich Re in Bedrängnis, allen voran ihren noblen Chef Nikolaus von Bomhard. Er wird davon eingeholt, dass der Rückversicherer nicht nur in seinem dezenten Bereich tätig ist - sondern auch in den Niederungen des Strukturvertriebs.

Von Catherine Hoffmann

Heute geht es um einen Betriebsausflug mit Sex, in großer Selbstverständlichkeit organisiert von einer Versicherung. Gestern ging es um Boni-Banker und ihre Exzesse. "Es ist bedauerlich, aber wohl auch menschlich, dass mit der Übernahme herausgehobener Positionen eine gewisse Entfernung vom normalen Leben einhergeht", sagte Nikolaus von Bomhard Anfang 2009 dem Spiegel.

Der Chef der Munich Re, dem größten Rückversicherer der Welt, forderte damals mehr Bodenhaftung von Managern, die er auch in seinem eigenen Unternehmen pflegt. Er selbst lebt kaum anders als vor 25 Jahren, wohnt zur Miete und radelt bei schönem Wetter ins Büro.

Der Stammsitz der Munich Re liegt im Münchner Stadtteil Schwabing, nicht weit vom Englischen Garten. Wer das prächtige, unter Denkmalschutz stehende Palais im Stil des Historismus betritt, spürt noch den Geist des vergangenen Jahrhunderts, als schwerreiche Industrielle hier ein und aus gingen. Nüchtern, unaufdringlich und verbindlich - so lässt sich die Firmenkultur in der Königinstraße beschreiben. Bomhard stammt aus einem bayerischen Adelsgeschlecht, "Briefadel ohne Landbesitz", wie er betont. Seine Vorfahren waren hohe Beamte in der Ministerialbürokratie. Mitarbeiter preisen ihren Chef als bescheiden, intelligent und anständig. "Understatement hart an der Grenze zur Unsichtbarkeit" hat ihm die Zeit einmal attestiert.

Man stelle sich das vor: Bomhard schlägt die Zeitung auf und blickt mitten ins Gesicht seiner - vermeintlich - koksenden Mitarbeiter, auf Bilder vom "Freiluftbordell" Gellerttherme in Budapest, liest von 20 Prostituierten mit Bändchen am Arm, die für ihre Dienste abgestempelt werden. Ein Skandal, der die Stammtische feixen und die Konkurrenten schadenfroh grinsen lässt. Neben den Fotos steht groß: "Versicherung feiert wilde Sex-Party". "Mordsspaß mit Prostituierten". "Aber hallo, Herr Kaiser!"

Natürlich geht es nicht um Bomhard, den stets korrekt gekleideten, zurückhaltenden Herrn von der Munich Re, sondern um seine Vertreter von der Hamburg-Mannheimer. Das weiß er. Aber er ist der oberste Chef der Firma, ihr Gesicht.

Bomhard steht an der Spitze einer Institution, die als Pionier bei der Erforschung des Klimawandels gilt, die von ihrem Großinvestor Warren Buffett für ihre erzkonservative Risikopolitik gelobt wird und wie kein zweites Unternehmen auf der Welt davon lebt, dass die Menschen ihr vertrauen. Die Kunden der Munich Re verlassen sich darauf, dass ein Schaden lautlos reguliert wird, wenn die Erde bebt, Tsunamis ganze Küstenregionen überrollen oder Wirbelstürme wüten. Die Sexorgie ist mehr als peinlich für den Mutterkonzern.

Bomhard ist keiner dieser schamlosen, gierigen Machtmenschen. Keine Reizfigur wie Josef Ackermann, der als Aufsichtsrat von Mannesmann dem ehemaligen Management Abermillionen zugestand und dann vor Gericht das Victory-Zeichen machte, als die Vorwürfe wegen Untreue weggebürstet wurden. Er ist keiner dieser verantwortungslosen Manager, die wie der ehemalige Volkswagen-Chef Ferdinand Piëch nichts von Lustreisen, Korruption und Sonderboni gewusst haben wollen.

Und doch ist es sein Skandal. Es ist etwas zu Bruch gegangen in seinem stolzen Unternehmen. Mitten hindurch führt ein Riss. Und plötzlich ist sie wieder da, die quälende Frage: Ist es wirklich sinnvoll für den führenden Rückversicherer der Welt, sich in die Niederungen des Erstversicherungsgeschäfts hinab zu begeben, wo mit harten Bandagen um Marktanteile gekämpft wird, wo es ohne Vertreter nicht geht, die von Prämien leben und die darauf gedrillt werden zu verkaufen, verkaufen, verkaufen. Der mächtige Rückversicherer bleibt lieber diskret im Hintergrund - im Gegensatz zu den lautstarken Verkäufern von Lebens- und Autopolicen.

Der Strukturvertrieb der Hamburg-Mannheimer, der zum Munich-Re-Reich gehört und der nun solch erbärmliche Schlagzeilen macht, war lange Zeit berüchtigt für seine üblen Methoden. "Der Skandal bei der Hamburg-Mannheimer überrascht mich nicht", sagt Tillman Bruns, der im Jahr 2005 als Ingenieurstudent für den Vertrieb rekrutiert werden soll. Völlig unvermittelt sprechen ihn auf einem Reitturnier zwei Mitarbeiter der Versicherung an. Es folgt eine Einladung zum Wochenendseminar in Frankfurt an der Oder. Bruns geht hin - aus Neugier.

Was er dort erlebt, kommt ihm vor wie "Hirnwäsche", fast "sektenmäßig". Die Menschen dort sollen darauf eingeschworen werden, eine Lebensversicherung mit dem klingenden Namen "Golden Future" zu verkloppen. Die Lektion: Wie manipuliere ich Kunden, damit sie bedenkenlos zugreifen? Geködert werden die angehenden Vertriebsleute damit, brutal viel Geld zu verdienen.

Doch das System Strukturvertrieb ist hart: Provision erhält derjenige, der ein Finanzprodukt verkauft. Aber auch derjenige, der Verkäufer angeworben hat. Bruns beschreibt es als "Pyramidensystem": Jede Hierarchiestufe verdient an den Untergeordneten. Die Vermittler in den unteren Rängen müssen deshalb einen großen Teil ihrer Provisionen nach oben abgeben. "Aufgestiegene Mitarbeiter bezeichnen die neuen, unter ihnen stehenden, als ,Einheitenschweine', da die oberen Stufen von den unteren finanziell profitieren", lernt der Ingenieur. "Andere Teilnehmer waren sorglos, ich bin vorzeitig nach Hause gefahren", erzählt er heute.

Inzwischen, so erklärt ein Ergo-Sprecher, habe man sich aber merklich gebessert, die Methoden seien nicht mehr so rustikal, die Verkäufer besser qualifiziert. Dennoch: Viele der Vertreter von einst sind heute noch im Geschäft. Wer so etwas erlebt hat wie Bruns, wird sich nicht über das teils katastrophale Image der Versicherungsbranche wundern, das jetzt auch Bomhard zu schaffen macht. Die Ergo kämpft um ihren guten Ruf - nicht zum ersten Mal.

Bomhard beerbte 2004 seinen Mentor Hans-Jürgen Schinzler an der Spitze der Munich Re. Es waren schwere Zeiten für den Dax-Konzern. Ein großes Erdbeben in San Francisco verursacht rote Zahlen in der Bilanz. Dort zeigen sich auch die Spätfolgen der Internetblase an den Börsen, die längst geplatzt ist, und des Missmanagements bei der Erstversicherungstochter Ergo. Unter diesem Namen sind seit 1997 D.A.S. Rechtsschutz, DKV Krankenversicherung, und zwei der größten deutschen Lebensversicherungen zusammengeschlossen, Hamburg-Mannheimer und Victoria.

Das Geschäft mit den Privatkunden ist angeschlagen, als Bomhard antritt. Der Kurssturz an den Börsen hat die Schwächen seiner Unternehmenstöchter schonungslos aufgedeckt. Hamburg-Mannheimer und Victoria haben Milliarden verloren, ihre Reserven sind bedrohlich geschmolzen. Das "Beteiligungsgebräu", wie Bomhard es selbst nennt, soll endlich zu einem von einer Hand geführten Unternehmen vereint werden. Doch bis es so weit ist, verstreicht quälend viel Zeit, in der sich die Policen von Hamburg-Mannheimer und Victoria nur schleppend verkaufen.

Bomhard wird von aggressiven Aktionären gedrängt, sein Privatkundengeschäft, die Ergo, abzustoßen. Er entscheidet sich dagegen. "Ergo und Munich Re passen gut zusammen", heißt es immer wieder - bis heute. Erst- und Rückversicherer unter einem Dach schafften langfristig Werte für Kunden und Mutterkonzern. Dafür soll der frühere McKinsey-Manager Torsten Oletzky sorgen, der 2008 neuer Ergo-Chef wird. Oletzky greift durch: Die Verantwortlichen für die Lebens- und Sachversicherung verlassen das Unternehmen. 2010 gehen die schwer beschädigten Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria in der Marke Ergo auf. Eine 50 Millionen Euro teure Werbekampagne soll den Namen etablieren. "Ich möchte von Menschen versichert werden. Nicht von grauen Herren", lautet einer der Slogans. Der neue Anstrich zahlt sich aus. Ergo steuert 2010 immerhin 355 Millionen Euro zum Konzernergebnis bei. Im Unternehmen ärgern sie sich, dass "die berechtigte Empörung über den Zwischenfall in Budapest die Fortschritte im operativen Geschäft überdeckt", wie ein Sprecher sagt.

Nun steckt Ergo tief in einer Imagekrise. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass Hamburg-Mannheimer 2007 eine Sexparty für erfolgreiche Vertreter organisiert hat. Zudem berichtete Bild von Top-Vertretern, die auf einer Mallorca-Reise Kokain geschnupft haben sollen. Die Ergo-Pressestelle wiegelt hilflos ab. Es habe sich um ein Trinkspiel gehandelt mit Salz, Tequila und Zitronensaft. "Dazu gehört das Einschnupfen von Salz durch die Nase." Tequila Suicide, tödlicher Schnaps. Was mag sich Bomhard denken, wenn er so etwas liest?

Ergo sagte jedenfalls eilig eine Belohnungsreise für seine Top-Verkäufer nach Monaco ab. Borussia Dortmunds Meistertrainer Jürgen Klopp, offizieller Botschafter des Unternehmens, lässt seinen Vertrag ruhen. Zehn Tage nach den Enthüllungen ist vom Saubermann-Nimbus der Ergo-Männer kaum etwas übrig. Kunden schreiben ihren Vertretern: "Schämt Euch!" und "Ich kündige." Ergo wird die groß angelegte Werbekampagne kleiner fahren. Die Reklamefilme haben einen bitteren Nachgeschmack bekommen: So fragt in einem Spot eine junge Frau: "Sich kümmern - was heißt denn das bei einer Versicherung?"

Das wird sich nun auch Nikolaus von Bomhard fragen. Er weiß: Im Rückversicherungsgeschäft müssen Naturkatastrophen kalkulierbar bleiben. Sonst lässt sich mit ihnen kein Geschäft machen. Mit Erstversicherungen ist das nicht anders: Sie sind nur ertragreich, wenn man die Risiken im Griff hat. Doch das Handeln von Mitarbeitern ist ungleich schwerer zu berechnen als die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis.