Mobilfunkanbieter O2:Immer diese renitenten Blogger

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Viele Nutzer schimpfen über die schlechte Datenübertragung des Netzanbieters O2. Matthias Bauer schaffte es mit seinem Blog, die Aufmerksamkeit des Unternehmens auf sich zu ziehen - O2 will nun den Wünschen der Blogger nachgehen.

Marlene Weiss

Irgendwann hat es Matthias Bauer gereicht. Immer wieder verweigerte sein Telefon die Datenübertragung - und das nicht in Maroldsweisach, sondern mitten in Hamburg oder Berlin. Zuerst dachte er, es liege an seinem Handy. Aber bald stellte sich heraus, dass das überforderte Netz von seinem Anbieter O2 schuld war.

Quartalszahlen O2

Der Mobilfunkanbieter O2 geht zahlreichen Beschwerden nach: Das Unternehmen verspricht einen Netzausbau.

(Foto: dpa)

Seine Beschwerden wurden dort allerdings lange abgewiegelt; es handle sich um einen Einzelfall, hieß es. Aber das wollte der 28-jährige Software-Berater nicht glauben, nachdem viele Bekannte ihm gesagt hatten, dass es ihnen ähnlich gehe. "Da habe ich mir gesagt, so, jetzt erfasse ich die Daten", sagt Bauer.

Früher hätte er sich dafür in der Fußgängerzone die Beine in den Bauch stehen müssen, heute ist es bequemer. Am 12. November startete Bauer seinen Blog "Wir sind Einzelfall", auf dem O2-Kunden ihre Netzschwierigkeiten festhalten können. Bei einer Barcamp-Veranstaltung in Hamburg, einem über das Internet organisierten offenen Workshop, sprach er am selben Tag über das Problem. Es waren vielleicht zehn Leute da, aber sie twitterten munter drauflos.

Der Ansatz ist nicht neu. Vor fünf Jahren startete Andrew Mason, der spätere Gründer des Rabattsammlerdienstes Groupon, die Seite "The Point". Er hatte sich darüber geärgert, dass er seinen Telefonvertrag nicht kündigen konnte; und vermutete, dass er damit nicht allein sei. Über "The Point" werden seither Kampagnen organisiert. Die Initiative will es leichter machen, Missstände zu beheben, auch wenn es sich vielleicht um kein weltbewegendes Problem handelt. Mit vielen Teilnehmern, die ein Anliegen ein bisschen unterstützen, sollen Kampagnen den sagenumwobenen "Tipping Point" erreichen: die kritische Masse.

Bei Matthias Bauer hat das funktioniert wie im Web 2.0-Lehrbuch. Nach zwei Tagen hatten sich mehr als 500 Personen auf seiner "Einzelfall"-Seite eingetragen. Drei Tage später schätzte Bauer, dass der erste Tweet über Weiterverbreitungen 160 000 Menschen erreicht hatte. Am Abend des vierten Tages bat O2 um ein Telefonat. Das fand tags darauf statt, nachdem Bauers getwitterter Link zu seiner Liste den Server in die Knie gezwungen hatte.

Bauer will nur helfen

Über den Inhalt des Gesprächs berichtete Bauer in seinem Blog, und zeigte Größe: O2 habe "glaubhaft kommuniziert", das Netz auszubauen, aber das werde eben noch etwas dauern. Gleichwohl rief er die unzufriedenen Kunden auf, sich weiter in die Liste einzutragen, damit "alle Probleme ordentlich gelöst werden". Es geht ihm nicht darum, die Telefonfirma mit der Macht der Masse niederzustampfen. "Ich will bei O2 bleiben, sie haben eine tolle Firmenpolitik", sagt er. Dass O2 zum Beispiel das Internet-Telefonprotokoll Voice-over-IP akzeptiere und einen Kostenairbag anbiete - das sei eine faire Sache.

Abgeschlossen ist die Sache jedoch noch nicht. Nachdem Online-Medien über Bauers Aktion berichtet hatten, explodierten die Zuschriften, am Tag gingen um die tausend Einträge ein. Inzwischen sind es etwa 7500. Vor einigen Tagen ging die anonymisierte Liste an O2, sie soll beim Finden der Schwachstellen helfen. Bauer, der neben der Kampagne noch einen Vollzeitjob hat, nebenberuflich selbständig und in einer Hamburger Startup-Initiative aktiv ist, hat schon vorgearbeitet: Nach seiner Auswertung treten die meisten Probleme in Berlin und Hamburg auf, und meist macht die Datenverbindung Schwierigkeiten.

Bauer will jetzt abwarten, ob die versprochene Verbesserung eintritt. Eigentlich hätte er sich gewünscht, dass auf die große Resonanz unter Smartphone-Nutzern hin endlich ein Datentarif ohne Telefon-Flatrate angeboten werde; das ist bislang nicht passiert. "Aber die Kommunikation hat sich geändert", sagt er. Er wird jetzt nicht mehr als Einzelfall abgewiesen.

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