Interview mit Regisseur Strigel "Geld kann brutal zurückschlagen"

Regisseur Claus Strigel hat einen Film über Mikrokredite gemacht - und Erstaunliches entdeckt. Ein Interview über die Mysterien des Geldes.

Interview: Hans von der Hagen

Die Ökonomie hat ein Lieblingsthema: Mikrokredite - kleineste Darlehen, mit denen sich Leute ein kleines Geschäft aufbauen sollen. Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hat diese Idee vorangetrieben, um Armen zu helfen. Mittlerweile gibt es diese Kreditform in vielen Ländern für viele Zwecke - auch in Deutschland. Die Banken verdienen so prächtig daran, dass Yunus bereits die hohen Zinssätze geißelte: "Wir haben Mikrokredite geschaffen, um Kredithaie zu bekämpfen. Wir haben sie nicht geschaffen, um neue heranzuzüchten."

Der Schein trügt: Geld hat viel mit Glauben zu tun. Wenn alle glaubten, dass es eine 1000-Euro-Note tatsächlich geben würde - könnte man mit ihr auch bezahlen.

(Foto: Grafik: sueddeutsche.de/Karina Helldobler-Marcisz)

Was mit Mikrokrediten erreicht werden kann, hat Regisseur Claus Strigel bei den Dreharbeiten für seinen Film Der Schein trügt beobachtet. Strigel produziert seit fast 35 Jahren mit seiner Firma Denkmal-Film kritische Dokumentationen. Der Schein trügt wurde bereits im Bayerischen Fernsehen gezeigt und am vergangenen Wochenende erstmals international präsentiert.

sueddeutsche.de: Mikrokredite sind derart erfolgreich, dass nun auch viele Geschäftsbanken bei solchen Projekten mitmachen. Ist es Zeit für einen Glückwunsch an die Verantwortlichen dieser Innovation?

Claus Strigel: Mit dem Glückwunsch ist das so eine Sache. Es wäre wie bei einem Kind, das man zunächst beglückwünscht, weil es immer größer wird. Doch spätestens, wenn es zwei Meter groß ist, dann ist es vorbei mit den Glückwünschen. Genauso geht es mir mit den Mikrokrediten: Sie sind zu erfolgreich.

sueddeutsche.de: Woher kommt der Erfolg?

Strigel: Man kann mit ihnen im Augenblick große Profite machen. Darum sind sie in den Wirtschaftswissenschaften ein Modethema und die Banken wittern das große Geschäft.

sueddeutsche.de: Der Begründer des Mikrofinanzsystems, Muhammad Yunus, hat jüngst das Vorgehen der Banken scharf kritisiert ...

Strigel: ... ich habe schon lange darauf gewartet, dass er etwas sagt. Man muss misstrauisch werden, wenn Geld, das Armut bekämpfen soll, das Interesse der Finanzmärkte erregt. Plötzlich steht dann nur noch der Profit im Vordergrund. Mit dem Geld kommt der Zins und damit der Wachstumszwang.

sueddeutsche.de: Der Mikrokredit feiert also zweifelhafte Triumphe?

Strigel: Dieses Instrument kann außerordentlich hilfreich sein. Doch die Frage ist, ob diejenigen den Profit erwirtschaften müssen, denen eigentlich geholfen werden soll. Auch kann an falscher Stelle das Prinzip des Geldes eingeführt werden. Geld ist eben mehr als nur ein Tauschmittel - es ist ein Werkzeug, was brutal zurückschlagen kann. Geld funktioniert zu gut.

sueddeutsche.de: Weil es eine Gesellschaft verändern kann?

Strigel: Mit den Mikrokrediten wird Geld in Lebenskreisläufe hereingebracht, die möglicherweise mit einem anderen Tauschmittel oder einem bestimmten sozialen Miteinander schon gut funktionieren. Außerdem dringt Fremdinteresse in eine Gesellschaft ein, denn die Investitionen sollen möglichst hohe Zinsen bringen. Damit das geschieht, versuchen Menschen und Unternehmen von außen Einfluss auf Bereiche zu nehmen, von denen sie oft nichts verstehen.

sueddeutsche.de: Wird nicht mit Geld das ersetzt, was zuvor in anderer Form vorhanden ist?

Strigel: Nicht unbedingt. Es gibt ein eindrückliches Beispiel, was Geld anrichten kann: das Volk der !Kung in der Kalahari in Namibia und Botswana. In den sechziger Jahren wurden dort von John Yellen ethnologische Studien durchgeführt. Die !Kung hatten eine Zivilisation, die sich seit zigtausend Jahren nicht verändert hatte - sowohl was die Werkzeuge anging als auch das soziale System. Zwanzig Jahre später ging Yellen nochmals dahin, doch in der Zwischenzeit war Geld eingeführt worden. Yellen beschreibt, wie sich die Kultur und Architektur verändert hat. Aus dem 'jeder für jeden' wurde ein 'jeder für sich'.