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HSH Nordbank: Fall Nonnenmacher:Barscheleien bei der Landesbank

Schmutz an der Förde: Wie die HSH Nordbank versucht haben soll, den unliebsamen Vorstand Frank Roth sowie einen New Yorker Filialleiter mit fingierten Spuren, frisierten Unterlagen und falschen E-Mails loszuwerden.

Hans Leyendecker und Klaus Ott

Wenn Fachleute über das Legen falscher Spuren reden, verwenden sie manchmal den Begriff "barscheln". Und das Wort "Barschelei" kennzeichnet den illegalen Angriff auf einen Gegner. Verb und Substantiv sind angelehnt an Begleitumstände der Affäre des früheren Kieler CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der angeblich mit übelsten Tricks hantiert hatte und sich 1987 in einem Genfer Hotel das Leben nahm.

Nonnenmacher bekam Post von Anonymus: Aus England erhielt er einen Brief mit dem per E-Mail verschickten frisierten Papier. Als Absender hatte der Unbekannte die Anschrift der renommierten Tageszeitung Guardian angegeben.

An der Förde ist vermutlich schon wieder "gebarschelt" worden. Bei den Opfern handelt es sich um ehemalige Top-Manager der HSH Nordbank, und ähnlich wie im traurigen Fall des Uwe B. steht nicht fest, wer der Ideengeber für schmutzige Methoden war. Staatsanwaltschaften in New York, Kiel und Hamburg ermitteln.

Die Justiz hat die strafrechtliche Schuld zu klären. Die unternehmenspolitische Verantwortung besteht unabhängig davon. Sie ist eine Haftung für fremdes Tun, für Fehler oder auch Sauereien, die andere gemacht haben. Wenn es nach den Kategorien von Moral und Ethik gehen würde, müsste diese Affäre in einem Rücktritt enden: Der Noch-HSH-Vorstandsvorsitzende Dirk Jens Nonnenmacher müsste seine Sachen packen und gehen. Auch wenn der Chef des norddeutschen Geldinstituts, wie er beteuert, mit keiner der Sauereien rund um die HSH direkt oder indirekt zu tun gehabt hätte, müsste er doch moralisch für das Fehlverhalten jener Leute haften, die angeblich oder tatsächlich im Auftrag seiner Bank handelten.

Keine der "Barscheleien" war so dreckig wie die Geschichte um den ehemaligen New Yorker Filalleiter der Bank, Roland K.. Die HSH wollte ihn angeblich ohne Abfindung loswerden, und um ihn fertig zu machen, wurde ihm eine falsche Kinderporno-Spur untergeschoben.

Ein Trupp von HSH-Leuten und Detektiven hatte sein Büro heimgesucht. Wie ein ehemaliger New Yorker Polizist später bei einer Vernehmung sagte, habe es sogar das Vorhaben gegeben, Roland K. ins Gefängnis zu schaffen. Der Filialleiter wäre erledigt gewesen. In New York laufen die Ermittlungen auch gegen Nonnenmacher. Die Hamburger Staatsanwaltschaft, die den Vorgang ebenfalls aufzuklären versucht, ermittelt in diesem Zusammenhang - wie die Behörde betont - nicht gegen Mitarbeiter der HSH, sondern nur gegen zwei deutsche Detektive, die für die Bank tätig waren.

Klima der Angst

Einige der höchst dubiosen Vorgänge sind nur erklärbar durch das Klima der Angst, des Misstrauens und der Verdächtigungen, das in der Amtszeit von Nonnenmacher in der Bank entstanden war.

Früher mal war die HSH eine gewöhnliche, gemütliche Landesbank, die insbesondere die Schiffsindustrie mit Krediten versorgte und vorwiegend öffentlichen Zwecken diente. Zum Wohle der Bundesländer Schleswig-Holstein und Hamburg, die zu 85 Prozent an der Bank beteiligt sind. Ungemütlich wurde es, als 2008 die Finanzkrise kam und auch dieses Kreditinstitut plötzlich vor Milliarden-Löchern stand. Überraschend wurde im November des Krisenjahrs der Mathematiker und Zahlenmann Nonnenmacher, der erst ein Jahr zuvor Finanzvorstand der Bank geworden war, zum neuen Vorstandsvorsitzenden bestellt.

Ein Top-Manager der Bank hat der Staatsanwaltschaft später berichtet, im Vorstand habe es damals große Gräben gegeben. Jeder gegen jeden. Vor allem das Verhältnis Nonnenmachers zum Vorstandskollegen Frank Roth sei schlecht gewesen, erklärte der Zeuge. Er habe den Eindruck gehabt, dass Nonnenmacher den Kollegen unbedingt loswerden wollte. In den damals schon unruhigen Tagen gerieten Details aus dem Innenleben der Bank in die Zeitung und Vorstand und Aufsichtsrat mühten sich, das Loch zu finden.

Der Justitiar der Bank und Nonnenmacher setzten sich zusammen, um eine Liste der mögliche Verräter zusammenzustellen. Sie sollen zunächst auf etwa 50 Personen aus Vorstand, Vorstandsbereich, Betriebsrat und Aufsichtsgremien gekommen sein. Diese Liste wurde dann, so Erkenntnisse der Kieler Staatsanwaltschaft, auf vier Personen reduziert. Allesamt Vorstandsleute. Nummer eins auf der Liste war, wer sonst, Roth. Der ahnte auch, dass ihn Nonnenmacher loswerden wollte.

Die Vierer-Liste

Bei einer Vernehmung erklärte ein HSH-Manager, eine "Motivationspyramide" sei erstellt worden. Natürlich seien als potentielle Durchstecher auch ein Senator oder ein Finanzminister in Frage gekommen, aber dieses "Fass" hätten sie nicht aufmachen wollen. Dann also die Vierer-Liste. Dem angeblichen Maulwurf sollte eine Falle gestellt werden. Jedes der vier Vorstandsmitglieder erhielt ein Exemplar einer Vorlage, das heimlich markiert worden war. Negativ-Geschichten prasselten weiter auf die Bank ein, aber kein Wort stammte aus einer der Vorstandsvorlagen. Ein zweiter Versuch wurde gestartet. Diesmal wurden per E-Mail präparierte Unterlagen an die vier geschickt, und dann bekam Nonnenmacher Post von Anonymus.

Aus England erhielt er einen Brief mit dem per E-Mail verschickten frisierten Papier. Die Markierungen passten angeblich zu Roth. Als Absender hatte der Unbekannte die Anschrift der renommierten Tageszeitung Guardian angegeben. Er behauptete, Journalist zu sein. Er habe die Unterlagen bekommen, um sie zu veröffentlichen. Beigelegt war die Aufforderung eines "Frank", Druck auf Nonnenmacher auszuüben. Da es sich um Geschäftsgeheimnisse handele, mache er das nicht, sondern schicke die Unterlagen der HSH. Seit den Hitler-Tagebüchern hat sich niemand mehr eine dümmere Lügengeschichte einfallen lassen.

Roth beteuerte zwar seine Unschuld, aber er wurde entlassen und von der HSH sogar bei der Staatsanwaltschaft Kiel angezeigt. Doch die Strafverfolger kamen zu ganz anderen Ergebnissen.

Jetzt wird wegen falscher Verdächtigung gegen einen inzwischen freigestellten HSH-Mitarbeiter ermittelt, der eng mit Nonnenmacher zusammengearbeitet hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ein für die HSH tätiger Detektive die Rothsche E-Mail frisiert und dann Nonnenmacher geschickt hat. Darauf deutet auch der Wortlaut des Briefes hin, den nur einer verfassen kann, der kein Englisch beherrscht.

Bei den Akten befindet sich auch ein Gesprächsprotokoll, das von den Staatsanwälten für ein Geständnis dieses Detektivs gehalten wird. Der Mann hatte sogar erzählt, bei Roth daheim eingebrochen zu sein. Dieses Geständnis hat er zwar widerrufen. Doch die Akte HSH ist ziemlich schmutzig. Wirkliche "Barscheleien".

© SZ vom 09.11.2010/hgn

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