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Gold:Krisenwährung in der Krise

Gold als stabile Geldanlage? Anleger spekulieren mit der Alternative zu Aktien. Womöglich ist das ein Fehler.

Der Goldpreis liegt weit unter dem Niveau der letzten Jahre - dabei gäbe es weltweit eigentlich genug Krisen, um die Nachfrage anzutreiben.

(Foto: Bloomberg)
  • Der Goldpreis fällt, an diesem Montag war er zwischenzeitlich so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr.
  • Ein Grund dafür ist die amerikanische Geldpolitik. Ein weiterer Grund ist China: Dort werden gerade große Mengen Gold verkauft.

An den internationalen Börsen ging es in den vergangenen Wochen alles andere als ruhig zu, und wenn man die Erfahrung der Wirtschaftsgeschichte zugrunde legt, dann hätte der Goldpreis in diesem Zeitraum steigen müssen. Das Edelmetall gilt bekanntlich als Fluchtburg hasenfüßiger Geldverwalter. Doch das genaue Gegenteil ist passiert.

Der Goldpreis fällt, und das seit drei Monaten. Am Montag erreichte die Notierung für die Feinunze (31 Gramm) den niedrigsten Stand seit gut fünf Jahren. Zeitweise war der Preis innerhalb weniger Minuten um mehr als vier Prozent auf 1088 Dollar eingebrochen. Das war der tiefste Stand seit März 2010. Im Laufe des Tages erholte sich der Preis zwar auf 1115 Dollar, doch das war immer noch 1,7 Prozent weniger als am Freitag. Hat das Edelmetall Gold den Nimbus als Krisenwährung verloren?

Rückblick: Im Jahr 2001 kostete die Feinunze noch 250 Dollar. Damals, als die Internetblase langsam platzte, begann ein imposanter Preisanstieg, der im Jahr 2011 bei 1900 Dollar seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Viele Experten hatten damals einen Preis von 2000 Dollar und mehr prognostiziert. Nun droht womöglich der Rutsch unter die 1000-Dollar-Marke.

Ein Grund ist die amerikanische Geldpolitik. Notenbankchefin Janet Yellen geht weiter von einer Anhebung des amerikanischen Leitzinses noch vor Jahresende aus. Grund dafür sei die Wirtschaft in den USA, die sich schneller erholt als erwartet. Das könnte bedeuten, dass auch in Europa die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen. Gold hätte damit als Krisenwährung erst einmal ausgedient. Sicher ist das allerdings nicht.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Goldpreis wieder steigt?

Denn die Entwicklung des Goldpreises, so sagen Experten, entscheidet sich auch an den Devisenmärkten. Wenn die Zinsen nur in den USA steigen, fließt viel Geld in den Dollarraum, was die Währung gegen den Euro weiter stärkt. Anleger aus Europa müssten deshalb immer mehr Euro für Gold bezahlen, das in US-Dollar gehandelt wird. "Wir betrachten Gold nicht als Krisenwährung, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn", sagt der Vermögensverwalter Bert Flossbach. Gold sei eine Art Währung der letzten Instanz. "Wenn es zu Abwertungsgefechten kommt und gleichzeitig die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen schlechter werden, dann dürfte Gold eine Renaissance erfahren."

In den Jahren nach 2008 - damals begann die globale Finanzkrise - kauften Anleger Gold, weil sie befürchteten, das gesamte globale Finanzsystem könne kollabieren. Jetzt sorgt man sich um Probleme innerhalb des wieder stabilisierten Finanzsystems. "Die Sorgen vieler Investoren gelten derzeit der Zukunft des Euro und des Yen", sagt Thorsten Polleit, Chefökonom bei Degussa Goldhandel. Der Dollar werde von vielen als "sicherer Hafen" angesehen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, wann die Goldnachfrage und damit der Goldpreis wieder anzögen - und zwar auch in US-Dollar gerechnet.

Wer wissen will, warum der Goldpreis in den vergangenen Monaten gefallen ist, muss auch einen Blick nach China werfen. Die Volksrepublik hat ihre Goldreserven in den vergangenen Jahren kräftig aufgestockt. Seit April 2009 ist der Bestand um gut 60 Prozent gestiegen. Die Zentralbank in Peking hortete Ende Juni nach eigenen Angaben 1658 Tonnen des Edelmetalls. Damit steht das Land nach Berechnungen des Online-Portals Statista an fünfter Stelle der Länder mit den größten Goldreserven, nach den USA (8134 Tonnen), Deutschland (3383), Italien (2452) und Frankreich (2435).

In Shanghai wechselten in zwei Minuten fünf Tonnen Gold den Besitzer

Viele Beobachter waren jedoch davon ausgegangen, dass die Goldreserven Chinas deutlich höher sind. Inzwischen gibt es sogar Hinweise, dass China seine Bestände abbauen könnte. Nach Angaben von Händlern wechselten am Montagmorgen an der Börse in Shanghai innerhalb von nur zwei Minuten fünf Tonnen Gold den Besitzer. Das ist sehr viel. Zum Vergleich: Üblicherweise würden pro Tag insgesamt 25 Tonnen gehandelt. Auch an der New Yorker Rohstoffbörse Comex wurden am Montag auffällig große Mengen umgeschlagen.

Ob dahinter die Notenbank von China steckt oder andere Investoren, darüber lässt sich allerdings nur spekulieren. Verkäufer und Käufer bleiben bei solchen Transaktionen in der Regel anonym. Die Goldverkäufe könnten nach Einschätzung von Händlern auch eine ganz andere, banale Erklärung haben: sogenannte Stop-Loss-Verkäufe, die automatisch immer dann ausgelöst werden, wenn der Kurs unter eine vom Anleger festgesetzte Marke fällt.

Tatsache ist jedoch, dass Anleger in China derzeit gute Gründe hätten, Gold abzustoßen. Die Spekulationsblase an den Börsen des Landes ist geplatzt, viele Anleger haben große Summen verloren und müssen ihre Schulden begleichen. In solchen Fällen sind Notverkäufe - etwa von Gold - nichts Ungewöhnliches. Zusammen mit der allgemein nachlassenden Nachfrage nach dem Edelmetall verstärkt dies den Abwärtstrend der Notierungen. Nach Angaben des World Gold Council, eine Art Weltverband der Goldindustrie, ging die weltweite Nachfrage allein im vergangenen Jahr um vier Prozent zurück.

© SZ vom 21.07.2015/sana

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