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Geldpolitik der Zentralbank:Banken im Paradies

Es ist eine Notaktion auf Zeit: Die EZB hat den Banken der Eurozone grenzenlos Geld zur Verfügung gestellt. Das sichert ihnen womöglich das Überleben. Doch die Geldhäuser sind süchtig nach diesen Finanzspritzen. Und der Entzug droht schmerzhaft zu werden - denn er erfordert nicht weniger als die Lösung der Schuldenkrise.

Markus Zydra

Die europäischen Banken sind auf einmal im Paradies: Sie haben plötzlich wieder so viel Geld, wie sie wollen. Wenn man so will, dann kommt ihnen dieses Privileg nur deshalb zu, weil sie sich in den letzten Jahren so versündigt haben. Sie gingen zu hohe Risiken ein und beschworen damit einen Kollaps des Finanzsystems herauf.

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Bis zu einer halben Billion Euro pumpte die Zentralbank heute in die europäischen Geldhäuser. Eine Geldpolitik mit Folgen.

(Foto: dpa)

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Mittwoch erstmals in ihrer Geschichte den Geldhäusern unbegrenzt Kredite mit drei Jahren Laufzeit vergeben. Es regnete Sterntaler. Die Banken mussten nur den Finger heben und im Frankfurter Eurotower anmelden, wie viel Euro sie brauchen - die EZB erfüllte fast jeden Wunsch. Es kamen ungeheuerliche 489 Milliarden Euro zusammen, fast eine halbe Billion, ein Rekord.

Momente wie diese machen deutlich, welche Macht die Notenbanker haben. Sie können Geld aus dem Nichts erschaffen, es ist eine in Recht und Gesetz gegossene Alchemie. Natürlich sorgt das für Unruhe, gerade in der deutschen Bevölkerung. Schnell macht man eine simple Rechnung auf: Wenn mehr Geld in Umlauf kommt - bei einem gleichbleibenden Angebot an Waren und Dienstleistungen - dann entsteht Inflation. Sofort kommen die grobkörnigen Schwarzweißfotos von 1923 in den Sinn, dem Jahr der Hyperinflation in Deutschland.

Doch die Angst vor massiver Geldentwertung ist derzeit noch unbegründet. Inflation entsteht erst, wenn die Banken das viele Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen würden. Genau das war bisher nicht der Fall. Sie horten das Geld wie Onkel Dagobert seine Taler im Geldspeicher. Sie gaben so gut wie keinen Kredit, weder an Unternehmen noch an Staaten, noch an Privatpersonen, noch an andere Banken. Etwas mehr Risiko ist erwünscht. Das Einzige aber, was die Kreditinstitute anderen Häusern der Branche derzeit zutrauen, ist die Insolvenz.

Die Gefahr eines Banken-Ruins ist dagegen real. Sie ist statistisch sogar größer als 2008 - damals ging die US-Bank Lehman Brothers pleite. Es war der Beginn einer Weltwirtschaftskrise. Schon deshalb ist es richtig, dass die EZB grenzenlos Geld in die Institute pumpt: Das ist eine überlebensnotwendige Treibstoffzufuhr, damit der Motor starten kann.

Das Problem: Die Banken sind süchtig geworden nach diesen Hilfen. Bis zum Beginn der Finanzkrise 2007 vergab die EZB Kredite meist nur für eine Woche, ganz selten für drei Monate. Die Kreditmittel waren damals immer begrenzt, die Banken mussten um das Kapital der EZB bieten. Die Besorgung von viel Geld hatte einen hohen Preis. In der Krise jedoch gibt die Notenbank den Banken unbegrenzt hohe Mittel zu einem historisch niedrigen Zinssatz für eine historisch lange Laufzeit. Natürlich ist das eine Notaktion auf Zeit - doch schon seit Jahren läuft ein Krisenprogramm. Wie sollen die Banken je wieder entwöhnt werden?

Man will gerüstet sein

Das gelingt nur mit einer Lösung der Euro-Schuldenkrise. Die Finanzmärkte müssen überzeugt werden, dass kein Euro-Staat pleitegeht. Dann erst geben die Banken, Versicherungen und Fonds auch wieder Kredit an Italien, Spanien und Irland, und zwar zu guten Konditionen.

Gute Konditionen bedeuten, dass Italien beispielsweise niedrigere Zinsen bezahlen muss. Vertrauen würde sich dann breitmachen, und das entlastet die Bankbilanzen, in denen viel Kapital gebunden wird, für den Fall eines Staatsbankrotts. Man will gerüstet sein. Dann erst könnten die Banken wieder dem nachgehen, was sie dem Lehrbuch nach sollen, aber in Jahren der Gier versäumt haben: die Wirtschaft mit Kapital versorgen.

Zugegeben, das ist ein sehr optimistisches Szenario. Für die EZB beginnt im Erfolgsfall eine ebenso schwierige Aufgabe: Sie muss dann das viele Geld wieder einsammeln. Da werden viele Leute schimpfen, die Notenbank würge die Konjunktur ab. Tatsächlich erwürgt die Notenbank damit die Inflationsgefahr.

© SZ vom 22.12.2011/bürk
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