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Energieversorgung:Wenn der Gasmann klingelt

Rechtsstreit um Preiserhöhung bei Gas

Deutschlandweit müssen bis zu sechs Millionen Geräte auf eine andere Gassorte umgestellt werden.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Bei Millionen Kunden wird das Gas umgestellt. Manche brauchen dann neue Geräte.

Von Joachim Göres

Die Haushalte und Betriebe in Deutschland werden mit Erdgas in unterschiedlicher Qualität beliefert: Im Osten, Süden sowie im hohen Norden ist das sogenannte High calorific gas verbreitet. Es hat einen höheren Methangehalt und damit einen höheren Brennwert als das Low calorific gas, das derzeit etwa 30 Prozent der in Deutschland verbrauchten Gasmenge ausmacht. Weil in Deutschland und in den Niederlanden immer weniger L-Gas gefördert wird, ist bis zum Jahr 2030 die Umstellung auf H-Gas geplant.

"In den nächsten Tagen wird die Erhebung aller Gasgeräte durch die von uns beauftragte Anpassungsfirma durchgeführt." Mit solchen Ankündigungen werden etwa 4,3 Millionen Gaskunden in Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Sachsen-Anhalt, die bisher mit L-Gas beliefert werden, von ihrem Energieversorger über die große Umstellungsaktion informiert. Dabei geht es unter anderem um Gasthermen und Heizkessel, gasbetriebene Herde und Kocher, Gasbrenner, Gasöfen und Gaskamine, insgesamt um bis zu sechs Millionen Geräte.

In Teilen Niedersachsens läuft bereits Phase eins. "Die von uns beauftragten Monteure gehen derzeit in die Haushalte mit L-Gas in unserem Versorgungsgebiet und erfassen alle Gasgeräte. Das dauert etwa 15 Minuten pro Gerät. Danach werden die Daten ausgewertet und das nötige neue Material wird beschafft. Es geht vor allem um den Austausch der Gasdüsen", sagt Andreas Gerow, Sprecher der Celle-Uelzen Netz GmbH. Die Umrüstung der geschätzt rund 50 000 Geräte in dieser Region ist dann für 2018 vorgesehen - pro Gerät wird eine halbe Stunde veranschlagt. Danach können die Kunden mit H-Gas beliefert werden. Die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde soll dabei darauf achten, dass es zu keinen Lieferunterbrechungen kommt. "Weil die H-Gas-Reserven um ein Vielfaches größer sind als beim L-Gas, ist die Versorgung für die Kunden über viele Jahrzehnte gesichert. Die Umstellung von L- auf H-Gas ist für die Kunden kostenlos", sagt Gerow.

Eine Aussage, die die Bundesnetzagentur auf den ersten Blick bestätigt. "Im Rahmen der Marktraumumstellung darf kein Monteur, das Gasbüro oder eine sonstige Person Geld von Ihnen verlangen. Ihnen dürfen keine Arbeitsstunden in Rechnung gestellt werden und Sie müssen keine Austauschteile wie zum Beispiel Brennerdüsen bezahlen", heißt es auf ihrer Homepage unter der Überschrift "Umstellung L- auf H-Gas". Doch gleichzeitig verweist man auf Paragraf 19a des Energiewirtschaftsgesetzes, wonach die Kosten der Umrüstung in Milliardenhöhe solidarisiert werden können. "Die Unternehmen können eine Umlage bei uns beantragen und wir werden dann prüfen, welche ihrer durch die Umstellung entstandenen Kosten wir anerkennen und genehmigen. Nach geltendem Gesetz ist die Umlage auf alle Netznutzer möglich", sagt Pressesprecher Olaf Eul. Höhere Kosten könnten demnach auf alle deutschen Haushalte zukommen. Laut Eul würde es sich dabei pro Haushalt aber nur um wenige Euro pro Jahr handeln. Beim Bremer Energieversorger SWB rechnet man mit "geringfügigen" Preissteigerungen durch die Umstellung. Unklar ist noch, wie sich eine mögliche Novellierung des Paragrafen 19a auswirken könnte, über die derzeit in Berlin diskutiert wird.

Der Bund der Energieverbraucher erwartet dagegen keine Erhöhung. "Die Gaseinkaufspreise sind in den letzten Jahren stark gesunken, doch das wurde an die Kunden nicht weitergegeben. Die Margen der Netzbetreiber sind so hoch, dass sie es gar nicht nötig haben, die Umstellungskosten auf die Verbraucher umzulegen", sagt Aribert Peters, Chefredakteur der Verbandszeitschrift Energiedepesche.

Auf die künftigen Verbrauchskosten soll die Umstellung keinen Einfluss haben. Zwar ist der Marktpreis für das H-Gas höher als für das L-Gas. Durch den höheren Energiegehalt wird aber weniger H-Gas verbraucht, so dass laut Gerow unter dem Strich die Kosten gleich bleiben. Dennoch könnten auf einige Gaskunden erhebliche finanzielle Belastungen zukommen. Die Bundesnetzagentur rechnet damit, dass bei der Umstellung in ein bis fünf Prozent aller Fälle die bisherigen Gasgeräte aus technischen Gründen nicht umgestellt werden können und eine Neuanschaffung nötig wird - weil es zum Beispiel keine Ersatzdüsen mehr gibt. Energieexperte Peters: "Das wird vermutlich vor allem Verbraucher mit ganz alten Herden, Heizungen oder Warmwasserzubereitungsgeräten treffen, die sich neue nicht leisten können. In solchen Fällen wäre es angebracht, dass sich die Versorger an den Kosten beteiligen. Dieses Problem hat man derzeit noch gar nicht im Blick."

Wer solche finanziellen Sorgen nicht kennt, dem empfiehlt Gerrit Volk, Referatsleiter bei der Bundesnetzagentur: "Kunden, die sowieso in nächster Zeit ihre Geräte austauschen wollen oder müssen, könnten darauf achten, dass das neue Gerät selbstadaptierend ist." Der neue Gasbrenner erkennt dann automatisch die verwendete Gasqualität und passt bei einer Änderung die Brennereinstellung selbsttätig an.

Eine Übersicht über die bis 2019 geplanten Umstellungen in den einzelnen Regionen findet sich beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches unter www.dvgw.de/gas/marktumstellung/. Weitere Informationen gibt es bei der Bundesnetzagentur unter www.bundesnetzagentur.de - unter anderem auch über die Auswirkungen der Umstellung auf Autos, die mit Erdgas betrieben werden. Für die Region Bremen finden sich Informationen zum Thema auf Englisch, Französisch, Arabisch, Türkisch, Polnisch und Russisch auf www.gasumstellung.de

© SZ vom 24.06.2016

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