Die großen Erbfälle: Geld - Macht - Hass Dame gegen Dame

Auch nach seinem Tod gibt Bobby Fischer Rätsel auf: Zwei Frauen kämpfen um den Nachlass des exzentrischen Schachweltmeisters. Doch sein Geld wollen auch andere.

Von Thomas Schuler

Es gibt Leute, denen Schach wie ein Rätsel scheint, das es zu lösen gilt. Und es gibt Leben wie das von Bobby Fischer, die ein Spiel zu sein scheinen und nie aufhören, immer neue Rätsel aufzugeben. Bei Fischer, dem amerikanischen Schach-Genie und Großmeister, beginnen die Rätsel mit der Frage nach seiner Geburt und seinem Vater. Und sie enden mit der Frage nach seiner Vaterschaft, die die Gerichte nun zwei Jahre nach seinem Tod beschäftigt. Ist er wirklich der Vater einer kleinen Tochter, die in diesem Fall eine Millionensumme erbt? Und war die Frau, die nun behauptet, seine Ehefrau zu sein, wirklich mit ihm verheiratet? Dann müsste auch sie bedacht werden. Oder - und das ist die dritte Möglichkeit - stimmt keine der beiden Behauptungen und sein Geld fällt an zwei Neffen? Dann ist da noch die amerikanische Regierung, die Geld fordert.

Die Schachgenies Boris Spasskij (links) und Bobby Fischer bei der Neuauflage ihres Weltmeisterkampfes in Jugoslawien. Fischer gewann die Partie erneut. Nach seinem Tod wollen zwei Frauen einen Anteil an seinem Nachlass von 1,6 Millionen Euro.

(Foto: AFP)

Der Reihe nach: Bobby Fischer wurde am 9. März 1943 in Chicago geboren. Den Mann, der in seiner Geburtsurkunde als sein Vater eingetragen war, den deutschen Biophysiker Gerhardt Fischer, lernte er nie kennen, schreiben die beiden BBC-Journalisten David Edmonds und John Eidinow in ihrem Buch "Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann". Sein eigentlicher Vater sei ein Ungar, der in den USA lebte. Seine Mutter Regina sprach mehrere Sprachen und zog mit ihren beiden Kindern nach Brooklyn, New York. Weil der kleine Junge von Brettspielen fasziniert war, schenkte die fünf Jahre ältere Schwester Joan dem Sechsjährigen ein Schachspiel. Anhand der Spielanleitung lernten sie die verschiedenen Züge.

Fischer verbrachte bald so viel Zeit damit, dass seine Mutter Angst hatte, er sei zu viel alleine. Sie gab eine Anzeige im Brooklyn Eagle auf und suchte Schach-Partner. Bobby wurde Mitglied in einem Schachclub und spielte in jeder freien Minute. In jeder. Seine Mutter bekam es erneut mit der Angst zu tun und brachte ihn zur Untersuchung in die Kinderpsychiatrie. Man sagte ihr, dass es Schlimmeres gäbe.

Fischer wurde Juniorenmeister und 1958 mit 14 Jahren der jüngste amerikanische Schachmeister. Mit 15 Jahren lebte er im festen Glauben, er sei nun der beste Schachspieler der Welt, schreiben Edmonds und Eidinow. Dazu kam das Verlangen, alles kontrollieren zu wollen: die Figuren auf dem Brett, aber auch die in seinem Leben. Die Beziehung zu seiner Mutter wurde schwierig, am Ende zog sie aus der gemeinsamen Wohnung aus. Bobby habe mehr gehaust als gewohnt, der Boden war übersät mit Kleidung, Schach-Büchern und -Zeitschriften, und er habe in drei Betten abwechselnd geschlafen. Neben jedem Bett stand ein Schachbrett. Er brach die Schule ab, die er als Zeitverschwendung ansah. Das US-Außenministerium war wegen Fischers Eigenart bald unglücklich, dass er als Repräsentant der USA im Ausland auftrat. Auf Einladung des sowjetischen Sportkomitees reiste er nach Moskau, wo seine Familie während der Nazi-Zeit gelebt hatte. Er aber fühlte sich in Moskau nicht wohl und ließ das seine Gastgeber spüren. Auf einer Grußkarte bezeichnete er sie als "Schweinebande". Er nahm ihnen übel, dass sie ihn nicht gegen die sowjetischen Großmeister spielen ließen.

Im Juli und August 1972 blickte die Welt auf Reykjavik. Fischers Herausforderung des sowjetischen Schachweltmeisters Boris Spasskij war die Konfrontation zwischen Ost und West. Für die Schachwelt war es der Kampf gegen die schier unschlagbare Schach-Weltmacht Sowjetunion, die 35 Jahre lang den Weltmeister stellte. Für die Medien war es der Kampf zweier politischer Systeme, auch wenn weder Spasskij noch Fischer sich als patriotische Vertreter ihrer Länder und Systeme eigneten. Fischer war allerdings überzeugt, dass die Sowjets ihn mit Strahlung zu kontrollieren versuchten und ließ sich deshalb seine Füllungen aus den Zähnen ziehen. Er nervte seinen Gegner und Schachfreunde mit immer neuen Forderungen nach mehr Geld, mehr Kontrolle über die Spielbedingungen. Vor allem die Fernsehkameras störten ihn. Er kam zu spät, spielte auf Zeit und drohte mit Abbruch. Einmal überredete ihn der amerikanische Außenminister Henry Kissinger, anzutreten. Fischer gewann die Mehrzahl der Partien und wurde Schachweltmeister.

War Bobby Fischers Leben ein Spiel? Das wäre freilich nur die halbe Wahrheit. Im wirklichen Leben habe er sich oft schwer getan mit anderen, vor allem mit Frauen, heißt es. Er habe nichts mehr gehasst als eine öffentliche Person zu sein und den Anspruch der Öffentlichkeit an einen Star wie ihn. Nach dem Sieg in Island spielte er nicht mehr öffentlich. 20 Jahre lang. Dann ließ er sich 1992 zu einer Wiederholung seines Weltmeisterkampfes gegen Spasskij in Jugoslawien überreden und gewann erneut. Er kassierte 3,7 Millionen Dollar, aber er stand nun auf einer Fahndungsliste der amerikanischen Behörden, weil er das Wirtschaftsembargo gegen Jugoslawien durchbrochen hatte. Er lebte in Europa und in Asien, tauchte sporadisch auf und wieder ab. Die USA verlangten seine Auslieferung. 2004 wurde er am Flughafen in Tokio festgenommen und saß neun Monate im Gefängnis.

Fischer nahm die isländische Staatsbürgerschaft an, um eine Auslieferung zu verhindern. Dort, wo sein größter Kampf stattfand, verbrachte er die letzten Jahre und starb am 17. Januar 2008 mit 64 Jahren. Er war krank, aber verkannte offenbar den Ernst seiner Lage und hinterließ kein Testament.

Vor wenigen Wochen setzte die philippinische Mutter der neunjährigen Jinky Young durch, dass Fischers sterbliche Überreste exhumiert wurden. Ein DNS-Test soll die Vaterschaft klären. Die Mutter des Mädchens, Marilyn Young, hat den Test durchgesetzt, um an Fischers Erbe zu kommen. Es geht um 1,6 Millionen Euro. Forderungen stellt auch eine Japanerin, die sagt, Fischer habe sie 2004 in Tokio in Haft geheiratet, um seine Auslieferung zu verhindern. Jinky Young stünden zwei und seiner japanischen Frau ein Drittel des Erbes zu, sofern sie ihre Ansprüche belegen können. Geld wollen außerdem zwei Neffen aus den USA und die amerikanische Regierung. Fischer schulde ihr noch Steuergelder.

Einmal waren beide Frauen zur gleichen Zeit zu Besuch in Island, sagt Einar Einarsson, der ihn seit 2005 kennt. Sie blieben nur einen Monat - ihnen war zu kalt auf Island. Und es gab Spannungen. Fischer verbrachte einige Nächte mit der einen und einige Nächte mit der anderen Frau. "Beide wussten voneinander und waren nicht glücklich darüber", sagt Einarsson. Fischers Freunde und Bekannte in Island zweifeln an der Vaterschaft. Vor allem sagen sie heute, Bobby Fischer hätte niemals gewollt was nun passiert: ein solcher Streit, der private Dinge offenlegt, war das, was er immer mied. Bei seinem Begräbnis 2008 waren angeblich nur vier Leute zugegen. Die Exhumierung im Juli dagegen war ein Medienereignis.