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Chavez zieht Goldreserven ab:Mein Schatz!

Venezuelas Präsident im Goldrausch: Hugo Chavez zieht Hunderte Tonnen des Edelmetalls aus den USA und Europa ab. Außerdem will er die Goldminen verstaatlichen. Seine Gegner vermuten, er wolle sich vor Sanktionen nach der nächsten Wahl schützen - oder von seinem ganz persönlichen Schicksal ablenken.

Die Börsenkurse rutschen ab, das Finanzchaos in Europa und den USA weitet sich aus - da will Venezuelas Präsident Hugo Chávez das Staatsvermögen offenbar an einem sicheren Ort wissen. Und der heißt: Venezuela. Anfang der Woche wandte sich der an Krebs erkrankte Staatschef mit den Worten, er habe sich nie gesünder gefühlt, an sein Volk. Kurz darauf kündigte er an, den staatlichen Zugriff auf das Gold des Landes zu festigen.

Hugo Chavez

Präsident Hugo Chávez: "Wir werden das Gold nationalisieren, denn sein Wert steigt weiter."

(Foto: AP)

Der autoritär regierende Präsident will Venezuelas Goldreserven aus dem Ausland zurückzuholen. Die Rückrufaktion diene dem Schutz seines Landes vor den wirtschaftlichen Problemen in den USA und Europa, so Chávez.

Ganz neu ist dieser Gedanke nicht. Chávez hatte schon früher die Idee geäußert, die Reserven seines Landes aus US-Banken abzuziehen. Zuletzt rief er im Jahr 2008 befreundete Staatschefs auf einem Gipfeltreffen lateinamerikanischer Länder dazu auf. Immer wieder fällt der sozialistische Chávez mit Attacken gegen die kapitalistischen Industrienationen, allen voran die USA, auf.

Bei der jetzt verkündeten Rückholaktion geht es um 211 Tonnen Gold, die in England, Frankreich, Kanada, der Schweiz und den USA lagern. Der Wert: knapp elf Milliarden Dollar. Nach Medienberichten entspricht das knapp 38 Prozent der Reserven, die das südamerikanische Land in anderen Staaten lagert. In Venezuelas Zentralbank soll weiteres Staatsgold im Wert von 7,2 Milliarden US-Dollar liegen. Wann das Edelmetall von außerhalb in die eigene Zentralbank zurückgeschafft werden soll, ließ der Präsident offen. Laut Wall Street Journal hat die Bank of England bereits eine Anfrage zur Rückführung von 99 Tonnen Gold erhalten.

Wie Chávez sprach auch der Zentralbankpräsident Nelson Merentes von einer Vorsichtsmaßnahme. "In diesen unruhigen Zeiten ist es vorzuziehen, unsere Vermögenswerte, in diesem Fall das Gold, zurückzuholen und hier im Tresor liegen zu haben." Außerdem gibt es offenbar Überlegungen, die Währungsreserven aus den USA und Europa nach Asien und Lateinamerika umzuschichten. Nach Angaben der Zentralbank besitzt Venezuela insgesamt fast 28,6 Milliarden Dollar an internationalen Reserven.

Laut Merentes werde eine "größere Streuung in Länder mit solideren Volkswirtschaften" erwogen. Er erwähnte China, das ein "Schutzschild" gegen eine mögliche Verschärfung der internationalen Wirtschaftskrise besitze. Kritiker glauben allerdings, dass nicht allein die Krise der Grund für Chávez' Pläne ist.

Chemotherapie, aber "nichts Ernstes"

Viel eher wird ein Zusammenhang mit einem bereits angekündigten, neuen Antritt bei der Präsidentenwahl im kommenden Jahr vermutet. Demnach könnte der Präsident das Geld zurückholen, um sich auf eventuelle internationale Sanktionen im Zusammenhang mit der Wahl vorzubereiten - falls es etwa zu Unregelmäßigkeiten kommen sollte. Hugo Chávez habe Angst, dass seine Auslandskonten eingefroren werden könnten, sagte ein Oppositionspolitiker. Eine weitere Vermutung lautet, der Präsident wolle mit der Aktion von seinem Gesundheitszustand ablenken, wobei Chávez trotz Chemotherapie gerade erklärte, er habe "nichts Ernstes".

Vielleicht als Beweis seiner Kraft, vor allem aber wohl angesichts des steigenden Goldpreises verkündete Chávez gleich ein weiteres Vorhaben: die Verstaatlichung der Goldbergwerke, im Abbau tätiger Unternehmen sowie von Firmen, die mit Gold handeln. "Wir werden das Gold nationalisieren und in eine internationale Reserve umwandeln, denn sein Wert steigt weiter", erklärte der Präsident. Die Regierung werde damit beginnen, die Goldgebiete in der Region Guayana "einzunehmen", wo derzeit Anarchie, Mafia und Schmuggler herrschten. Dafür nötige Gesetze seien vorbereitet und würden bald verabschiedet.

Eines der wichtigsten Goldbergwerke im Südosten Venezuelas wird von einem russischen Unternehmen kontrolliert. Im Februar hatte die Regierung in Caracas bereits die Konzession für eine kanadische Firma gestrichen. Venezuela steht bei den Goldreserven an 15. Stelle weltweit. 60 Prozent der Produktion kommt aus nicht genehmigten Minen.

In den vergangenen Jahren hatte Chávez bereits andere Schlüsselindustrien verstaatlicht, um sein Projekt eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" zu verwirklichen. So übernahm die Regierung die Kontrolle über die strategischen Energiebereiche des Landes. Der US-Konzern Exxon Mobil fordert bis zu zwölf Milliarden US-Dollar als Entschädigung. Sollte der Präsident die Ansprüche weiter ignorieren, könnten die USA seine Regierungskonten einfrieren, um an die Entschädigungen für die betroffenen Unternehmen zu kommen. Auch das, glaubt der frühere Chef der venezolanischen Zentralbank José Guerra, könnte ein Grund für die aktuelle Gold-Rückrufaktion sein.

© SZ vom 20./21. 8. 2011/jab

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