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Bisherige Bundesbank-Chefs:Die Hüter der Zahnpastatube

Jens Weidmann ist der neue Bundesbankpräsident. In dem Amt gab es schon diverse Kuriositäten. Von Kohl-Widersachern, merkwürdigen Vergleichen und maßlosen Partys. Ein Überblick.

Johannes Aumüller und Helga Einecke

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Wilhelm Vocke (1957 - 1958)

Bundesbank - Präsidenten

Quelle: dpa

Ihr Hauptjob ist es, als "Hüter der Währung" zu wirken. Doch auch daneben fallen sie auf: als Widersacher von Adenauer oder Kohl, mit merkwürdigen Vergleichen oder einer maßlosen Party in einem Berliner Nobelhotel. Die bisherigen Bundesbankpräsidenten. In Bildern.

Die meisten bundesweiten Institutionen gibt es natürlich seit 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland. Doch die Bundesbank ist eine Ausnahme. Wer will, kann deren Geburtsstunde bereits auf den 1. März 1948 datieren, weil in diesem Jahr im Zuge der Währungsreform die Vorgänger-Institution "Zentralbankrat der Bank deutscher Länder" entstand; die "Deutsche Bundesbank" wiederum wurde erst 1957 gegründet. Bei der Suche nach dem ersten Chef bediente man sich gleichwohl beim Personal der bestehenden Einrichtung - und entschied sich für Wilhelm Vocke, zuvor Präsident des Direktoriums der Bank deutscher Länder.

Seine Zeit in diesem neuen Amt betrug nur wenige Monate. Doch in seinem vorherigen Job war er in Debatten, die für die Zukunft der Bundesbank maßgeblich waren, an zentraler Stelle beteiligt. Zunächst plädierte er Ende der vierziger Jahre heftig für die Hansestadt Hamburg als künftigen Sitz des deutschen Finanzzentrums - und unterlag der Pro-Frankfurt-Fraktion. Mitte der fünfziger Jahre zog er den Zorn von Bundeskanzler Konrad Adenauer auf sich, weil er sich erfolgreich gegen den Versuch wehrte, die Unabhängigkeit der Bank deutscher Länder gesetzlich einzuschränken - und so half, den Grundstein für den Ruf der Unabhängigkeit zu legen.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Karl Blessing (1958 - 1969)

Bundesbankpräsidenten

Quelle: dpa

Wilhelm Vocke und sein Nachfolger Karl Blessing, der erste "echte" Bundesbankpräsident, hatten sich schon lange gekannt. Schließlich waren beide vor dem Zweiten Weltkrieg Mitglieder des Reichsbank-Direktoriums gewesen - das sie 1939 im Protest gegen die "hemmungslose Ausgabenwirtschaft" verlassen mussten. Wegen seiner knapp dreijährigen Zeit in diesem Gremium war Blessing später stets umstritten - obwohl er zu einer späteren Zeit des Nationalsozialismus Kontakte zu den Widerständlern im Kreisauer Kreis hielt.

Bei der Bundesbank wurde Blessing - der in gewissem Sinne eine Banker-Dynastie begründete, weil sein Sohn Werner bis zu seinem frühzeitigen Tode Vorstandsmitglied der Deutschen Bank war und sein Enkel Martin heute die Commerzbank führt - für sein Bonmot bekannt, dass es gewisse Situationen gebe, in denen man sich die Ohren verstopfen müsse. Eine Anspielung auf die zahlreichen Einmischungsversuche der CDU-Kanzler Adenauer, Erhard und Kiesinger. Das half aber nichts, denn unter ihm erlitt die Bundesbank im Machtkampf mit der Politik deftige Niederlagen: So erfolgte zum Beispiel die Aufwertung der Mark 1961 gegen seinen Willen - und seine Forderungen nach einer Aufwertung acht Jahre später ("Inflation ist Betrug am Sparer") fanden kein Gehör.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Karl Klasen (1969 - 1977)

Karl Klasen (links unten)

Quelle: picture-alliance / dpa

Die Biographie von Karl Klasen dürfte sich der noch amtierende Bundesbank-Chef Axel Weber ganz genau anschauen. Nicht so sehr, weil der gebürtige Hamburger zu seiner Zeit viele Konflikte mit den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt hatte, die aus Klasens Sicht eine viel zu inflationäre Lohnpolitik betrieben.

Interessanter für Weber dürfte vielmehr die Tatsache sein, dass Klasen bislang der Einzige war, der sowohl in der Bundesbank als auch in der Deutschen Bank Führungspositionen innehatte - und die Spekulationen, das Weber dem Schweizer Josef Ackermann als Deutsche-Bank-Chef folgen könnte, verstummen ja nicht. Allerdings gab es einen kleinen Unterschied: Klasen war erst bei der Deutschen Bank und dann bei der Bundesbank. Andererseits kehrte Klasen aber auch nach seiner Zeit als oberster Währungshüter wieder zur alten Wirkungsstätte zurück - wenn auch nicht ins operative Geschäft, sondern in den Aufsichtsrat.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Otmar Emminger (1977 - 1979)

Otmar Emminger (rechts unten), Karl Klasen (links unten)

Quelle: picture-alliance / dpa

Otmar Emmingers Amtszeit betrug nur zwei Jahre, seine Zeit bei der Notenbank war aber deutlich länger. Seit 1950 arbeitete er dort, galt als "Außenminister" und als einer der Ersten, die dort eine Aufwertung der Mark zumindest mal diskutierten. Im Ausland gab's dafür den Spitznamen "Mister DM". Ein weiteres Zeichen für sein Standing: Als er Ende 1979 pensioniert wurde, schrieb die International Herald Tribune, ein "einzigartig begabter" Mann trete zurück.

In Emmingers Präsidentschaft wiederum fiel einer der größten Affronts im ewigen Streit zwischen Politik und Bundesbank. Kanzler Schmidt sprach davon, die Bundesbank solle ihre Unabhängigkeit nicht "überstrapazieren"; sein Staatssekretär Manfred Lahnstein machte üblicherweise intern besprochene Kritik gegen einen Bundesbank-Beschluss öffentlich - das hatte es noch nie gegeben. Emmingers kühler Konter: Er sei froh, dass die normalerweise nur hinter den Kulissen ausgetragenen Schlachten endlich einmal öffentlich würden.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Karl Otto Pöhl (1980 - 1991)

KARL OTTO PÖHL UND WILLEM FREDERIK DUISENBERG

Quelle: DPA

Er war Journalist und SPD-Mitglied, Mitarbeiter beim Ifo-Institut und Staatssekretär - und später der Bundesbankchef, der aus den Auseinandersetzungen mit den Regierenden die rigideste Konsequenz zog, nämlich: zurückzutreten. Offiziell waren es zwar persönliche Gründe, doch gemeinhin gilt als tatsächlicher Auslöser für diesen Schritt seine Kritik an Helmut Kohls Konzeption der Währungsunion, die zwischen Ost- und Westmark einen Umtauschkurs von 1:1 vorsah.

Zuvor hatte Pöhl (links, hier mit dem früheren EZB-Chef Wim Duisenberg), der bereits mit 50 das Amt des Bundesbankchefs übernommen hatte, in der Phase des zweiten Ölpreisschocks und der Wirtschaftsflaute mit seiner Arbeit überzeugt. Um einen bildhaften Spruch war er nie verlegen, und so wandelte er Blessings "Inflation ist Betrug am Sparer" in folgendes Zitat um: "Inflation ist wie Zahnpasta. Wenn sie erst mal raus ist, kriegt man sie kaum mehr rein. Am besten ist es daher, man drückt gar nicht erst hart auf die Tube."

Auch seine Nach-Bundesbank-Vita könnte für Weber interessieren: Pöhl wechselte nach einem Jahr zur Privatbank Sal. Oppenheim.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Helmut Schlesinger (1991 - 1993)

HELMUT SCHLESINGER

Quelle: DPA

Nach Pöhls Rücktritt galt zunächst der Kohl-Berater Hans Tietmeyer als Favorit auf den Posten - doch der musste sich noch gedulden. Stattdessen kam Helmut Schlesinger, seit 1970 Mitglied im Direktorium und seit 1980 Vizepräsident, zum Zug. Allerdings nur für zwei Jahre.

Schlesinger hatte seit Jahrzehnten die Notenbankpolitik und vor allem die Geldmengensteuerung konzipiert und gestaltet. Seine Thesen zu diesem Arbeitsgebiet hatte er stets im Gepäck, selbst im fernen Nepal. Dort konfrontierte ihn jemand mit der Frage, was denn das berühmte buddhistische Mantra "Om mani padme hum" auf Deutsche bedeute. Schlesingers Antwort: "Man muss die Geldmenge knapp halten."

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Hans Tietmeyer (1993 - 1999)

VOGEL KOHL MERKEL WAIGEL TIETMEYER

Quelle: AP

1993 war dann endlich die Zeit von Hans Tietmeyer (rechts im Bild) gekommen. Es war natürlich eine kuriose Konstellation, dass bei der Bundesbank nun jemand am Ruder war, der wenige Jahre zuvor eine Währungsunion konzipiert hatte, wegen der sein Vorvorgänger Pöhl zurückgetreten war. Wegen seiner Rolle als Kohl-Berater war er politisch auch nicht so einfach vermittelbar; unter anderem Oskar Lafontaine wetterte gegen Tietmeyers Ernennung. Doch im Laufe der Zeit gelang es ihm, als ebenso unabhängig zu erscheinen wie seine Vorgänger. Unter anderem setzte er sich 1997 im Kampf um die politisch gewünschte Höherbewertung der Devisen- und Goldreserven gegen den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU, 2.v.re.) durch.

Auch nach seiner Bundesbank-Zeit arbeitete Tietmeyer, der Ende der achtziger Jahre Glück hatte, als ein Anschlag der RAF auf ihn scheiterte, als Berater in wirtschaftspolitischen Fragen. Große Diskussionen um ihn gab es 2008, als ihn Kanzlerin Angela Merkel als Vorsitzenden einer Expertengruppe, die sich mit der Neuregelung der Finanzmärkte befassen sollte, berief. Doch zugleich saß Tietmeyer noch im Aufsichtsrat der späteren Pleite-Bank Hypo Real Estate. Doch nach öffentlicher Aufregung verzichtete er auf sein Amt.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Ernst Welteke (1999 - 2004)

Welteke will mehr Geld

Quelle: ddp

Kein Bundesbankchef vor ihm gelangte so sehr ins öffentliche Interesse - allerdings war der Anlass wenig schmeichelhaft. Im Frühjahr 2004 deckten Reporter des Spiegels einen Skandal rund um Ernst Welteke auf: Die Dresdner Bank hatte den 61-jährigen gemeinsam mit weiteren Familienangehörigen zu einem mehrtägigen Aufenthalt ins Hotel Adlon eingeladen hatte. Für insgesamt mehr als 7500 Euro. Kurz danach ließ Welteke sein Amt als Bundesbankchef ruhen.

Sein Weg in dieses Amt war nicht alltäglich gewesen. Oftmals war bei der Suche nach einem Bundesbankpräsidenten einfach der bis dahin amtierende Vize als Nachfolger ausgewählt worden, doch Welteke stieß von außerhalb in die Frankfurter Institutionenzentrale. Er hatte eine richtige politische Laufbahn eingeschlagen, war Abgeordneter des Hessischen Landtages, SPD-Fraktionsvorsitzender und Finanzminister, ehe er 1995 auf Betreiben seines langjährigen politischen Weggefährten Hans Eichel Präsident der hessischen Landeszentralbank und vier Jahre später wiederum auf dessen Betreiben Bundesbankchef wurde. Eine besondere Schwierigkeit für die Männerfreundschaft: Als Welteke sein Amt niederlegte, hieß der Bundesfinanzminister - Hans Eichel.

Auf Welteke folgte für eine Interimsphase Jürgen Stark, ehe 2004 Axel Weber übernahm.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Axel Weber (2004 - 2011)

Axel Weber

Quelle: AP

Ein Wissenschaftler ohne Parteibuch an der Spitze der Bundesbank sollte der Institution nach dem Rücktritt von Ernst Welteke neuen Glanz verleihen. Das klappte auch. Der damals 47-jährige Professor Axel Weber orientierte die Bundesbank um, im Rat der Europäischen Zentralbank hatte seine Stimme Gewicht. In der Finanzkrise stand er Kanzlerin Merkel zur Seite, hatte einen engen Draht zu ehemaligen Studenten, die in die Politik gegangen waren. Erst die Euro-Krise entfremdete den Mann von seinen europäischen Kollegen und dann von der Politik. Er machte sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zum Feind, indem er die Käufe der Staatsanleihen öffentlich anprangerte. Seine aussichtsreiche Kandidatur für die Trichet-Nachfolge platzte. Weber kündigte ein Jahr vor Ende seiner Amtszeit und stieß Merkel damit vor den Kopf. Er geht nun im Alter von 54 Jahren erst einmal für ein Jahr an die Uni nach Chicago, manche glauben, er könnte Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank folgen.

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Bisherige Bundesbank-Chefs:Jens Weidmann (2011 - )

Bundesbank-Praesident Jens Weidmann

Quelle: dapd

Der 43-jährige Jens Weidmann ist der jüngste Bundesbankpräsident aller Zeiten. Er ist in der Notenbank kein Unbekannter, bis 2006 war er dort Abteilungsleiter für Geldpolitik. Dann wechselte er auf Empfehlung von Bundesbankchef Weber als Berater zu Kanzlerin Angela Merkel. Jetzt kehrt er zurück. Seine fachliche Qualifikation steht außer Frage, zumal er vor seinen Stationen in Bundesbank und Politik auch international unterwegs war. Zwei Jahre arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds, später war er Generalsekretär des Sachverständigenrates zu Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Fachleute sind gespannt, wie schnell er sich von seiner ehemaligen Chefin Angela Merkel abnabeln wird. Gefragt ist seine Stimme im EZB-Rat, wo Deutschland wegen seiner Stabilitätskultur und seiner Größe im Euro-Raum ein besonderes Gewicht zukommt. Im Ausland wird er bisher nur als "Merkels Mann" wahrgenommen. Die eigenen Duftmarken muss er noch setzen.

© sueddeutsche.de/aum/hgn
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