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Software:Wie Firmen versuchen, das Elend von Videokonferenzen zu lindern

Ob Zoom, Skype oder Webex: Videokonferenzen können nicht jeden Aspekt persönlicher Treffen ersetzen.

(Foto: Wilson Ring/AP)

Räumlicher Sound, Meditations-Auszeiten und virtuelles Pendeln: Unternehmen lassen sich einiges einfallen, um Video-Konferenzen erträglicher zu gestalten. Bislang mit begrenztem Erfolg.

Von Michael Moorstedt

Die Wiederbesiedlung der Büros ist noch gar nicht abgeschlossen, da wird schon wieder darüber nachgedacht, sie erneut zu schließen. Die Zahlen steigen, der zweite Lockdown naht, also zurück vor die Zoom-Kameras. Doch wer hält das noch aus? Wie das Wall Street Journal berichtet, erlauben immer mehr Unternehmen ihren Angestellten inzwischen, tageweise Pausen von den Videokonferenzen zu nehmen. All die virtuellen Hintergründe und lustigen Comic-Avatare, auf die man zurückgreifen kann, um der Tristesse entgegenzuwirken, scheinen nicht mehr zu helfen.

Trotzdem muss es ja weitergehen. Und deshalb gibt es immer wieder neue Ideen, um das Isolationsgefühl zu lindern. Microsoft etwa versucht, sogar das Pendeln zu simulieren. Nicht in dem Sinne, dass man sich nun auch vor der Arbeit im Heimbüro mit dem Kopf an eine Scheibe lehnt, so wie man es früher in der U-Bahn gemacht hat, zusammen mit all den anderen erschöpften Gestalten. Die Angestellten sollten vor der Arbeit in sich gehen und ihre Gefühlslage erforschen. Fühlt man sich überfordert, blockt die Kalender-Software ein bisschen Zeit, um runterzukommen. Deutet der sich verdunkelnde Himmel dann den Feierabend an, zeigt das Programm alle Aufgaben, die man an diesem Tag erledigt hat, und man darf zufrieden nicken. Bei Bedarf wartet auch noch eine musikalisch untermalte Meditationsrunde auf den Nutzer. Natürlich soll all das in letzter Konsequenz nur die Produktivität des Angestellten verbessern. Und sowieso ist es fraglich, ob 15 Minuten Sitarmusik über acht Stunden Webcam-Sitzung hinwegtrösten können.

Mit Technologie gegen die Konferenz-Tristesse

Vielleicht ist all das aber ohnehin der falsche Weg. Vielleicht kann die Simulation von Räumlichkeit, Nähe und Normalität nur zu Enttäuschung und Erschöpfung führen. Ist eine sichtbare Repräsentation der Nutzer nicht viel zu naheliegend? Ließe sich mit den potenziell unbegrenzten Möglichkeiten des digitalen Daseins nicht eine gänzlich neue Form der Zusammenkunft finden? Eine, die nicht durch einfrierende Bildchen gestört wird, bei der man nicht permanent mit gekrümmtem Rücken in die Kamera lächeln muss.

Auch das Start-up High Fidelity entwarf kurz nach Gründung eine künstliche Welt, die man mittels Virtual-Reality-Brille zusammen mit seinen Freunden erkunden sollte. Inzwischen aber hat man dem Visuellen abgeschworen und setzt gänzlich auf eine hörbare Erfahrung. Große Live-Events seien sowieso "dem Untergang geweiht", heißt es zu Beginn auf der Website als Begründung. Das klingt schon einigermaßen hoffnungslos, aber heutzutage ist es wohl naheliegend, sein Produkt mittels apokalyptischer Szenarien anzupreisen.

Statt auf Video setzt High Fidelity auf 3-D-Audio-Technik, das bedeutet, je näher und entfernter man den Punkten der anderen Teilnehmer ist, desto lauter oder leiser hört man ihre Stimmen. Der einzelne Nutzer wird nicht per Kamera-Stream aus seinem Wohnzimmer zugeschaltet, stattdessen findet er sich als farbiger Punkt auf einer abstrahierten Strandlandschaft wieder, die aus der Vogelperspektive dargestellt wird. Man erkennt einen Pool und Liegestühle, Palmen und ein DJ-Pult, zwischen denen die einzelnen Blobs hin- und herwabern, je nachdem wohin man mit der Maus oder der Tastatur gerade steuert.

Kann eine solche Abstraktion wirklich Abhilfe schaffen? Immerhin fallen dadurch all die subtilen, nichtsprachlichen Momente der Kommunikation, die ein Gespräch mit ausmachen, das Lächeln und Zwinkern und Stirnrunzeln, ja ersatzlos weg. Als Ausgleich erhält man die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Kann die eine Konversation verlassen und sich, ganz wie früher, zur nächsten Gesprächsrunde gesellen. Und will man ungestört heikle Themen bereden, kann man seinen Farbpunkt einfach ins Abseits steuern. Manche Nutzer berichten, noch nie seien sie dem Bar- und Kneipen-Gefühl von einst näher gekommen als durch High Fidelity. Im Hintergrund hört man trotzdem noch gedämpft das Murmeln der anderen Anwesenden. Dieses beruhigende soziale Grundrauschen, von dem man wohl nie geahnt hätte, wie sehr man es mal vermissen würde.

© SZ vom 05.10.2020
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