Wikileaks-Kopf Julian Assange Warum Wikileaks dem verhafteten US-Soldaten hilft

SZ: Welche Vorkehrungen treffen Sie, dass Sie kein potentiell korrumpiertes Material veröffentlichen, das Ihrer Arbeit schaden könnte?

Assange: Wie überprüfen jedes Material, bevor wir es veröffentlichen. Soviel wir wissen, haben wir bisher kein korrumpiertes Material veröffentlicht. Aber es wird sicher ein erstes Mal geben.

SZ: Haben Sie schon korrumpiertes Material entdeckt?

Assange: Ja. Da gibt es zwei Sorten. Da gibt es Material, das reiner Müll ist. Das erkennt man sofort. Aber es gab auch schon schwerwiegende Fälschungen von Geheimdiensten.

SZ: Vor sechs Wochen hat man einen Mann verhaftet, der Ihr Informant gewesen sein soll.

Assange: Bradley Manning ist ein 22-jähriger Geheimdienstanalyst für die US Army. Er wurde in Bagdad festgenommen. Er ist angeblich die Quelle für das Collateral-Murder-Video, das die Tötung von 18 bis 26 Menschen in einem Vorort von Bagdad zeigt, zu denen auch zwei Reuters-Journalisten gehörten. Er wurde nach Kuwait überführt, wo er inhaftiert ist. Sollten die Anschuldigungen wahr sein, dass er der Whistleblower war, der uns das Video zur Verfügung stellte, ist er ein politischer Gefangener der USA, der in Kuwait festgehalten wird, was es ihm unmöglich macht, mit der Presse zu sprechen oder sich effektiv rechtlich vertreten zu lassen.

SZ: Würde es Wikileaks schaden, wenn Manning schuldig gesprochen würde und herauskäme, dass er Ihre Quelle war? Hätten dann nicht andere Hemmungen, ihre Dokumente über Wikileaks zu veröffentlichen?

Assange: Es wird angenommen, dass Manning mit einem Journalist gesprochen hat, der nicht mit Wikileaks affiliiert war. Dieser Journalist hat ihn angeblich verraten. Bisher hat unsere Arbeitsweise, soweit uns das bekannt und bewusst ist, nie einer Quelle geschadet.

SZ: Haben Sie Zugang zu Bradley Manning, seit er verhaftet wurde?

Assange: Ja, unsere Anwälte hatten Kontakt mit seinen Militäranwälten. Man wird ihm zivile Anwälte im Gerichtssaal erlauben. Wir leisten finanzielle Hilfe bei seinen Anwaltskosten.

SZ: Warum tun Sie das, wenn er angeblich nicht Ihre Quelle war?

Assange: Wir haben da keine andere Wahl, es würde sonst der Eindruck erweckt, dass es ein großes Risiko ist, mit uns zu arbeiten. Deswegen müssen wir jedem helfen, der wegen uns Anschuldigungen ausgesetzt ist.

SZ: Sie können kategorisch ausschließen, dass Manning Ihre Quelle war?

Assange: Wir können mit absoluter Sicherheit sagen, dass wir den Namen Bradley Manning zuvor nie gehört hatten.

SZ: Die Aufzeichnungen des Chat-Programms lassen den Schluss zu, dass er in konstantem Kontakt mit Ihnen stand.

Assange: Die Aufzeichnungen des Chat-Programms, die veröffentlicht wurden, sind alle von dem Journalisten weitergegeben worden, der ihn angeblich verraten hat. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Aufzeichnungen manipuliert wurden. Wired Magazine hat selbst zugegeben, dass ein Viertel der Aufzeichnungen veröffentlicht wurden.

SZ: Die Aufzeichnungen, die veröffentlich wurden, deuten aber darauf hin, dass Manning zugegeben hat, dass er in Kontakt mit Ihnen stand, er beschreibt Sie als den "weißhaarigen Australier".

Assange: Es wäre ein Fehler, wenn wir Einzelheiten von Beweisstücken diskutieren würden. Vor allem Beweisstücke, die wahrscheinlich manipuliert wurden.

SZ: Gab es nicht eigentlich die Hoffnung, dass die Obama-Regierung die Geheimniskrämerei-Politik der Bush-Jahre revidieren würde?