Virtuelle Therapie Facebook versucht, suizidgefährdete Nutzer zu erkennen

Facebook will mithilfe von künstlicher Intelligenz Suizidgefährdeten helfen.

(Foto: dpa)
  • Facebook identifiziert unter seinen Mitgliedern neuerdings Suizidgefährdete und bietet ihnen Hilfe an.
  • Es gibt mehrere Apps, die ähnlich vorgehen.
  • Allerdings gibt es keine verlässlichen Studien über die Erfolgsquoten der virtuellen Therapien.
Von Michael Moorstedt

Es vergeht scheinbar keine Woche, in der Facebook die Welt nicht zu einer besseren machen will. Die neueste Episode geht so: Das soziale Netzwerk will durch künstliche Intelligenz Nutzereinträge identifizieren lassen, die auf Suizidgedanken hindeuten. Wer der KI auffällt, wird von menschlichen Mitarbeitern geprüft. Wenn auch diese Selbsttötungsabsichten erkennen, werden die Betroffenen kontaktiert. Facebook gibt ihnen Tipps und nennt ihnen Beratungsstellen.

Facebook ist damit aber keineswegs Vorreiter in Sachen digitaler Seelsorge. Andere waren vorher da, wie zum Beispiel eine kleine App namens Koko - ein Anagramm von Ok, ok. Was als MIT-Ausgründung begann und ursprünglich ein lockeres Ersthelfer-Geplänkel von Nutzer zu Nutzer sein sollte, ist mittlerweile beinahe automatisiert. In besonders schweren Fällen wird zwar immer noch ein menschlicher Moderator eingeschaltet, in 90 Prozent der Situationen übernimmt aber die Software die Beratung und Krisenintervention.

Seit einiger Zeit ist Koko fest in gerade bei Teenagern populären Chat-Apps wie Facebook Messenger, Kik oder Telegram installiert. Nach einer weiteren erfolgreichen Finanzierungsrunde soll schon bald jeder digitale Assistent mit dieser Art von empathischer künstlicher Intelligenz ausgestattet werden. Siri, Alexa, und wie sie alle heißen, würden dann in einem weiteren Sinn für mehr Orientierung bei ihren Nutzern sorgen.

Findige Start-ups

Es scheint dem Menschen nun mal ein tiefes Bedürfnis zu sein, seine persönlichen Probleme im Internet auszuschütten. Nicht umsonst gibt es für jede psychische Störung und jeden Tick unter der Sonne Selbsthilfeforen im Netz. Und so steigen findige Start-ups in den Markt mit den virtuellen Therapeuten ein. Unternehmen wie X2AI programmieren Psycho-Chatbots am laufenden Band. Sie tragen harmlose, vertrauenerweckende Namen wie Emma, Sara oder Karim. Einer soll traumatisierten Flüchtlingen aus Syrien helfen, der nächste Angst und Depression von Teenagern lindern und ein weiterer Motivationsprobleme lösen.

Es gibt keine verlässlichen Studien über die Erfolgsquoten der virtuellen Therapien. Natürlich tauchen auch sofort die Kritiker auf, die fragen, was es über das Menschsein in der Gegenwart aussage, wenn die Verzweifelten und Geplagten ihre Sorgen und Ängste nun einer Maschine beichten. Dabei ist der Gedanke, dass ein Programm für seelisches Wohlbefinden sorgen kann, gar nicht so abwegig. Der Mensch tendiert eben schon immer dazu, das Verhalten von Maschinen analog zu dem von Menschen zu bewerten.

Mitte der Sechziger programmierte der MIT-Informatiker Joseph Weizenbaum eine simple Chat-Software namens Eliza. Diese imitierte einen gutmütigen Psychotherapeuten, indem es die Aussagen seiner menschlichen Gesprächspartner in Fragen umwandelte und zurückspielte. So wurde das Programm von den Probanden tatsächlich als mitfühlend und emotional wahrgenommen, selbst wenn sie wussten, dass sie es mit einem Computer zu tun hatten. Weizenbaum war entsetzt: Einige Versuchspersonen baten sogar, mit der Maschine alleine gelassen zu werden. Das, was sie Eliza mitzuteilen hätten, sei einfach zu persönlich.

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