bedeckt München 30°

Twitter vs. QAnon:Spinner zu sperren, ist keine Zensur

Twitter hat sich eine ganz spezielle Szene vorgenommen.

(Foto: Matt Rourke/AP)

Jeder Mensch darf Unsinn erzählen. Die Verschwörungsmythen der QAnon-Bewegung sind aber mehr als Quatsch. Gut, dass Twitter ihre Reichweite einschränkt - aber das reicht nicht.

Kommentar von Simon Hurtz, Berlin

Wenn Chrissy Teigen ihren Twitter-Account öffnet, wird ihr künftig etwas weniger Hass entgegenschlagen. "Ihr habt kein Recht, Attacken zu koordinieren und Todesdrohungen auszusprechen", schreibt das US-amerikanische Model. "Es ist keine Meinung, Menschen als Pädophile zu bezeichnen, die Kinder vergewaltigen und aufessen."

Wie viele andere Prominente ist Teigen ins Visier der rechtsradikalen QAnon-Bewegung geraten. Gegen dieses Netzwerk geht Twitter nun vor. Mehr als 7000 Konten, die Twitter der Bewegung zurechnet, hat die Plattform bereits gelöscht, außerdem sollen Reichweite und Sichtbarkeit der Verschwörungsmythen eingeschränkt werden.

Das ist eine gute Nachricht. Nicht nur für Teigen, die kürzlich mitteilte, sie habe bereits "eine Million Konten" blockiert und werde trotzdem konstant belästigt und bedroht; nicht nur für andere Twitter-Nutzer, die ein bisschen weniger Irrsinn zu sehen bekommen. Es ist eine gute Nachricht für alle Menschen, denen Hass und Wahn noch nicht das Denken vernebelt haben. Denn QAnon steht nicht mehr nur für ein paar Spinner, die man einfach ignorieren kann. Die Bewegung ist gefährlich - und ihre Lügen haben reale Konsequenzen.

Was vor drei Jahren in einem obskuren Online-Forum begann, reicht längst weit in die Gesellschaft hinein. QAnon-Anhänger glauben, die Demokraten bereiteten einen Staatsstreich gegen Donald Trump vor. Sie wittern überall vermeintliche Pädophilen-Netzwerke, ihr Weltbild ist geprägt von Rassismus und Antisemitismus. Mehrfach wurden bewaffnete QAnon-Unterstützer festgenommen, teils schossen sie auf andere Menschen.

Immer wieder teilen Trump und andere Republikaner QAnon-Botschaften. Auch in Deutschland greifen die Verschwörungserzählungen um sich: Auf Online-Plattformen und Messengern wie Telegram vermischen sich Corona-Leugner und QAnon-Gläubige, in einigen Gruppen wird zum bewaffneten Widerstand aufgerufen.

Twitters Maßnahmen sind keine Zensur, wie es manche nun beklagen. Jeder Mensch darf Unsinn verbreiten. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, und der Unterstellung, Chrissy Teigen verspeise Kinder zum Frühstück. Wenn Tausende Accounts koordinierte Angriffe auf Einzelne starten und Anhänger zu den Waffen greifen, werden Grenzen überschritten, die nichts mit Redefreiheit zu tun haben.

Wer den Unsinn von seiner Plattform verbannt, tilgt den Unsinn nicht aus den Köpfen. Aber er verhindert, dass er noch mehr Menschen erreicht und sich die Verschwörungsideologien weiter in die Gesellschaft hineinfressen. Das hat Twitter nun endlich erkannt. Wie die New York Times unter Berufung auf zwei anonyme Angestellte berichtet, bereitet Facebook ähnliche Schritte vor. Andere Plattformen wie Youtube sollten sich ein Beispiel nehmen.

© SZ/fzg
Smartphone mit aufgedeckter Falschinformation in einem sozialen Netzwerk *** Smartphone with revealed false information

SZ Plus
Deplatforming
:Keine Bühne für Rassisten

Von Facebook bis Youtube werfen die großen Plattformen reihenweise Rechtsradikale raus. Der Sinneswandel ist überfällig. Soziale Netzwerke dürfen kein Spielplatz für Extremisten sein.

Von Simon Hurtz

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite