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Biographie über Steve Jobs:Das Stehauf-Apfelmännchen

Steve Jobs war ein begnadeter Verkäufer. Und der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Walter Isaacson reportiert in seiner nun in Deutschland erscheinenden Biographie das wechselvolle Leben des kürzlich verstorbenen Apple-Gründers. Ihm gelingt ein unaufgeregtes und stimmiges Porträt.

Bernd Graff

Hätte Steve Jobs vor fünf Jahren das getan, was er 1976 getan hat, und hätte er es als der Steve Jobs getan, der er damals war: Ein Guru-Sucher, Aschram-Pilger, der Fleisch und Milchprodukte verabscheut und sich aus Hygiene-Gründen nicht wäscht, ein 21-Jähriger mit mittelmäßigem Elektronik-Faible, der auf die Idee kommt, in der elterlichen Garage eine Computerfirma zu gründen - er wäre nicht einmal verlacht worden. Er wäre nicht einmal gescheitert, er wäre gar nicht erst zur Kenntnis genommen worden.

Und selbst, wenn dieser Steve Jobs vor fünf oder zehn Jahren entdeckt hätte, dass man Computer und Telefone aus Holz bauen kann und sie auch noch gefertigt hätte, sagen wir in Mahagoni, dann hätte man gesagt: Prima, jetzt brennen sie noch besser. Es wäre also gar nichts passiert. Der Apfel, so viel Wortwitz muss angesichts des Firmennamens Apple jetzt mal sein, wäre einfach nur nicht weit vom Stamm gefallen.

Ein begnadeter Verkäufer

Dass es jedoch ganz anders kam, dass Steve Jobs 1976 ein Unternehmen gründete, das inzwischen zu den drei wertvollsten der Welt zählt, dass seine Firma Apple einige der besten und sicherlich auch schönsten Elektronik-Produkte herstellt, hat zwei Gründe. Zum einen war der Anfang des Monats verstorbene Jobs ein begnadeter, ja geradezu charismatischer Verkäufer. Und zum anderen war er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Dass man dies ausdrücklich erwähnen muss, dass also Steve Jobs, jenes in seiner Jugend vagabundierende Adoptivkind, das von einem ehemaligen Matrosen und einer Kriegswitwe großgezogen wurde, auch ein Schoßkind der glücklichen Stunde und der Zeitläufte war, liegt nicht zum mindesten an einer von ihm vor seinem frühen Tod in Auftrag gegebenen und ausdrücklich autorisierten Biographie, die nun vorliegt. "Steve Jobs" ist sie betitelt.

Der amerikanische Journalist Walter Isaacson hat sie verfasst, Autor von Büchern zum Leben Albert Einsteins, Benjamin Franklins und Henry Kissingers. Und Isaacson geht keinesfalls devot zu Werke. Das Bild, das er von Steve Jobs zeichnet, ist nicht etwa das einer übermenschlichen Heilsgestalt. Isaacson reportiert ein Leben. Nüchtern tut er es. Und das ist der größte Gefallen, den er seinen Lesern tun kann.

Denn Jobs' nur sechsundfünfzig Jahre kurzes Leben ist aufregend, erstaunlich, manchmal Atem raubend genug gewesen. Der Mann hat unfassbare Höhen und Tiefen durchschritten - beruflich wie privat. Eine Geschichte von Siegen und Niederlagen. Und wenn Steve Jobs auch mitunter wie ein Korken auf dem Wasser trieb, blieb er dennoch der Navigator seines Lebens. So jedenfalls zeichnet ihn Isaacson: talentiert und furchtlos, manchmal orientierungslos.

In seiner in jeder Hinsicht ungebremsten Wucht eine Ausnahmeerscheinung als Firmenlenker: cholerisch, kontrollversessen, detailverliebt und unbelehrbar. Ein Mann, der um seine Ausnahmestellung wusste, sich gerne für einen Prometheus hielt und bestimmt kein Philanthrop war. Ein Ikarus, ein Phoenix, ein Midas - ein Stehauf-Apfelmännchen, wenn man so will.

Über die schier unglaubliche Geschichte des von Steve Jobs und Steve Wozniak gegründeten Unternehmens Apple ist immer schon und gerade in jüngster Zeit viel geschrieben worden. Jüngste Anlässe waren der krankheitsbedingte Rückzug Jobs' aus seinen Vorstandsämtern im August und sein Tod vor nicht einmal einem Monat. Es ist eine märchenhafte Geschichte von anfänglichem Erfolg, von einem Jahrzehnt nahezu ruinöser Fehlentwicklungen und dem Verlust von Marktmacht und -bedeutung, von triumphaler Rückeroberung und Alleinstellung.

Minutiös und detailliert

Aber so minutiös und detailliert wie Isaacson sie jetzt unter den Augen des Firmenpatrons aufgeschrieben hat, will und muss man sie gar nicht kennen. Doch weil diese Firmengeschichte so untrennbar mit Steve Jobs verbunden ist, erscheinen die von Isaacson eingeholten Stimmen seiner wichtigsten Wegabschnittsgefährten, seiner Freunde und Gönner, aber auch die seiner Konkurrenten und Feinde, in diesem Kontext viel aufschlussreicher, das Bild des Menschen Steve Jobs zu zeichnen. Denn wesentlich interessanter als die teilweise bislang unbekannten Hintergründe und Details so mancher Entscheidungsfindung des Apple-CEO sind die Facetten des Menschen Steve Jobs.

"Extrem chaotische Persönlichkeit"

Jobs, so klingt jedenfalls das Leitmotiv des Buches, sah sich selber an der "Schnittstelle von Geistes- und Naturwissenschaften." Das ist beschönigend. Denn tatsächlich war der Studienabbrecher weder das eine noch das andere. Er war, so seine Ehe-Frau Laurene, vielmehr eine in Teilen "extrem chaotische Persönlichkeit".

Es ist ein Verdienst von Isaacson, der den Auftrag, diese Biographie zu verfassen, im Jahr 2009 von dem damals schon krankheitsgezeichneten Jobs bekam, die Nachtseiten dieser Person klar und ausführlich zu benennen. Und es ist diese Aufrichtigkeit, welche die positiven Eigenschaften des Steve Jobs darum glaubhaft und nicht schmeichlerisch geschildert erscheinen lassen. Klar, das Buch ist auch eine Hagiographie, aber es handelt eben auch von einem außergewöhnlichen, solitären Leben, das da am 5. Oktober 2011 zu Ende ging.

Isaacson betreibt keine Analyse des Steve Jobs. Dessen Psyche, seine Motivation werden nie am Küchentisch gedeutet. Der Autor erklärt nicht, sondern gestattet sich allenfalls die Kontrastierung von Opponenten, um das Phänomen dieses eigentlich kaum nahbaren Einzelgängers zu illustrieren. Steve Jobs war ein begnadeter Performer, etwa in der Inszenierung seiner Produkteinführungsveranstaltungen, den Keynotes. Aber er war kein Redner. Und das wusste er auch.

So war es mehr als verwunderlich, dass Jobs im Jahr 2005 die Einladung annahm, die Eröffnungsrede für das akademische Jahr an der Stanford Universität zu halten. Jobs, so Isaacson, "bekam Panik". Doch es wurde eine der persönlichsten Ansprachen, die ein Firmenvorstand jemals öffentlich gehalten hat. Denn Jobs erzählte hier die Geschichten seiner großen Niederlagen. Die letzte behandelte seine damals schon dramatische Krebserkrankung. "Eure Zeit ist begrenzt", sagt er. Die Rede schließt mit: "Bleibt hungrig, bleibt verrückt!"

Diese persönlichen Bekenntnisse sind deswegen so bemerkenswert, und Isaacson leistet hier ganze Arbeit, da er dessen nächstes Umfeld immer wieder danach befragt, weil Jobs wohl große Probleme damit hatte, seine Gefühle zu zeigen. So kommt Joan Baez, die berühmte Folksängerin zu Wort, mit der er zu Beginn der achtziger Jahre liiert war: "Er war romantisch und hatte gleichzeitig Angst davor, romantisch zu sein." Walter Isaacson hat mit dieser Biographie ein unaufgeregtes und stimmiges Porträt von Steve Jobs gezeichnet: das eines Individualisten, der zeitlebens auf der Suche war.

WALTER ISAACSON: Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers. C. Bertelsmann Verlag, Müchen 2011. 704 Seiten, 24,99 Euro.

© SZ vom 27.10.2011/mri
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