Soziale Medien Die "welterschütternde Macht" der sozialen Medien

Berücksichtigt ist auch noch nicht die explosive Zunahme von Falschmeldungen und Hassrhetorik. Doch gerade das kumulative Zusammenspiel von Echokammern, Unwahrheiten und Hetzangriffen fördert die Segregation von Gesinnungswelten erst recht. Farhad Manjoo, der amerikanische Spezialist für neue Medien und Medientechnologien, der schon lange vor der jetzt in Mode gekommenen Phrase von der post-faktischen Kommunikation sprach ("True Enough: Learning to Live in a Post-Fact Society", 2008), scheut sich heute nicht mehr, den sozialen Medien eine "welterschütternde Macht" zuzuschreiben.

Seine Sorgen scheinen kaum übertrieben. Natürlich sind die sozialen Medien nicht die Ursache für die Krise der traditionellen Medien, für die Abstiegssorgen der Mittelklassen, für die zunehmende Attraktivität autoritärer Regime oder für sonstige mentale Destabilisierungsprozesse in so vielen Ländern. Aber sie haben das Potential, diese Prozesse hochzuschaukeln, indem sie polarisierten Geistern getrennte kommunikative Sammelbecken liefern, indem sie in den eingehegten Schonräumen politische und rhetorische Enthemmung erleichtern und indem sie gemeinsame Wahrheitsfindung entwerten.

Netzwerke wie Facebook behindern vernunftorientierte Kommunikation

"Das Internet manifestiert sich heute nicht mehr als öffentlicher Raum, als ein Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns", schrieb 2013 der Philosoph Byung-Chul Han, "es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich." Nicht zufällig verwendet Han hier den Habermas'schen Begriff des "kommunikativen Handelns". Der besagt, dass im Idealfall Demokraten einander nicht nur egalitär, herrschafts- und täuschungsfrei begegnen, sondern vor allem, dass ihre Kommunikation verständigungs- und vernunftorientiert ist; die besseren Argumente sollen überzeugen.

Dieses idealtypische Modell scheint ein Netzwerk wie Facebook geradezu verhindern zu wollen: privatisierte politische Sprachen, Barrieren zwischen den Perspektiven, Vorrang von Emotion vor Sachlichkeit und Neutralität, politischer Separatismus, Hermetik statt gemeinsamer Hermeneutik, Sturm und Drang statt praktischer Vernunft.

Dieter von Holtzbrincks Feststellung, dass "die Autokraten dieser Welt sich dieses Mediums bemächtigt haben und es intelligent anwenden" (Handelsblatt vom 30.11.2016), gibt deshalb nur die eine Seite der Medaille wieder. Denn Voraussetzung für die "intelligente" Nutzung von Facebook durch Autokraten ist ja, dass sich Facebook dafür hergibt. It takes two to tango. Warum passen der autoritäre Anspruch von Autokraten und der tausendfach zersplitterte, antiautoritäre Reflex der Nutzer zusammen? Wenn die Nutzer in Facebook ihrem Eigensinn und Abgrenzungsverlangen freien Lauf lassen können - was ist das für ein Eigensinn, was für ein Identitätsanspruch, der sich an Autokraten abtreten und delegieren lässt? Wie auch immer diese Paradoxie zu erklären ist, sie kann nur funktionieren auf Kosten von Offenheit und Respekt vor Andersheit.

Lüge hat tausend Gesichter, Wahrheit nur eines

In der Tat, im Gegensatz zu Zuckerbergs Credo in seinem oben zitierten Investorbrief, dass das Netzwerk dem "besseren Verständnis für das Leben und die Sichtweisen anderer" diene, verhält es sich umgekehrt: Facebook ist das Massenmedium, das es allen Beteiligten erlaubt, von den Sichtweisen der anderen verschont zu werden. Mehr noch, es schafft genau die Fremdheit, die man dann aggressiv ablehnt.

Folgerichtig ist in sozialen Medien die politischen Korrektheit noch verpönter als in den meisten traditionellen Medien. In den Tagen nach der Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox haben auf Twitter mehr als 50 000 Nutzer den Mord gefeiert und den Mörder zum "Helden" oder "Patrioten" erhoben; von Facebook sind die Zahlen hierzu nicht erfasst, dürften aber ähnlich krass sein.

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Und folgerichtig ist ebenso, dass sich so viele Nutzer vom Wahrheitsanspruch lossagen. Fakten anzuerkennen, heißt ja im Zweifel, sie mit Andersdenkenden, Fremden, Andersgläubigen teilen zu müssen. Doch ein Medium wie Facebook ist de facto ein Netz von Inklusionen und Exklusionen, kein Netz, das Gemeinsamkeit durch Vernunft und Wahrhaftigkeit erzwingt.

"Die Lüge impliziert Freiheit", hielt Hannah Arendt in ihrem "Denktagebuch" fest, "die Wahrheit zwingt zur Einsicht." Lüge hat bekanntlich tausend Gesichter, Wahrheit nur eines. Und wo missfallende Tatsachenbehauptungen dann doch nicht aus der Welt zu schaffen sind, erklärt man sie zu bloßen Meinungen der Gegner. Auf diese Weise lassen die diversen Echo- und Meinungskammern der sozialen Medien eigene politische Realitäten entstehen, die untereinander keinen verbindlichen Wirklichkeitsbezug teilen. Da passt der geniale Begriff "Entwirklichung", ebenfalls von Hannah Arendt.

Vor allem dieser Zug zur Entwirklichung macht soziale Medien für Populisten so anfällig. Würden Populisten nur Wut und Ängste oder patriotischen Furor aufwiegeln, wäre das schon gefährlich genug. Doch richtig leicht wird es ihnen von Massenmedien gemacht, in denen gemeinsame Wahrheiten obsolet sind.

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