Sonys tragbares Spielgerät im Test Playstation Vita, die letzte Konsole ihrer Art

Sonys Mobil-Konsole Playstation Vita macht Spaß - und doch ärgert sich der Benutzer: Eine verfehlte Preispolitik, schlechte Komponenten und teures Zubehör dürften nicht dazu beitragen, den Siegeszug des Smartphone-Gamings aufzuhalten.

Von Thorsten Riedl

Der Kollege von der FAZ hat wenig Hoffnung für das neueste Spielzeug von Sony, das seit Mittwoch offiziell in Deutschland zu haben ist. Seinen Sohn im Teenager-Alter lässt er ran zum Kurz-Test der Playstation Vita. Dem ist die Ausstattung zu mager, der Preis zu hoch. "Eine Totgeburt", folgert Michael Spehr. Zielgruppe verfehlt.

Also ein anderes Testszenario: Was macht der eigene Sohn mit der portablen Spielkonsole? Der Zweijährige bedient das Gerät sofort problemlos, denn wie iPhone/-pad/-pod verfügt die Vita über einen leichtgängigen Touchscreen. Die Menü-Struktur ist auffallend bunt, trotzdem verliert er nach kürzester Zeit das Interesse. Er scheint also auch nicht im Auge von Sony beim Design der tragbaren Daddelkiste gewesen zu sein.

Wer ist also nun die Zielgruppe? Der Papa vielleicht!? Denn dem macht das Gerät sofort Spaß. Mich begeistern die neuen Möglichkeiten, dank Touchscreen auf Front- und Rückseite, Kamera vorne wie hinten oder Abspielmöglichkeiten für Filme und Musik, mit ganz passablem Klang über die eingebauten Lautsprecher, sehr gut anzuhören via Kabelkopfhörer oder dank Bluetooth auch ohne Leitung.

299 Euro, bis zu 50 Euro pro Spiel

Allerdings wäre ich nie so verrückt 299 Euro für die Playstation Vita auszugeben - exklusive Spiele. Die Vita-Titel kosten einzeln noch einmal bis zu 50 Euro, umgerechnet also 63 iPhone-Games zum günstigsten Preis. Mal abgesehen davon, dass im App-Store von Apple ohnehin ständig gute Spiele verschenkt werden.

Für 299 Euro bekomme ich ein gutes Handy mit dem Google-Betriebssystem Android, sogar das Xperia Play ist dafür schon zu haben, ebenfalls von Sony - und ebenso mit Zielgruppe Spieler. Der Android-Market bietet noch nicht so gute und vor allem hübsche Spiele wie der App-Store von Apple, aber die Android-Entwickler holen mit schnellen Schritten auf.

Zum Vita-Testgerät hat Sony einige Demo-Spiele beigelegt. Uncharted: Golden Abyss beispielsweise. Ich kenne es bereits von der Playstation 3. Selten hatte ich bei einem Spiel so sehr das Gefühl, der Held in einem Hollywood-Action-Movie zu sein (der ständig irgendwo abstürzt oder stolpert und nichts und niemanden trifft). Kann das auf dem vergleichsweise kleinen Display der Vita gut gehen? Es misst fünf Zoll, löst mit 960×544 Pixeln auf und brilliert dank OLED mit seinen Farben. Es klappt.

Uncharted macht auch auf dem kleinen Bildschirm viel Spass. Die Entwickler nutzen einige Möglichkeiten der Vita. So dient das eingebaute Gyroskop dazu, Action-Held Nathan Drake über einen Felssvorsprung zu bugsieren. Geklettert wird, indem eine Linie auf den Bildschirm gezeichnet wird. Ganz so wie man es von populären Touch-Spielen von Apple-Geräten kennt, von Flight Control beispielsweise. Die Gegner schaltet man mit einem Tipp auf das Display lautlos aus - oder ballert sie um. Wer den Touchscreen nicht mag, nimmt die bekannte Steuerung. Sie orientiert sich am Playstation-Prinzip mit zwei Joysticks, einem Steuerkreuz, vier Aktions- und zwei Schultertasten.

Die Rückseite als Berührungssteuerung

Die Vita wiegt eine halbe Tafel Schokolade mehr als die PSP 3004 slim & lite. Sie liegt gut in der Hand, das Mehrgweicht stört nur beim längeren Spielen.

Unter den Demo-Spielen war noch Little Deviants. Die kleinen Abweichler müssen durch eine Fantasie-Gegend gesteuert werden, und zwar, indem die Landschaft um sie herum verändert wird. Hügel lassen sich bilden, indem die Finger auf dem Rückseiten-Touchscreen hin und her bewegt werden. Die Deviants rollen so durch die Spiellandschaft. Ganz witzig (und kostet etwa 30 Euro), aber interessant, mit einer berühungsempfindlichen Rückseite eines Geräts zu spielen.

Auch Reality Fighters nutzt Besonderheiten der Vita - ohne mich allerdings. Das Spiel verlangt eine biometrie-taugliche Aufnahme des Gesichts, bevor es losgehen kann. Für jemanden, der mit seinen Daten bewusst umgehen will, ein Schritt zu weit. Nein, danke.

Bei YouTube lässt sich nachsehen, was mit der Aufnahme passiert. Sie wird verwendet, um dem Krieger das eigene Antlitz zu geben. Dazu werden die zwei Krieger in die Arena gebeamt, die der Spieler sieht, die also von der Kamera auf der Rückseite aufgenommen wird. Sony verspricht sich einiges von solchen Augmented-Reality-Spielen. Bislang aber eher Spielerei.

Ein Nischenprodukt, mehr nicht

Viel interessanter finde ich den Kampf, den Sony mit der Vita angetreten ist. Es ist wohl nicht vermessen zu behaupten, dass wir hier die letzte Spielekonsole ihrer Art sehen. Die Vita wird eine Nische bei Spielernaturen finden, aber sie wird niemals ein Geschäft werden, wie es mobile Spielekonsolen vor der Ankunft von Smartphones waren.

Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. In U- oder S-Bahn hat gefühlt jeder zweite das Smartphone in der Hand, die wenigsten telefonieren, viele spielen.Oder man schaut sich die bittere Realität an in Form der Geschäftszahlen von Nintendo. Die Japaner haben es gerade erst mit der Nintendo 3DS versucht. Die plastische, dreidimensionale Darstellung der Games sollte den entscheidenden Vorteil gegenüber dem Handy-Daddeln bringen. Hat nicht geklappt. Im März wird das Unternehmen zum ersten Mal seit 30 Jahren einen Verlust ausweisen.

Zum Untergang des Genres wird die mir völlig unverständliche Produkt- und Preispolitik von Sony beitragen. Wer ist auf die Idee gekommen, 299 Euro für die Vita mit Mobilfunkanbindung zu verlangen? Das Wifi-Modell kostet 50 Euro weniger.

Kamera mit 0,3 Megapixeln

Dafür gibt es dann zum Teil billigste Komponenten: Beide Kameras lösen mit 0,3 Megapixeln auf. Vor zehn Jahren kam das Siemens-Handy S55 auf den Markt, das kennen vielleicht noch ein paar Mobilfunk-Veteranen. Das Gerät hatte damals eine Handy-Kamera mit derselben Auflösung. Inzwischen hat sich wohl einiges getan bei der Digitalkamera-Entwicklung.

Außerdem hat die Vita keinen (!) internen Speicher. Wer den Speicher für Filme oder Musik erweitern will, muss auf ein neues proprietäres SD-Speicherkarten-Format zurückgreifen. Dabei kostet eine leere Vita-SD-Karte mehr als fünfmal so viel wie eine handelsübliche SD-Karte. Wahnsinn.

Als ob die Sony-Kundschaft nicht noch genug Spiele auf Universal (!) Media Disc (besser bekannt als UMD) von vorangegangenen PSP-Systemen, Mini-Discs aus digitalen Aufnahmegeräten oder - die Älteren unter uns erinnern sich gern - sogar noch Betamax-Filme aus den 80ern herumliegen hätten. Alles Medien, die Sony uns beschert hat, die wir heute nicht mehr gebrauchen können. So wie demnächst Vita-SD-Karten.

Die letzte ihrer Art

Nota bene: Wer noch Spiele auf UMDs besitzt, wird die bei Sony registrieren können, und die Games dann auf die Vita herunterladen. In Deutschland funktioniert das noch nicht. Was nicht weiter schlimm ist, denn dieser "Kundenservice" soll dem Vernehmen nach zwischen zehn und 20 Euro kosten.

Die Produktmanager bei Sony scheinen völlig von Sinnen zu sein.

Kurz gesagt, die Vita besitzt interessante Ansätze, über die sich vor allem Hardcore-Spieler freuen. Die sollten zuschlagen, denn sie erleben die letzte Spielekonsole ihrer Art. Bald müssen auch sie zum Daddeln aufs Handy zurückgreifen - wie alle anderen. Das klingt dramatischer, als es ist: Auf dem Mobile-World-Kongress trifft sich in wenigen Tagen die Handybranche. Dort werden Geräte mit Quad-Core-Prozessor und eigenem Grafikchip zu sehen sein.

Das reicht für das ein oder andere Spiel.