"Sea of Thieves" im Test Das Piratenleben ist kein Streichelzoo

Im Sonnenuntergang segelt ein Piratenschiff in "Sea of Thieves" einer Totenkopfwolke entgegen. Was die Crew dort wohl erwartet?

(Foto: Microsoft / PR)

Das Online-Abenteuer "Sea of Thieves" will, dass sich alle Spieler gern haben. Friedlich Segeln und Schätze suchen ist nett, doch ein bisschen mehr Streit würde dem Spiel gut tun.

Spieletest von Caspar von Au

Schiffsmasten knarzen, Taue ächzen, weiße Gischt spritzt den Bug empor und hinterlässt kleine Wasserlachen auf dem Deck. Da, in der Ferne eine Insel! Die stämmige Piratin mit der Hakennase meldet dem Rest der Crew die gute Nachricht. Plötzlich, ohne erkennbaren Grund, Szenenwechsel: Die Piratin, die eben noch auf der Bugspitze balancierte, findet sich im Schiffsgefängnis wieder.

Das Online-Adventure "Sea of Thieves" ist ein riesiger Piratenspielplatz. Die Spieler können in Mannschaften von bis zu vier Spielern über die Südsee schippern und piratige Dinge tun: in eine Kanone klettern und sich selbst auf eine Insel schießen. Oder andere Piratenschiffe überfallen, um deren Beute zu stehlen. Sea of Thieves stellt das Seeräubertum noch kindlich romantisierter dar, als es Filme wie "Fluch der Karibik" tun. Dazu passt die comicartige Grafik.

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Von Ritterspielen und Virtual-Reality-Märchen

Doch nicht nur die Spielewelt wollen die Entwickler freundlichen halten. Ihr Ziel ist es, eine friedliche Gaming-Community zu schaffen. Damit haben gerade andere Online-Spiele wie "Overwatch" oder "League of Legends" zu kämpfen. Trolle, Rassisten und Sexisten bevölkern die Chats, schlechtere Spieler werden gemobbt. In diesen Titeln steht der Wettkampf mit andern Spielern im Vordergrund. Sea of Thieves will dagegen einfach nur Spaß machen. Die Spieler einer Crew sollen miteinander kooperieren und gemeinsame Ziele verfolgen.

Die Spielfiguren erinnern an Karikaturen

Zu Beginn sucht sich der Spieler einen Charakter aus. Er hat nur die Wahl zwischen acht zufällig generierten Piratinnen und Piraten und kann Geschlecht, Aussehen und Ethnizität nicht frei bestimmen. Alle erinnern in ihrem Aussehen eher an Karikaturen: kantige Gesichtszüge, große Seebärinnen und verhutzelte Männchen. Das sei Absicht, sagt Produzent Joe Neate: Man erhoffe sich dadurch weniger Konflikte, weil nicht jeder sein reales Ich im Spiel nachbauen würde.

Es gibt nur drei Arten von Zielen: Spieler können mit der Hilfe von Karten und rätselhaften Gedichten auf Schatzsuche gehen, Skelettpiraten besiegen oder Händler mit Waren versorgen. Für alle drei Ziele muss die Crew von einem Außenposten zu einer oder mehreren Inseln segeln, den Auftrag vor Ort erledigen und die Beute zurück zum Außenposten bringen. Belohnt werden die Piraten mit Gold, das fair auf alle Crewmitglieder aufgeteilt wird. Damit können sich die Spieler Augenklappen, Bärte, Holzbeine und schicker aussehende Pistolen und Säbel kaufen. Nichts davon verschafft einem Seeräuber einen Vorteil im Spiel.

Segel hissen, den Kompass studieren, sich mit Grog besaufen

Die ersten paar Minuten in der Welt von Sea of Thieves sind die schwersten. Ohne Anleitung wird der Spieler in eine Spelunke geworfen. Es dauert eine Weile, bis man seine Crew und sein Schiff entdeckt hat. Auf dem Schiff muss die Crew den Anker lichten, die Segel hissen und nach dem Wind ausrichten. Erst dann beginnt die Reise. Ob das Schiff in die gewünschte Richtung segelt, kann der Spieler mit Hilfe seines Kompasses und der Karte im Schiffsbauch überprüfen.

Wer alleine spielt, wird einer zufälligen Crew zugelost. Dabei ist es spannend zu beobachten, wer in diesen Konstellationen das Sagen übernimmt und bestimmt, welcher Schatzkarte die vierköpfige Mannschaft nachgehen soll. Es kann immer nur ein Spieler am Steuerrad stehen. Die anderen drei können im Ausguck nach Felsen und feindlichen Schiffen Ausschau halten, sich um die Segel kümmern oder sich unter Deck mit Grog besaufen und Schifferklavier spielen.

Wenn der Spieler zu viel Grog trinkt, wird sein Pirat in "Sea of Thieves" betrunken. Dann schwankt er über Deck, kotzt und der Blick wird schief. So schief, dass sich manchmal sogar die Pistole verbiegt.

(Foto: Screenshot / Caspar von Au)

Die Crew kommuniziert über vorgeschlagene Phrasen, die sich der aktuellen Situation anpassen. Mit dem Kompass in der Hand schlägt das System Himmelsrichtungen vor, am Steuerrad Befehle wie "Segel hissen!" Gegenseitig angreifen können sich die Mitglieder einer Crew nicht. Bislang geht der Plan der Entwickler auf: Beleidigungen im Chat sind tatsächlich selten, die Spieler gehen meist freundlich miteinander um.

Trolle können ins Schiffsgefängnis verbannt werden

Das friedliche Online-Miteinander ohne Konkurrenzkampf zwischen den Spielern hat aber einen großen Nachteil: Recht schnell fehlt der Antrieb weiterzuspielen. Es gibt keine Handlung, die das Spiel nach vorne treibt. Der eigene Charakter entwickelt sich nicht weiter, nur seine Klamotten ändern sich. Andere Piratencrews zu überfallen, ist die einzige Möglichkeit, Abwechslung in die Schatzsuchen und Skelettjagden zu bringen, die sonst immer gleich ablaufen. Man erwischt sich bei dem Gedanken, dass ein bisschen Konflikt vielleicht doch ganz schön wäre.

Falls ein Spieler im Chat ausfällig wird, können seine Crewmitglieder darüber abstimmen, ob er ins Schiffsgefängnis verbannt werden soll. Joe Naete sagt, man wolle Trollen nicht die Genugtuung verschaffen, sie zu kicken. Entweder sollen sie sich entschuldigen oder selbst das Spiel verlassen.

Doch Trolle sind erfinderisch: Regelmäßig machen sich Dreier-Crews einen Spaß daraus, einen vierten unbekannten Spieler grundlos in den Schiffsbauch zu verbannen. So hockt die stämmige Piratin mit der Hakennase einige Minuten hinter Gittern, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielt sie ein Lied auf dem Schifferklavier. Doch dann beschießen die übrigen Crewmitglieder das eigene Schiff mit Kanonen beschießen, und es geht mit der Gefangenen unter. Piraten kann man eben doch nicht trauen.

"Sea of Thieves" ist für PC und Xbox One erhältlich.

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