Microsoft Clipart:Auf Wiedersehen Bildchenmüll

Microsoft Clipart: Aus und vorbei: Das Clipart-Männchen darf keine Fragen mehr stellen.

Aus und vorbei: Das Clipart-Männchen darf keine Fragen mehr stellen.

Wer in den Neunzigern einen Geschäftsbericht auflockern wollte, verwendete die Clipart-Grafiken: Das Bildchen von der Uhr, die auf fünf vor zwölf stand, sollte den Ernst der Lage symbolisieren. Das ist jetzt vorbei. Microsoft verbannt die Cliparts aus Office. Schade!

Von Helmut Martin-Jung

Was haben wir gelacht, damals in den Neunzigern. Haben uns gekringelt in den Konferenzzimmern, auf die Schenkel geklopft, gewiehert, geprustet . . . Nein, haben wir natürlich nicht. Denn der Geschäftsbericht, er blieb halt der Geschäftsbericht. Auch wenn irgendeiner versucht hatte, die megalangweiligen Zahlenkolonnen und Textwüsten aufzulockern mit ein paar Bildchen, die aussehen sollten wie eben hingekritzelt. Waren sie aber nicht.

Die sogenannten Cliparts waren Standardzubehör von Büro- und Zeichenprogrammen wie Powerpoint oder Corel Draw. Also Massenware, und so wurde das Ganze zu einem Widerspruch in sich. Mit gestanzten Vorlagen Individuelles zu schaffen, das ging schief. Und zwar gründlich. Das immer gleiche Bildchen von der Uhr, die auf fünf vor zwölf stand, sollte den Ernst der Lage symbolisieren, das arme Würstchen mit den Papierstapeln auf dem Schreibtisch überlastete Kollegen.

Das Hotdog in der E-Mail an die Kollegen war das Bild gewordene "Maaaahlzeit!" Insofern ist es fast ein Wunder, dass sich der meist unsägliche Bildchenmüll doch so lange in weitverbreiteten Programmen gehalten hat. Immerhin: Microsoft verbannt ihn nun aus seiner Büro-Programm-Sammlung Office.

Bessere Quelle für Bildchen aller Art: das Internet

Es kauft ja auch kaum mehr jemand Office heute noch auf CD oder DVD. Auf den Datenträgern waren früher massenhaft Bildchen versammelt. Gar nicht so einfach übrigens, sie mit einem PC von damals zu durchsuchen. Aber irgendwie hatte man damals noch mehr Geduld. Das Tragische an der Sache bleibt aber, dass all die superwitzigen Geschäftsberichte auch künftig nicht besser werden. Denn die Büromenschheit ist nicht etwa zur Vernunft gelangt, sondern hat eine noch viel bessere Quelle für Bildchen aller Art gefunden: das Internet.

Dahin verweist künftig auch von Office aus ein Link, wenn man etwa im Präsentationsprogramm Powerpoint oder in der Schreibsoftware Word nach einem passenden Clipart sucht. Damit vielleicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, nicht aber Urheberrechte verletzt werden, sieht der Nutzer nur Bilder, die frei verwendet werden können.

Die digitalen Cliparts haben wie so vieles ein Vorbild in der analogen Welt. Es gab Bücher mit Bildchen, die man ausschneiden - englisch to clip - und für eigene Kreationen verwenden konnte. Ihre elektronisch gespeicherten Nachfahren waren meist in einer festen Größe gespeichert. Wer mit dem Computer nicht so auf Du und Du stand, bei dem hatten sich die Bildchen oft völlig verzerrt. Es gab aber auch welche, die als sogenannte Vektorgrafiken abgelegt waren, also nur als mathematische Beschreibung. Sie konnte man ohne Verlust so groß ziehen, wie man nur wollte.

Auch der nahe Verwandte des Cliparts, das animierte Gif, ist im Büro fast ausgestorben (dafür hat die Netzkultur es als Kunstform lieben gelernt). Das "Graphics Interchange Format" erlaubt es, mehrere Bilder zu einer einzigen Datei zusammenzufassen und sie als Endlosschleife nacheinander abzuspielen. Dadurch entstand der Eindruck von Bewegung - ganz ähnlich wie beim Daumenkino. Das animierte Gif konnte bei Präsentationen noch nervtötender sein als verzerrte Bildchen.

Die Mutter aller Nervtöter aber ließ einst Microsoft auf die Büroarbeiter los: Karl Klammer, oder Clippy, wie er im Englischen hieß. Das animierte Clipart trieb sein Unwesen von 1997 bis 2004. Eine Büroklammer mit Glupschaugen, die eigentlich als Hilfe dabei gedacht war, die immer komplizierteren Office-Programme zu verstehen. Das ging voll in die Hosen. Noch heute fördert eine Suche im Netz zahllose Seiten zutage, auf denen der wenig hilfreichen Kunstfigur Spott entgegenschlägt - oder auch mal echter Hass.

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