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Energieverbrauch:"Als Internetnutzer tragen wir unabsichtlich zur Umweltzerstörung bei"

Hochleistungscomputer Supermuc im Leibniz-Rechenzentrum in Garching

Rechenzentren und Supercomputer - hier der Supermuc in Garching bei München - brauchen Unmengen an Strom.

(Foto: Johannes Simon/SZ Photo)
  • Das Internet sorgt nach manchen Studien inzwischen für einen mindestens genau so hohen Ausstoß an Treibhausgasen wie die Luftfahrt.
  • Besonders Streaming und große Videodateien lassen den Stromverbrauch rasant ansteigen.
  • IT-Experten und Aktivisten arbeiten an Lösungen, um das Netz grüner zu machen - manchmal hilft schon eine andere Programmiersprache.
  • Gefordert sind vor allem die großen Unternehmen, doch auch der einzelne Nutzer kann etwas tun.

Die neueste Serie auf Netflix streamen, ein kurzer Videoanruf oder die Fotos vom Wochenendausflug mit der WhatsApp-Gruppe teilen. All dies ist mit Smartphone und Laptop mit wenigen Klicks erledigt. Doch was die meisten Nutzer dabei leicht vergessen: All das verbraucht Energie und hat einen CO₂-Fußabdruck, der als Nutzer nur schwer nachzuvollziehen ist. Mehreren Studien zufolge setzt das Internet inzwischen genau so viel wie oder sogar mehr CO₂ frei als die globale Luftfahrt. Experten befürchten, das könnte angesichts der zunehmenden Digitalisierung erst der Anfang sein.

Auch die Politik hat das Problem inzwischen erkannt. Margrethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission, macht den enormen Energieverbrauch des Internets zum Thema und bezeichnet ihn als große Herausforderung auf dem Weg zum Ziel der Klimaneutralität, dem sich die EU bis zum Jahr 2050 verschrieben hat.

Die gute Nachricht: Es gibt einiges, was Programmierer und Internet-Unternehmen tun können, um das Internet grüner zu machen. Chris Adams ist Teil von Climateaction.tech einer globalen Gruppe von IT-Experten, die dabei helfen wollen. "So wie das Internet gerade aufgebaut ist, tragen wir als Nutzer jedes mal unabsichtlich zur Umweltzerstörung bei", sagt Adams. Die großen Tech-Konzerne sollten mehr tun, findet Adams. Tatsächlich verbrauchen Digitalunternehmen wie Amazon, Microsoft oder Google mit ihrem Datenzentren große Mengen Strom. "Es fühlt sich falsch an, wenn es milliardenschweren Unternehmen nicht gelingt, auf 100 Prozent Ökostrom umzustellen."

Ende Dezember hat Adams in einem Vortrag auf dem Kongress des Chaos Computer Congress (CCC) in Leipzig vorgestellt, was Entwickler und Programmierer ändern können, um den Energieverbrauch von Websites, Apps und Servern zu senken. So verbrauchen zum Beispiel manche Programmiersprachen erheblich weniger Strom als andere. Außerdem können Server so eingerichtet werden, dass sie nur dann auf Höchstleistung laufen, wenn tatsächlich viele Nutzer online sind. An einem grüneren Internet zu arbeiten, war einer der Themenschwerpunkte des jüngsten Kongress des CCC in Leipzig. Mehrere Workshops und Vorträge vor tausenden Hackern widmeten sich dem Thema.

Wie schwierig Konzerne davon zu überzeugen sind, ihre Websites und Apps umweltschonender zu bauen, weiß der IT-Experte Niklas Jordan. "Bei Unternehmen kommt es oft darauf an, ein Business Case hinter der Idee CO₂ zu sparen zu finden", sagt Jordan.

Sein entscheidendes Argument: Wenn weniger Daten übertragen werden, senkt dies nicht nur den CO₂-Abdruck, sondern auch die Serverkosten. "Außerdem verringern sich die Ladezeiten der Website, was wiederum die Auffindbarkeit über Google verbessert." Erst kürzlich konnte Jordan bei einem großen Kino-Unternehmen den CO₂-Verbrauch erheblich senken und die Server-Kosten vierteln, in dem er dafür sorgte, dass nicht mehr alle Videos automatisch hochauflösend gestartet werden.

Immer wieder entdeckt er Funktionen auf Websites oder in populären Anwendungen, die mit aufwendigen Videos oder vielen Bildern unnötig viel Energie verbrauchen. Als aktuelles Beispiel nennt er den Musik-Streaming-Dienst Spotify und dessen Canvas-Funktion. Diese spielt bei Musikvideos neben dem Ton auch eine Videoschleife auf dem Display ab wird. "Diese Musikvideos sind nicht dafür da, um sie sich anzuschauen, sondern nur für die Stimmung", sagt Jordan. "Absolut unnötig aus meiner Sicht. Die werden immer mitgeladen." Die Funktion ist bei allen Nutzern automatisch aktiviert.

Die Konzerne müssten nur handeln und auf Ökostrom setzen

Den größten Hebel, um das Netz grüner zu machen, haben die Unternehmen aber damit, möglichst viel Ökostrom zu beziehen. Tatsächlich veröffentlichen viele große Konzerne detaillierte Transparenzberichte, die zeigen, wie weit sie mit ihrem Umstieg auf erneuerbare Energien schon sind. Apple, Google und Facebook sind hier Vorreiter, andere sind eher intransparent. Microsoft hat für diese Woche die Vorstellung eines neuen Programms angekündigt, das die unternehmensweiten Anstrengungen für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit darstellen soll. Anders als der Flugverkehr lässt sich das Internet mit einfachen Schritten grüner gestalten, die großen Konzerne müssen bloß handeln.

Einen Beitrag können auch einzelne Nutzer leisten, sagt Jordan. So habe er sich mit seiner Freundin ein Limit gesetzt, wie viele Stunden sie pro Woche Videos streamen. "Wenn das vorbei ist, ist unsere Fernsehzeit vorbei. Früher kam ja auch nur einmal pro Woche eine neue Folge 'Lost' im Fernsehen."

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