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Schwerpunkt: 20 Jahre Wikipedia:Achtung, an diesem Text wird gebaut!

Schild Baustelle

Auf WT.Social ist kein Post je fertig.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Jeder kann jeden Beitrag ändern: WT.Social überträgt die Prinzipien von Wikipedia auf eine soziale Plattform. Ein radikaler Ansatz für eine neue Diskussionskultur.

Von Philipp Bovermann

Der Post über die "medizinischen Technokraten" hat eine lange Reise vor sich. Er erscheint am 6. Oktober 2020 und enthält einen Link zu einem Youtube-Video, in dem die Ärztin Lee Merritt über eine angebliche Verschwörung hinter der Corona-Pandemie referiert. Die Nutzerin schreibt dazu: "Nichts ist, wie es scheint #COVID19". Am Tag darauf kommentiert jemand, für ihn klinge das alles wie ein Haufen Pferdescheiße; jemand möge das doch bitte mal einem Faktencheck unterziehen. Acht Minuten später beginnt ein Prozess, der sich heute im Detail nachvollziehen lässt, wenn man auf den Button "Full History" neben dem Post klickt. Dann blenden sich unterschiedliche Fassungen ein, wie sich überlagernde Sedimentschichten, mit rot und grün markierten Stellen, an denen verschiedene Nutzer den Beitrag verändert haben. Je weiter man nach oben scrollt, desto länger wird er. Am 11. November ist er von 33 auf 3187 Zeichen angewachsen. Sein Titel lautet jetzt: "Factcheck: Behauptungen von Lee Merritt, M.D. im Video 'SARS-CoV2 und der Aufstieg der medizinischen Technokraten'".

Das ist nicht gerade kurz und knallig. Aber kurz und knallig ist auch nicht das Prinzip der sozialen Plattform, auf der dieser Post erschienen ist. Sie heißt WT.Social und ist auf Initiative des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales entstanden. Auf ihr läuft seit Oktober 2019 ein soziales Experiment: Jeder kann jeden Post bearbeiten.

Das ist ein radikaler Ansatz. Ebenso radikal wie die ursprüngliche, reine Lehre der sozialen Medien, die da lautet: Niemand darf irgendjemandem reinreden. Jeder kann seine Ideen in einen großen Pool einspeisen, vorbei an Redaktionen, Institutionen und sonstigen Filtern. Dieser Glaubenssatz, der Mark Zuckerberg zu einem der mächtigsten Menschen der Welt gemacht hat, bröckelt seit längerer Zeit, zuletzt in atemberaubender Geschwindigkeit. Mit der Sperre des US-Präsidenten auf Facebook und Twitter dürften die angeblich neutralen Plattformen den letzten Rest ihrer Unschuld verloren haben. Denn sie regieren eben doch - von oben nach unten. Es sind am Ende doch nicht alle gleich. Nicht alle Meinungen haben ein Recht, verbreitet zu werden.

WT.Social ist ein Dorf, das sich ein paar Idealisten zusammengebastelt haben

Von diesem Befund aus führen zwei Wege auf andere Plattformen, je nachdem, aus welchen Gründen man ihn problematisch findet: Der eine führt in Richtung radikaler Meinungsfreiheit, in die kaum moderierten Netzwerke der Trump-Anhänger auf Seiten wie Gab, Rumble, TheDonald oder Parler; der andere führt zum Beispiel auf WT.Social. Dort ist "Zensur" Prinzip - aber nicht von oben nach unten. Sondern jeder redigiert jeden.

Die Plattform ähnelt im Aufbau einer Mischung aus Facebook und Reddit: Die Nutzer haben persönliche Feeds und können Netzwerke aus "Freunden" aufbauen, abonnieren aber zugleich sogenannte Subwikis, in denen sich alle Nutzer zu bestimmten Themen austauschen. Eine knappe halbe Million Menschen sind dort angemeldet - viele wohl nur, weil sie sich mal umgucken wollten. Denn besonders viel los ist nicht auf WT.Social. Der Subwiki "Deutschland" hat 8225 Mitglieder und enthält 1143 Posts. Von dort aus wird es, vorbei an verwaisten Subwikis etwa zu "Astronomie", "Elektromobilität" und "Fotografie", schnell dünner. Wer sich ein bisschen durch die deutschsprachigen Beiträge klickt, kennt bald die wichtigsten Namen. WT.Social ist ein Dorf, das sich ein paar - tendenziell ältere - Idealisten selbst zusammengebastelt haben. So jedenfalls sieht die Website aus: wie eine klobig-graue Mitmachbaustelle neben den hektisch blinkenden Megacity-Plattformen. In deren Mitte steht jeweils ein alles überragender Büroturm. Bei WT.Social stürzt gelegentlich die Seite ab, wenn man es etwa wagt, ein Subwiki anzuklicken.

Eine demokratische Entscheidungsstruktur bei strittigen Bearbeitungen - auf Wikipedia spricht man von "Edit Wars" - müsse sich erst noch herausbilden, sagen aktive Nutzer. WT.Social befinde sich erst noch im Aufbau. Als Vision aber ist die Plattform schon heute perfekt - als Ahnung einer digitalen Kommunikationskultur, die nicht nach den radikalindividualistischen Wildwestprinzipien des Silicon Valley funktioniert. Aber auch nicht nach den kollektivistischen Du-bist-nichts-der-Algorithmus-ist-alles-Gesetzen der in Peking entwickelten App Tiktok. WT.Social opfert weder die Gemeinschaft dem unbedingten Recht auf freie Meinungsäußerung des Individuum, noch sortiert es die Individuen algorithmisch in kollektive Ideenströme ein. Selbstdarstellerische Abgrenzung als Pose spielt keine Rolle, trotzdem wird nie ein endgültiger Konsens erreicht - nur sich übereinanderlegende Sedimentschichten von Texten und die Lücken darin, die Hinweise, dass ein Aspekt nicht berücksichtigt, die Herkunft eines Zitats nicht geklärt ist. Keine Äußerung ist je fertig, sondern wuchert im sozialen Echoraum immer weiter, bis die eigenen und fremde Worte ineinanderwachsen. WT.Social ist digitaler Poststrukturalismus live. Mit anderen Worten: Das Internet, wie es mal sein sollte. Und wie es immer noch werden kann.

© SZ
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