25 Jahre WWW Wie Rotten.com die Internet-Kultur prägte

Zu den seltsamen Blüten der Filter-Debatte gehörte, dass sich Rotten.com wie andere amerikanische Pornoseiten eine Nachrichtenrubrik und ein Online-Lexikon zulegte: Die Regierung George W. Bushs wollte hohe Geldstrafen für jugendgefährdende Netzinhalte durchsetzen, hatte aber Bildungs- und Nachrichtenseiten explizit ausgenommen. 2004 schließlich beerdigte der Oberste Gerichtshof das zugrundeliegende Gesetz unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit.

Es seien über die Jahre viele wütende E-Mails, Anwaltsschreiben und Briefe eingegangen, sagt Scott. "Menschen behaupteten zum Beispiel, dass die Leiche ihrer Tochter auf einem der Fotos zu sehen sei, obwohl das Bild aus einem Lehrbuch von 1922 stammte. Sie wollten einfach nur, dass die Seite verschwindet."

Kulturell gilt Rotten.com heute als Scharnier. Einerseits folgte es vielen Traditionen: Das Interesse an Schock und morbider Grenzüberschreitung war nicht neu, seit jeher strömte das Publikum in Massen, um Hinrichtungen auf dem Marktplatz, Sklavenspiele im Kolosseum oder ungewöhnliche Menschenkörper im Zirkus zu begaffen. Der gesellschaftlichen Tabuisierung solcher Spektakel setzte die Kunst immer wieder Tabubrüche entgegen; so war in den Siebzigern der amerikanische Film federführend bei der Ästhetisierung der Gewalt.

Noch die Teenager der Achtziger reichten VHS-Kopien des Mondo-Films "Gesichter des Todes" herum, der echte und echt erscheinende Todesmomente von Menschen und Tieren zeigte. Doch während sich die schockierende Pseudo-Dokumentation noch eine zivilisationskritische Botschaft anheftete, und sei es nur als Feigenblatt, war Rotten.com nicht nur durch die sofortige globale Verfügbarkeit entgrenzt: Die zynische Präsentation der Aufnahmen lag näher an der Kultur, die später Webseiten wie die Schockkonsum-Massenproduzenten Ogrish, Goatse oder Bestgore hervorbrachte, aber auch digitale Nihilistenversammlungen wie 4chan prägte.

Derbe Scherze und Schock im Mainstream

Und wirklich funktionierte Rotten.com auch als derber Internet-Scherz á la 4Chan, naive Bekannte per Link auf ein Schock-Foto zu schicken. Diese damals aufkommende Trollkultur-Technik perfektionierte die Seite "Lemonparty", die männliche Senioren beim flotten Dreier zeigt. Lemonparty kann Zitronenparty, aber auch Zitronenpartei heißen, weshalb im US-Wahlkampf 2000 einige Witzbolde mit Plakaten für die Lemonparty als dritte Partei neben Demokraten und Republikanern warben. Interessierte Wähler erlebten beim Aufruf der URL dann eine ordentliche Überraschung.

Mehr als sichtbare Teile einer seltsamen Subkultur waren solche Seiten freilich nicht. "In den Neunzigern war es ein Wunder, dass das Internet überhaupt funktionierte. Und alle waren glücklich, dass es funktioniert hat", sagt Scott. "Und wenn du lange genug herumgewandert bist, bist du auf Rotten.com gestoßen und die Leute sagten: 'Yep, das ist es, was du im Internet findest.'" Im Jahr 2018 muss niemand mehr besonders weit wandern, um Schock-Aufnahmen, außergewöhnliche Pornografie, Grausamkeiten und Makaberes zu finden. Eine Seite wie Rotten.com wirkt im Kontext der Gegenwart altmodisch und beinahe dezent. Relevanz in der Internetkultur hat sie schon seit ungefähr 2005 nicht mehr.

Wann aus der Schock-Subkultur der Mainstream wurde, dürften einmal Internet-Historiker herauszufinden versuchen. Der Journalist und Digital-Archäologe Adrian Chen markierte einmal den 2007er Clip "2 Girls 1 Cup", der hier nur mit "beschissener Porno" umschrieben sein soll, als Wendepunkt: Nicht nur das Ekel-Video selbst wurde zum Meme, sondern auch Videos über die Reaktionen - Kennzeichen des beginnenden Youtube- und Social-Media-Zeitalters.

Schneller, als wir weggucken können

Das Echtzeit-Netz schockt uns heute schneller, als wir weggucken können, ob es die Hinrichtungsvideos des "Islamischen Staats" oder die Augenzeugen-Aufnahmen von Anschlägen und Naturkatastrophen sind. Klickoptimierte Inhalte findet inzwischen jede Zielgruppe, vom Katzenbilder-Fan über den Spezialporno-Konsumenten bis zum Gewalt-Liebhaber.

Sind wir also inzwischen emotional abgestumpft? Zumindest sind wir nicht mehr so schnell zu schocken. Jason Scott: "Wenn du heute auf etwas wie Rotten stößt, würdest du kurz klicken, gucken und dann fragen: 'Okay, und was jetzt?' Du müsstest fünf solcher Schockseiten jeden Tag besuchen, um überhaupt noch etwas Dopamin herauszukitzeln."

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