Süddeutsche Zeitung

Internet-Währung Bitcoin:Kampf ums Kapital

Lesezeit: 7 min

Das Finanzsystem kämpft gegen die Krise. Jetzt soll das Internet alles besser machen. Der Kurs der umstrittenen Digitalwährung Bitcoin ist über Wochen enorm gestiegen - und nun wieder einmal abgestürzt. Die Geschichte eines großen Experiments, das zur Konkurrenz für Euro, Dollar und Yen werden soll.

Von Varinia Bernau, Andreas Jalsovec, Moritz Koch, Pascal Paukner und Nakissa Salavati

Als die Blase platzt, bestellt sich Jens Schmelkus gerade seine zweite Apfelschorle. "Das war fällig", sagt der 24-Jährige. "Wenn da einer 10.000 Euro reinschmeißt, dann zappelt alles." Er starrt auf den Computerbildschirm. Zahlen, Balkendiagramme, Linien. Es geht nach unten. Niemand schmeißt rein, alle nehmen an diesem Abend raus. 266 Dollar war ein Bitcoin am Nachmittag noch wert. Nun hängt die Kurve bei 180 Dollar. Und es wird noch schlimmer.

Innerhalb weniger Stunden ist der Kurs der Bitcoins am Mittwochabend um mehr als 50 Prozent abgestürzt. Wieder einmal. Wie viele solcher Crashs Schmelkus schon erlebt hat, weiß er nicht genau. Dabei trifft ihn solch ein Kurssturz jedes Mal. Schmelkus studiert Luft- und Raumfahrttechnik in München. Und er ist Minenbesitzer.

Rund um die Uhr läuft bei ihm ein Spezialcomputer, der in einem komplizierten Prozess verschlüsselte Zahlen mit unverschlüsselten Zahlen bombardiert. Macht er das so lange, bis beide Zahlenkombinationen übereinstimmen, dann ist ein Bitcoin entstanden. Mining heißt das. Digitales Geldschürfen.

Keine Kontrolle, keine Bürgschaft

Schmelkus' Computer steht am Anfang. Am Anfang einer virtuellen Münze, für die keine Bank bürgt und die keiner Kontrolle unterliegt. Die im Netz geschaffen und gehandelt wird. Die es erst seit drei Jahren gibt - und deren Kurs in den vergangenen Wochen einer Berg- und Talfahrt glich.

Schmelkus' Computer steht aber auch am Anfang einer Geschichte, die viel über unsere Gesellschaft erzählt. Von verlorenem Vertrauen in Banken und Staaten. Von der Suche nach Verlässlichkeit. Und vom Glauben an die Technik.

Kaum war in Zypern die Teilenteignung vermögender Bankkunden vereinbart worden, sprangen an den Märkten für das virtuelle Geld die Preise in die Höhe. Ein Zufall? Wohl kaum. Vor allem Spanier, so scheint es, haben ihre Guthaben umgeschichtet. Schließlich könnte ihr Land das nächste sein, das in der Krise untergeht. Während in Zypern entsetzte Sparer auf die Straße ziehen, steigen in Spanien Google-Suchen nach Bitcoins rapide an. Zugleich werden die Apps für Smartphones, die den Handel mit Bitcoins vereinfachen, in Spanien so oft heruntergeladen wie kaum eine andere.

Misstrauensvotum gegen das internationale Finanzsystem

Der Boom der Bitcoins ist ein Misstrauensvotum gegen das internationale Finanzsystem. Das Vertrauen in Leitwährungen wie Dollar, Yen und Euro schwindet. Seit die Zentralbanken in Japan und den USA der lahmenden Konjunktur mit der Notenpresse auf die Sprünge helfen wollen, wächst weltweit die Sorge vor Vermögensverlusten. Zwar sind die befürchteten Preissteigerungen bisher ebenso ausgeblieben wie das immer wieder prophezeite Auseinanderbrechen des Euro. Doch die Angst schafft sich eine eigene Realität: In Zeiten der Geldflut und der Euro-Krise sind Bitcoins zu einer Art Fluchtwährung geworden. Eine Schöpfung der Technik und deshalb von niemandem zu manipulieren, sagen die Verfechter. Eine Spinnerei und deshalb von niemandem zu kontrollieren, entgegnen die Skeptiker.

Anders als Dollar, Yen und Euro können Bitcoins nicht gedruckt werden. Ihr Angebot ist durch den Softwarecode begrenzt, der sie geschaffen hat. Die Produktion wird automatisch bei 21 Millionen Bitcoins eingestellt. Entstanden sind bislang etwa halb so viele. Diese gezielte Verknappung der Geldmenge ist vom früheren Goldstandard inspiriert. Sie soll vor Inflation schützen. Doch es gibt auch eine technische Grenze: Je mehr Bitcoins im Umlauf sind, desto komplexer ist der Code, der eine virtuelle Münze von der anderen unterscheidet. Und desto mehr Rechner muss man am Laufen halten, um die digitalen Münzen zu schürfen - und das frisst Strom.

Derzeit reicht ein Windrad, das rund um die Uhr rotiert, um den Strom für die weltweite Produktion der Bitcoins abzusichern. Bei Schmelkus fallen jährlich etwa 500 bis 600 Euro für den Betrieb seines digitalen Bergbaus an. Für ihn lohne sich das trotzdem, sagt er. Denn die Prozessoren, die Rechenherzen in seinem Computer, werden immer effizienter.

Kursanstieg lockt Spekulanten

Der kometenhafte Kursanstieg der Bitcoins lockt auch Spekulanten an. Es gibt sogar schon einen Hedgefonds, der mit Bitcoins handelt und in Bitcoins gehandelt wird. Die maltesische Anlagefirma Exante vermarktet ihn als "Investment in die Ökonomie der nächsten Generation". Den Fonds gibt es seit drei Monaten, der bisherige Wertzuwachs: sagenhafte 1000 Prozent. Fondsmanager Gatis Elgitis hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt, um den Bitcoinmarkt zu erschließen. Dennoch sagt er: "Es geht uns weniger ums Geschäft als um mediale Aufmerksamkeit." Investmentprofis wissen: Der Markt der Bitcoins ist zu klein, um dauerhaft zur Alternative zu klassischen Währungen zu werden.

Aber dieser Markt ist groß genug, um ins Visier von Hackern zu geraten. Am vergangenen Wochenende etwa kaperten Kriminelle die Computer ahnungsloser Menschen und installierten dort Schadsoftware, mit der Bitcoins produziert werden können. Als Einfalltor diente ihnen der Internettelefondienst Skype. Attacken aus dem Cyberspace hatten zuvor schon den Dienst Instawallet in die Knie gezwungen, eine Art digitale Sparkasse, die Bitcoins verwahren soll. Und ein Hackerangriff könnte auch der Grund dafür sein, dass der Kurs am Mittwoch vom Rekordhoch bei 266 Dollar binnen weniger Stunden auf 105 Dollar abstürzte. Genau weiß das niemand. Wenn eine Blase platzt, ist nur eines gewiss: der Schaden.

Bei Mt. Gox beeilte man sich am Mittwoch jedenfalls, den Eindruck zu zerstreuen, man sei Opfer eines Angriffs geworden. Das Unternehmen mit Sitz in Tokio ist so etwas wie eine Wechselstube der Bitcoins mit angeschlossenem Geldspeicher. Fast 80 Prozent der digitalen Münzen werden über die Plattform gehandelt. Die Transaktionen können rund um die Uhr aus jeder Ecke der Welt abgewickelt werden. Ein paar Klicks genügen.

Hunderte Online-Shops sind schon dabei

Wie ein Depot bei einer Bank kann man bei Mt. Gox auch sein Bitcoin-Guthaben hinterlegen. Da sollte also nicht der Eindruck entstehen, dass dieser Speicher statt mit einer gepanzerten Tür nur mit einem Fahrradschloss gesichert ist. Das Handelssystem, so teilte Mt. Gox mit, habe Aussetzer gehabt, weil es den Zufluss neuer Kunden nicht verarbeiten konnte. Das habe bei den Bitcoin-Besitzern Panik ausgelöst. Nun sollen zusätzliche Server zugeschaltet werden.

Die technische Panne hat das Vertrauen in die Bitcoins erschüttert. Zerstört allerdings hat sie es nicht. Am Freitagmorgen lag der Kurs noch immer bei rund 100 Dollar. Vor einem Jahr war ein Bitcoin gerade einmal fünf Dollar wert.

"Es gibt immer wieder Leute, die gehen davon aus: Bitcoin wird die Welt retten", sagt der Minenbesitzer Schmelkus. "Keine Kriege mehr und so." Das sei natürlich Unsinn. Er selbst schürft Bitcoins, weil er sie für ein besseres Geldsystem hält, das den Austausch vereinfacht. Fasziniert sei er von der Technik. Klar, nun da der Kurs so stark angestiegen sei, lohne sich das Ganze auch finanziell. Hat er wieder einmal ein paar Bitcoins zu viel, dann verkauft er sie. Dann landet er bei Leuten wie Oliver Flaskämper.

1000 neue Kunden pro Tag

"Wir sind eine Art Ebay für Bitcoins", sagt Flaskämper. Der Internetunternehmer hat schon in den Neunzigerjahren sein erstes Vergleichsportal gegründet. Heute hat er ein halbes Dutzend davon. Vor zwei Jahren schließlich hob der 40-Jährige die Seite bitcoin.de aus der Taufe. Sie ist einer von etwa 60 Umschlagplätzen für Bitcoins. Und mit etwa 50.000 Teilnehmern derzeit der größte in Europa.

Pro Tag, sagt Flaskämper, kommen 1000 neue Leute hinzu. Manche von ihnen stellen ihre Angebote ein, um Bitcoins loszuwerden. Andere können die digitalen Münzen dort erwerben. Sie tauschen sie dann gegen Euro oder andere in Europa gängige Währungen. Dazu müssen sie sich allerdings eine digitale Geldbörse zulegen, ein sogenanntes Wallet. Das lässt sich auf dem Marktplatz einrichten und im Internet verwalten - oder aber auf dem eigenen Computer installieren. In diese digitale Geldbörse werden die Bitcoins nach dem Kauf übertragen. Dann kann man damit auf Einkaufstour gehen. Und zwar nicht nur im Netz, sondern auch in der "wirklichen" Welt.

Hunderte Onlineshops akzeptieren Bitcoins bereits: Autoradios finden sich dort, Babykleidung, Schmuck, Wein, Reisen und Hotels. Für die Händler haben die Bitcoins durchaus einige Vorteile. Es geht schneller als mit vielen anderen digitalen Bezahlsystemen. "Es gibt eben keine zwischengeschaltete Bank, bei der man zwei Tage aufs Geld warten muss", sagt etwa Jonas Scheid, der übers Internet Öl, Essig und Wein verkauft. Und deshalb fallen beim Bezahlen mit Bitcoins auch keine Gebühren an. Der Nachteil, vor allem für die Kunden: Längst nicht überall, wo man etwas entdeckt, kann auch man mit seinen Bitcoins bezahlen. Trotz des Booms ist die Währung noch immer etwas Exotisches.

Anarchismus als Ideengeber

Deshalb ist auch Marco Holmer dabei. Einst war er Informatiker in München. Irgendwann ist ihm das zu blöd geworden. Jetzt ist er Landschaftsgärtner in Freising, Blogger und Libertarist. Bitcoins sind für ihn Politik, Ungehorsam gegenüber den Eliten. Wenn Holmer über Bitcoins redet , dann sagt er ungefragt Sätze wie: "Die angebliche Finanzkrise war keine Finanzkrise. Das waren Vorwehen" oder "Wir leben in der EUdSSR".

Er ist kein Einzelfall. In Internetforen und Blogs, die sich mit dem Thema befassen, trifft man häufig auf politische Ansichten, die in der deutschen Parteienlandschaft kaum repräsentiert sind. Anarchisten und Libertaristen sind die Ideengeber des Bitcoin-Systems, das darauf ausgelegt ist, unabhängig Staatlichkeit, Notenbanken und Banken zu existieren.

Politikern und Medien glaubt Holmer kein Wort. Er betont das ständig. Wirtschaftspolitik, Eurorettung, Inflation. "Das ist alles Sozialismus", meint Holmer. Nun da das Vertrauen in die Notenbanken sinke, würden sich die Menschen nach Alternativen zum System umsehen. "Es gibt bei Bitcoin eine grundsätzliche Integrität, sie ist technisch verankert", sagt Holmer. Deshalb ist er so begeistert.

Noch nicht der ganz große Durchbruch

Doch derzeit wird in Europa auch weiterhin vor allem mit Euro gezahlt. Trotz all der Begeisterung für die neue Technik. Trotz des verlorenen Vertrauens in Banken und Staaten, in das etablierte Finanzsystem.

"Zweimal haben Kunden bei uns mit Bitcoins bezahlt", berichtet Alexandra Vogels vom Onlineshop Schuhwelt.com. "Einmal waren es Socken, einmal ein Paar Schuhe." Ähnlich ist es beim Kneipier Bram van Doren: Seine "Fabelhaft Bar" in Berlin Kreuzberg ist Teil des sogenannten Bitcoin-Kiezes.

Rund um das Burger-Restaurant "Room 77" haben sich dort etwa zehn Kneipen etabliert, in denen man seine allabendliche Rechnung auch mit Bitcoins begleichen kann. Möglich macht das ein Programm fürs Smartphone. Mit dessen Hilfe lässt sich der Rechnungsbetrag direkt an die Bitcoin-Adresse der Kneipe schicken. "Das wird genutzt, aber sehr selten", sagt Bram van Doren. "Aber es ist eben eine Alternative zum herkömmlichen Bankensystem." Und die Leute hinter Schuhwelt.com ergänzen: "Wir machen das nicht in erster Linie, um unser Geschäft anzukurbeln. Es geht vor allem darum, bei dem Experiment Bitcoin dabei zu sein."

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Quelle:
SZ vom 12.04.2013/pauk
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