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Internet-Themen im Fernsehen:Wie Netz und TV doch noch zueinander finden

Dem Internet und seinen Themen begegnen viele deutsche Fernsehsender immer noch mit Misstrauen. Im Ausland ist dies anders - dort haben die Verantwortlichen längst begonnen, das Netz in ihre Formate und Planungen zu integrieren.

Die Nachricht klang nach einem echten Scoop. Gerade eben habe man erfahren, dass Apple-Gründer Steve Jobs verstorben sei, hieß es kürzlich auf der Website von What's trending.

Der Videotext wird 30

Die Fernbedienung spricht nicht über das aktuelle Programm - Internet-Nutzer hingegen haben zu Sendungen wie dem "Tatort" einiges zu erzählen.

(Foto: dpa)

Mit der Show wollte der amerikanische Fernsehsender CBS - etwa auch Heimat der investigativen Vorzeigesendung 60 Minutes - dem Internet-Publikum seine Zukunftsfähigkeit beweisen. Jeden Dienstag präsentiert Moderatorin Shira Lazar darin eine Stunde live die neuesten Nachrichten aus dem Netz.

Die Redaktion der Show legt nicht gerade Wert auf die klassischen Kriterien einer Nachrichtensendung. Oder besser: Sie hat sich den Interessen der Zielgruppe angepasst. Gesendet wird, worüber sich die Menschen gerade unterhalten. Und so werden in hohem Tempo die neuesten viralen Hypes besprochen, die Studiogäste sind Menschen, die gerade auf Youtube ein bisschen Ruhm erhaschen konnten.

Die Nachrichten von Jobs Tod stellte sich freilich als Ente heraus - trotzdem, oder gerade deshalb zeigt das Beispiel von What's trending, wie Internetgemeinde und Fernsehen langsam zueinanderfinden - und wie schwierig das oft ist.

Misstrauen des alten Mediums

Es ist eines der ersten Formate, die sich mit Inhalten und Debatten auseinandersetzen, die im bislang nur im Internet stattfinden. Der englische Ableger von al-Dschasira versucht sich gerade an einem ähnlichen Format.

Der Blick zu CBS und al-Dschasira macht deutlich, wie schwer sich deutsche Sender mit Netzthemen noch immer tun, genau genommen wird es dort oft ignoriert. Das Internet dient, etwa in der Tagesschau, vor allem als Bilderlieferant, wenn gerade kein Kamerateam vor Ort ist. Die Themen der Internetnutzer werden nicht besprochen.

Das liegt wohl vor allem am Misstrauen des alten Mediums Fernsehen. Interaktivität wird oft nur simuliert - wie etwa bei log in, einer Talkshow auf ZDF Info. "Interaktiv, crossmedial und jung" will das Format nach eigenen Angaben sein. Doch die Zuschauerbeteiligung beschränkt sich auf ab und an vorgelesene Fragen und Einwürfe, die Zuschauer bei den Twitter- und Facebook-Seiten der Show stellen können. So mimt log in also nur eine Variante eines sehr alten Fernsehwerkzeugs: des Zuschauertelefons.

#tatort bei Twitter

Dass soziale Medien und das Fernsehen derweil erstaunlich gut zusammen passen, sieht jeder, der am sonntags zur Sendezeit des Tatort Twitter liest. Dort wimmelt es von Nachrichten, die die Performance der jeweiligen Kommissare kritisieren, den Plot auseinander pflücken oder auch nur allgemein auf die Öffentlich-Rechtlichen schimpfen. Ähnlich aktiv geht es im Netz während Fußballspielen oder Germany's Next Topmodel zu.

Erste richtige Annäherungsversuche kommen nun aus dem Netz. Start-Ups wie die Netzwerk getglue oder miso versuchen, den Community-Ansatz des Web 2.0 auf die Fernsehgewohnheiten ihrer User zu übertragen.

Man kann also in Sendungen "einchecken" und sein soziales Netz anhand von Serien anordnen. Wer am aktivsten fernsieht - oder zumindest darüber redet - erhält kleine Gewinne wie Fanartikel. Eine Idee mit Potential, so haben sich auf getglue bereits mehr als anderthalb Millionen Nutzer angemeldet, monatlich werden die Seiten elf Millionen mal aufgerufen.

Ein Traum für Medienforscher

Das gewohnt mitteilungsbedürftige Publikum ist ein Traum für Medienforscher und Quotenanalysten, noch nie konnte man sich so ausführlich darüber informieren, was die Menschen über eine Sendung denken, was sie zum ein- oder umschalten bewegt. Schon gibt es Kooperationsverträge mit großen Sendern wie ABC, Fox oder HBO. Auch in Deutschland haben sich mit Tunedin oder Zapitano ähnliche Dienste gegründet.

In Bezug auf die Berichterstattung scheitert die Verknüpfung - das zeigt das Beispiel von Steve Jobs - oft an der Frage, was wahr ist und was falsch im Netz. Schließlich wimmelt es dort von Gerüchten und falsch gelegten Fährten.

Die CBS-Bosse reagierten empfindlich - einen Tag nach der Falschmeldung hat der Sender mit sofortiger Wirkung jegliche Zusammenarbeit mit den Produzenten von What's trending beendet. Die Show findet nun wieder dort statt, wo sie herkam: im Netz.

© SZ vom 24.09.2011/joku
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