Selfpublishing Betrüger kassieren auf Amazon mit Nonsens-E-Books ab

Amazons Lesegerät Kindle: Nicht alle Bücher in der Flatrate des Konzerns sind ernst zu nehmen.

(Foto: AP)

In der Lese-Flatrate gibt es nicht nur Liebesschmöker und Thermomix-Rezepte. Manche Bücher wurden nur zusammengestellt, um echte Autoren um Geld zu prellen.

Von Michael Moorstedt

Wenn man eine Sache niemals unterschätzen sollte, dann ist es der Ideenreichtum der Menschen, wenn es darum geht, sich im Internet Geld zu erschwindeln - die Dreistigkeit kennt keine Grenzen. Seit Kurzem erfahren das ausgerechnet hoffnungsvolle Hobby-Autoren. Die wurden zwar schon in der Offline-Welt von zwielichtigen selbsternannten Verlegern geschröpft. In der 2.0-Variante aber geht es um Amazons Kindle-Unlimited-Programm, eine Art Flatrate für E-Books.

Nutzer zahlen hier nicht für einzelne Bücher, sondern geben stattdessen einen festen Monatsbetrag ab. Für zehn Euro stehen den Abonnenten ein paar Hunderttausend Titel unbegrenzt zur Verfügung. Darunter befinden sich - man darf das wohl so sagen - nicht unbedingt nur die absoluten Höhepunkte der Weltliteratur. Eine Menge Liebesschmöker, fragwürdige Selbsthilfefibeln und Thermomix-Rezeptsammlungen stehen ganz vorne auf den Seiten der momentan beliebtesten Bücher. Das ist freilich nicht weiter schlimm, eine Menge aufstrebender Autoren und ambitionierter Nachwuchsschriftsteller erhoffen sich durch die Teilnahme am Unlimited-Programm ein bisschen öffentliche Sichtbarkeit - und vielleicht auch ein bisschen Geld.

Betrüger tricksen Amazons E-Book-Reader mit einem einfachen Link aus

Die Vergütung der Autoren geschieht durch einen Tantiementopf, in den Amazon jeden Monat einen durch komplexe Berechnungsschlüssel ermittelten Betrag einzahlt. Im März 2016 zum Beispiel waren es knapp 15 Millionen Dollar. Der ausgeschüttete Betrag ermisst sich nach der Anzahl der gelesenen Seiten in den Büchern des jeweiligen Autors - und genau hier geschieht der Kindle-Schwindel.

Die E-Book-Reader von Amazon können scheinbar nicht erkennen, ob geblätterte Seiten auch gelesen wurden. Sie sehen nur, an welcher Stelle sich der Nutzer im Buch gerade befindet. Die Betrüger gehen nun folgendermaßen vor: Statt handfeste Liebesschmöker zu schreiben, füllen sie ihre E-Books reihenweise mit Nonsens-Text und versehen das Inhaltsverzeichnis mit einem Link, der den Leser zur letzten Seite führt. Und wenn man auf diese Seite klickt, registriert Amazon alle dazwischenliegenden Seiten automatisch als gelesen.

Zwar wird jede Seite von Amazon nur mit dem Bruchteil von einem Cent bezahlt, in Kombination mit gefälschten Rezensionen und gekauften Klicks kann so aber trotzdem schnell ein stattlicher Betrag zusammenkommen. Laut Recherchen, die der Branchenblog selfpubli.eu angestellt hat, soll es monatlich um einen Millionenbetrag gehen.

Diese Masche sorgt in der Selfpublisher-Szene schon seit einigen Wochen für Aufregung. Der Großkonzern Amazon hat zwar angekündigt, gegen den Betrug vorzugehen - was die Schriftsteller vielleicht trösten mag. Doch bislang geschieht dieses Vorgehen nur sehr zögerlich. Das Unternehmen hat dafür ja auch nur wenig bis gar keine Motivation, schließlich verliert es selbst gar kein Geld, sondern nur die anderen, rechtschaffenen Autoren, die dementsprechend weniger aus dem Topf ausgeschüttet bekommen.

Es gibt bei all dieser geballten Schlechtigkeit der Welt im Netz aber auch eine, gar nicht mal so kleine, positive Nachricht. Amazon scheint nicht in der Lage zu sein, das Leseverhalten seiner Nutzer so genau zu scannen und zu analysieren, wie viele Kritiker das befürchtet hatten. Statt des gläsernen Lesers leidet nun der geprellte Autor.

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