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Internet:Dieses Wörterbuch hat noch bessere Wörter als Donald Trump

Das Merriam Webster Dictionary ist in etwa gleichbedeutend mit dem Duden in Deutschland

  • Das Wörterbuch von Merriam-Webster erreicht mit Tweets zu politischen Themen seit Donald Trumps Wahlsieg Tausende Menschen.
  • Der Duden wirkt dagegen altbacken - probiert sich aber mittlerweile zaghaft an einer ähnlichen Strategie.

Von Marvin Strathmann

Wörterbücher haben in der digitalen Welt etwa den Stellenwert von Festnetztelefonen oder Landkarten aus Papier. Sie sind so gut wie überflüssig und werden durch kleine Computer in den Hosentaschen ersetzt. Wer die Bedeutung eines Wortes wissen will, muss kein schweres Buch aus dem Regal nehmen und sich durch tausend Seiten wühlen. Er fragt einfach Google.

Doch der amerikanische Verlag Merriam-Webster erlebt gerade ein digitales Revival. Oder wie es der Verlag in seinem Wörterbuch definieren würde: renewed attention to or interest in something - erneuerte Aufmerksamkeit oder Interesse für etwas.

Seit einem Jahr arbeitet der Verlag an einem neuen Image und hat politische Posts für sich entdeckt, um Aufmerksamkeit, Klicks und damit Geld durch Online-Werbung zu generieren. Lieblingsobjekt des Wörterbuchs ist der bekannteste Twitter-Nutzer der Welt: Donald Trump. Der Mann, der nach eigener Aussage the best words hat. Mit denen hat der neue US-Präsident im Vorwahlkampf angegeben.

Spricht Trumps Beraterin von alternativen Fakten, kontert das Wörterbuch

Wenn Trump selten genutzte Wörter oder Phrasen wie Big League sagt, erklärt das Wörterbuch sie und landet damit Hits auf Twitter. Es macht sich über die Rechtschreibfehler des Präsidenten lustig, oder definiert vorsorglich das Wort Claque - eine Gruppe von Menschen, die zum Jubeln bezahlt wird - nachdem in der ersten Pressekonferenz des Präsidenten verdächtig enthusiastisch geklatscht worden ist.

Merriam-Websters Social-Media-Team ist auch zur Stelle, wenn Trumps Beraterin Kellyanne Conway von alternative facts spricht: Es twittert schlicht die Definition des Wortes fact. Ergebnis: Nahezu 50 000 Retweets und mehr als 60 000 Likes.

Das funktioniert natürlich nur, weil Trumps Spötter den Kontext kennen: Eine neue Regierung, die Sprache besonders manipulativ benutzen möchte - und daran oft scheitert.

Einen weiteren Erfolg landete das Wörterbuch-Team, als es einen Tag vor der US-Wahl das Wort Götterdämmerung erklärte:

Es bleibt allerdings nicht bei Definitionen zur aktuellen Politik. Merriam-Webster retweetet fleißig andere Beiträge von Fans, stellt Wörter vor, die häufig gesucht werden und teilt animierte Gifs für neu aufgenommene Wörter:

Das regt zum Teilen an und zieht die Nutzer auf die Webseite des Verlags - wo Werbung auf sie wartet. Mehr als 300 000 Menschen folgen dem Wörterbuch auf Twitter, fast genauso viele sind es auf Facebook. Zwölf Redakteure, Datenanalysten und Designer arbeiten für das Team, schreibt das US-Portal Buzzfeed in einem längeren Artikel über die Social-Media-Strategie des Verlages.

Auch der Duden versucht, seinen Twitter-Acount zu beleben

Für die Webseite Mashable ist das Wörterbuch eine Social-Media-Königin, die "originell, bissig und politisch sehr relevant" die englische Sprache einsetzt. Vor einem Jahr war das noch anders. Da twitterte Merriam-Webster vor allem monoton das "Wort des Tages", was kaum Reaktionen in den sozialen Netzwerken hervorrief.

Der Duden twittert noch heute meistens so. Der Account des deutschen Wörterbuchs hat fast nur die Wörter des Tages zu bieten, die sich wie eine einfarbige gelbe Schlange durch seinen Stream ziehen. Keine Gifs, kaum Retweets anderer Beiträge. Selten wird es politisch, aber wenn, dann bietet auch für den Duden Donald Trump eine gute Angriffsfläche. Am Tag nach der US-Wahl war das Wort des Tages schlicht "herrje", der Duden wurde mit 800 Retweets und 1300 Likes belohnt. Normalerweise wird ein Tweet des Accounts etwa zehn bis 20 Mal weiterverbreitet.

Ein Tweet zum Meme "Was ist das für 1 Life?" kam bei den Nutzern ebenfalls ziemlich gut an. Das zeigt: Auch der Duden könnte durch soziale Medien mehr Menschen erreichen. Merriam-Webster hat vorgemacht, wie ein altes Wörterbuch im Internet mit einem Schlag gefeiert werden kann.

© SZ.de/jab/sks
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