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Hacker vor Gericht:Auf der Suche nach Aliens

Dem Briten Gary McKinnon drohen bis zu 60 Jahre Haft. Er soll in den USA wegen der "größten Attacke aller Zeiten auf militärische Computer" angeklagt werden.

Wolfgang Koydl

Wenn man sein knabenhaftes Gesicht und den wilden Haarschopf sieht und Berichte über ihn in der britischen Presse liest, dann könnte man meinen, dass Gary McKinnon noch minderjährig ist - einer jener blassen Teenager, die den ganzen Tag vor dem Computer verbringen.

Gary McKinnon soll an die USA ausgeliefert werden: Ihm drohen bis zu 60 Jahre Haft wegen Hacker-Angriffen.

(Foto: Foto: dpa)

Aber das Aussehen trügt: McKinnon ist ein 43 Jahre alter Mann, der einen gutbezahlten Job als IT-Berater für verschiedene Firmen hatte, bevor er sich für eine Karriere als Computer-Hacker mit besonderem Interesse für Ufos entschied.

Dieser Schritt sollte sich als verhängnisvoll erweisen, denn seinem Hobby hat es der britische Staatsbürger zu verdanken, dass ihm nun vor einem amerikanischen Gericht der Prozess gemacht werden soll - wegen der angeblich "größten Attacke aller Zeiten auf militärische Computer".

McKinnon leidet am Asperger Syndrom

Im Falle eines Schuldspruches drohen ihm bis zu 60 Jahre Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis - und soeben hat McKinnon nach einem siebenjährigen Kampf sein letztes juristisches Gefecht verloren, mit dem er seine Auslieferung an die USA verhindern wollte. Dass Briten überhaupt an die USA überstellt werden dürfen, ist Folge eines umstrittenen beiderseitigen Auslieferungsabkommens, das London und Washington vor fünf Jahren vereinbart haben.

McKinnon, der am Asperger Syndrom leidet, einer leichten Form von Autismus, hat zugegeben, in den Jahren 2001 und 2002 insgesamt 97 Computer militärischer Einrichtungen in den USA - darunter des Pentagon - gehackt zu haben. Er beteuert, dass es ihm nur darum gegangen sei, Hinweise über eine Verschwörung aufzudecken, mit der das US-Militär Informationen über außerirdische Intelligenz zu unterdrücken versuche.

US-Militärstaatsanwälte hingegen legen ihm zur Last, mehr als 73.000 Regierungsrechner ausgekundschaftet, Betriebssysteme blockiert, Dateien gelöscht, auf seinen eigenen Computer kopiert und das gesamte Netz des Militärdistrikts von Washington 24 Stunden lang lahmgelegt zu haben.

Haftstrafe in britischem Gefängnis

Oft ließ er dabei Nachrichten zurück. "US-Außenpolitik in diesen Tagen ähnelt vom Staat gefördertem Terrorismus", schrieb er. "Es war kein Fehler, dass es am 11. September letzten Jahres einen gewaltigen Zusammenbruch der Sicherheit gab", fügte er unter Hinweis auf den Terrortag des Jahres 2001 hinzu.

All dies hat das Interesse der amerikanischen Behörden an jenem geheimnisvollen Hacker gesteigert. In den Monaten nach den folgenschwersten terroristischen Attacken der Geschichte befanden sich die USA zuweilen in einem an Hysterie grenzenden Verfolgungswahn. Dies erklärt auch, weshalb man dem blassen Briten McKinnon den gleichen Status eines "feindlichen Kämpfers" verpasst hat, wie ihn verdächtige Al-Qaida-Mitglieder in den USA erhalten.

Obwohl es eine Kampagne gegen die Auslieferung McKinnons gibt mit Prominenten wie dem Musiker Bob Geldof und der Schauspielerin Julie Christie, hat Innenminister Alan Johnson eine Intervention der Regierung ausgeschlossen. Nur einen Trost konnte er spenden: London werde sich dafür einsetzen, dass McKinnon eine Haftstrafe in einem britischen Gefängnis verbüßt.

© SZ vom 04.08.2009/cf

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