Süddeutsche Zeitung

Glasfaser-Internet:Breitband-Insel der Glückseligen

Die Deutschen klagen häufig über schlechte DSL-Leitungen. Norwegen zeigt, wie konsequenter Breitband-Ausbau aussehen kann.

Ben Schwan

Die Gegend rund um die 40.000-Einwohner-Gemeinde Alesund an der Westküste Norwegens ist malerisch. Denn Inseln und Fjorde reihen sich hier aneinander wie auf einer Perlenkette und die Jugendstilstadt selbst, bei deren Wiederaufbau nach einer Brandkatastrophe im Jahr 1904 Kaiser Wilhelm II. half, weil er die Region so liebte, trifft auf unberührte Natur und dünn besiedeltes Land.

Man würde erwarten, dass es in einer solchen Region nur ein eher eingeschränktes Angebot an Breitband-Internet gibt - zu wenige Kunden verteilen sich über eine zu große Fläche, deren Anbindung mit schnellen Netzen sich eigentlich nicht lohnen kann.

Doch so denkt man im Norden nicht. Denn hier, in der norwegischen Region Sunnmore, sind die Gemeinden Eigentümer des Stromversorgers, der parallel zu seinen Elektrizitätsleitungen auch noch Glasfasernetze aufgebaut hat.

Das Ergebnis lässt staunen: Sogar ein Ort mit bloß 200 Einwohnern, verbunden mit dem Festland durch mehrere Unterseetunnel, erhält eine Internetanbindung, von der man in Deutschland zumindest auf dem Land nur träumen kann. Das orangerote Kabel, mit dem der Anschluss bis in jedes Haus führt, ist sogar zum Markenzeichen für den Stromversorger Tafjord geworden.

Kein Ärger mit der Telekom

Ergebnis: In den Dörfern schert sich kaum mehr jemand um das norwegische Pendant zur Deutschen Telekom AG, der Telenor - das Glasfaserkabel des Lokalanbieters, der natürlich auch den Alesunder Fußballverein sponsort, liefert schnelles Internet, Telefon und ein gigantisches Pay-TV-Angebot inklusive HD-Unterstützung gleich mit. Die Menschen müssen ihre Endgeräte nur noch an die kleine Box anschließen, in die das Glasfaserkabel mündet.

Das ganz normale Internet kommt mit bis zu 100 Megabit ins Haus. "Wir könnten noch deutlich mehr", sagt ein Techniker, während er einen Anschluss durchprüft, "darüber gingen auch Gigabits." Doch schon jetzt sind hier Download-Raten möglich, die fünf- bis sechsmal so hoch liegen wie die höchste deutsche ADSL-Geschwindigkeit (16 Megabit). Zehn oder zwölf Megabyte pro Sekunde sind damit machbar.

Das ist so schnell, dass man sich überlegen muss, wie man sein Heim verkabelt, denn: Drahtlose Wlan-Netze sind nämlich standardmäßig zu langsam, um das Glasfasersignal in voller Bandbreite zu übertragen. Die Dame an der Tafjord-Hotline bittet Neukunden deshalb, ihren Anschluss über Kabel auf Maximalgeschwindigkeit zu testen. "Aha, geht ja", sagt der dann normalerweise.

Warum die Entwicklung in Deutschland stoppt

In Deutschland kommt der Glasfaserausbau dagegen nur schleppend voran. Aktuelles Standardprodukt mit höchster Geschwindigkeit ist VDSL, das lange Jahre nur von der Telekom vermarktet werden durfte. Es basiert zwar intern auf Glasfaser, doch die Anbindung endet in den großen Verteilerkasten in den Straßen.

Zu den Menschen geht es kostensparend über das gewöhnliche Zwei-Draht-Kupferkabel. VDSL schafft deshalb mit Ach und Krach 50 Megabit pro Sekunde, wofür die Telekom ziemlich genau die Hälfte des Preises verlangt, den man im teuren Norwegen für 100 Megabit zahlt.

Die deutschen Anbieter zögern

Nur im deutschen TV-Kabel geht es mit 50 bis 100 Megabit dank besserer Verbindung noch etwas schneller, doch die Abdeckungsrate ist auf die Bevölkerung gerechnet geringer als bei DSL-Produkten.

Und so sind es auch in Deutschland vor allem lokale Anbieter wie Netcologne (Stadt Köln) oder M-Net (Münchner Stadtwerke), die sich an Glasfaserprodukten versuchen, weil sie einfacher an den Endkunden herankommen.

Die Telekom ist dagegen von flächendeckenden Fiber-to-the-Home noch weit entfernt. Aktuell wurde von der Politik festgelegt, in den nächsten Jahren ein Megabit für alle bundesweit zur Pflicht zu machen. Das entspricht nur einem Hundertstel von dem, was mit Glasfaser möglich wäre und in Norwegen gemacht wird.

Vielleicht ist es ja ein Trost für von lahmem Internet geplagte Deutsche, dass es auch auf den sonst perfekt angebundenen westnorwegischen Inseln manchmal knirscht. Anfang Dezember wurde einigen hundert Kunden nördlich von Alesund für ein paar Tage die Netzverbindung abgeschnitten, weil eine Bohrinsel beim Ausschiffen aufs Meer ein Unterseekabel zerstörte. Ersatz war schnell bei der Hand - und schneller.

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SZ vom 04.01.2010/joku
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