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"Fortnite"-Weltcupfinale:Drei Millionen Dollar Siegprämie

Der amerikanische Teenager Kyle Giersdorf gewinnt die erste Weltmeisterschaft im Videospiel "Fortnite". Seine Siegprämie ist ähnlich hoch wie die eines Grand-Slam-Turniers im Tennis.

Und dann steht da dieser 16 Jahre alter Lümmel in der Mitte der weltgrößten Tennisarena, er trägt eine schwarze Jacke und eine schwarze Mütze, und er sagt, was Profisportler nun mal sagen, wenn sie ein bedeutendes Turnier gewonnen haben: "All die Mühe ist nicht umsonst gewesen." Und: "Ich kann das alles gar nicht glauben." Und: "Das ist doch verrückt." Kyle Giersdorf ist kein Tennisspieler, er ist der erste Weltmeister im Videospiel Fortnite, für seinen Sieg bekommt er eine Siegprämie von drei Millionen Dollar. Mehr hat in der Videospiel-Geschichte noch niemand für einen Sieg bei einem Einzelturnier bekommen.

Wer verstehen möchte, was am vergangenen Wochenende im Arthur Ashe Stadium von New York City passiert ist, der sollte wissen, dass in ein paar Wochen wieder Tennis gespielt werden wird in dieser Arena. Beim Tennisturnier US Open werden Leute um ein Preisgeld von insgesamt 57,24 Millionen Dollar kämpfen, deren Vornamen weltweit bekannte Marken sind: Serena, Simona, Roger, Rafa. Es sind Künstler, Virtuosen dieser Sportart, und auch wenn sie letztlich nur einen Ball über ein Netz schubsen, käme wohl kaum jemand auf die Idee, diese Leistungen und auch die gesellschaftliche Relevanz von Tennis infrage zu stellen.

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Videospiel Fortnite

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Am Wochenende gab es also einen anderen sportlichen Wettbewerb auf der Anlage im Stadtteil Flushing Meadows, es ging um ein Gesamtpreisgeld von 40 Millionen Dollar, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Spitznamen der besten Akteure weltweit bekannte Marken sind: Tfue, Myth, Bizzle, Mongraal. Ausgetragen wurde die erste Weltmeisterschaft im Computerspiel Fortnite, im Doppel gewannen der 17 Jahre alte David Wang (Österreich, Spitzname: Aqua) und der ein Jahr jüngere Emil Bergquist Pedersen (Norwegen, Nyhrox) jeweils 1,5 Millionen Dollar, im Einzel der amerikanische Teenager Giersdorf, dessen Spitzname Bugha nun eine weltweit bekannte Marke ist.

Fortnite ist ein Computerspiel, in der Version "Battle Royale" treten 100 Spieler auf einer postapokalyptischen Insel gegeneinander an, sie müssen dort Waffen suchen und Ressourcen sammeln - und sich gegenseitig abknallen, der letzte Überlebende gewinnt die Runde. Es ist in den vergangenen zwei Jahren zum popkulturellen Phänomen geworden: Sportprofis bejubeln Tore und Siege mit Tänzen aus dem Spiel, Promis verkleiden sich als Figuren, ein Sieg ("Victory Royale") ist ein auf dem Schulhof ähnlich anerkanntes Statussymbol wie früher das vollständige Paninialbum.

Nun also ist Fortnite auch eine Sportart, mehr als 40 Millionen Spieler weltweit haben in den vergangenen zehn Wochen bei Online-Turnieren versucht, sich für die Endrunde in New York zu qualifizieren. Es gab Punkte für die Platzierung und Boni für eliminierte Gegner, jeder mit Computer, installiertem Spiel und Internet-Anschluss durfte sich versuchen, und wer es ins Arthur Ashe Stadium schaffte, der bekam schon mal 50 000 Dollar Antrittsprämie. Das Preisgeld für die Teilnahme an der ersten Runde bei den US Open: 58 000 Dollar.

Das Durchschnittsalter bei der Fortnite-Endrunde: 16 Jahre

Man kann das nun alles für eine gar schreckliche Entwicklung halten und für einen Vorboten auf das Ende des Abendlandes - oder für eine Evolution von Sport unter Berücksichtigung der technologischen Entwicklung. Auf jeden Fall ist der virtuelle Sport kein kurzlebiges Phänomen, als das er vor zehn Jahren abgetan worden ist. Es gibt mittlerweile Profiligen und Stipendien an US-Elite-Universitäten, der Organisationschef der Olympischen Spiele 2024 in Paris, Tony Estanguet, hat (erfolglos) versucht, Videospiele ins Programm aufnehmen, bei den Asienspielen 2022 im chinesischen Hangzhou werden Akteure um Medaillen kämpfen.

Wer diese Weltmeisterschaft verfolgte, der dürfte bemerkt haben, dass es mitnichten nur darum geht, Waffen aufzuklauben und danach andere Spieler abzuknallen. Es gibt unterschiedliche Spielweisen und Strategien, so wie es beim Tennis den Defensivkünstler Novak Djokovic und den wuchtigen Rafael Nadal gibt. Der spätere Sieger Giersdorf zum Beispiel agierte während der ersten von sechs Spielrunden überaus aggressiv, danach wählte er eine eher bedächtige Spielweise, er wich den Fallen der Gegner geschickt aus und konterte überraschend.

Was da gerade passiert, lässt sich vielleicht am besten am 13 Jahre alten Lion Krause erklären. Der Teenager aus Gütersloh (Spitzname: Lyght) hatte sich ebenfalls qualifiziert, und er sagt nun in etwa das, was Roger Federer einst über Tennis gesagt hat: "Mein Ziel war es schon immer, nie normal arbeiten gehen zu müssen. Jeden Tag ins Büro, acht Stunden lang und das über Jahre, das finde ich nicht so gut." Federer bei den US Open 2018: "Mein Vater hat gesagt, dass ich mich um die Schule kümmern soll - ich habe aber gewusst, dass ich keinen normalen Beruf will, sondern Profisportler werden möchte." Krause belegte am Ende den 80. Platz und bekam noch einmal 50 000 Dollar.

Das Durchschnittsalter der Teilnehmer an der WM-Endrunde in New York lag bei 16 Jahren, da passte es, dass am Ende ein 16 Jahre alter Teenager gewann. Giersdorf stand also in der Mitte der größten Tennisarena der Welt, der berühmte DJ (und Fortnite-Spieler) Marshmello war einer der ersten Gratulanten, dann kamen die Eltern und Geschwister. Im Konfetti-Regen umarmte Giersdorf seine Familie und bedankte sich für die Unterstützung in den vergangenen Jahren - was Profisportler eben so sagen, wenn sie eine bedeutende Veranstaltung gewonnen haben.

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