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Virale Erfolgs-App:Was Sie wissen sollten, bevor Sie die russische FaceApp nutzen

US-Demokrat Schumer will FaceApp untersuchen lassen

Die mit der App eines russischen Entwicklerteams veränderten Gesichter wirken verblüffend realistisch. Dafür verantwortlich soll eine künstliche Intelligenz sein.

(Foto: dpa)
  • Zum zweiten Mal seit 2017 verbreitet sich die FaceApp wie wild. Auslöser ist wohl, dass etliche Prominente Selfies von sich posteten, auf denen sie ihre Gesichter mithilfe der App altern ließen.
  • Einige Experten äußern jetzt Bedenken: Es sei unklar, was die Firma mit den Fotos anstelle. Und auch die Politik meldet sich zu Wort.
  • Die Demokraten in den USA haben jetzt das FBI aufgefordert, zu prüfen, ob die Nutzung der App durch US-Bürger eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt.

Die russische Anwendung FaceApp ist zwar zwei Jahre alt, aber erneut zum viralen Hit geworden. Eine Reihe von US-Promis hatten mit ihr manipulierte Bilder von sich in sozialen Netzwerken gepostet. Der Rapper Drake, die Popband Jonas Brothers, der DJ David Guetta, alle nutzten die russische App, um Selfies von sich ein paar Jahrzehnte altern zu lassen. Millionen Fans taten es ihnen nach. Und jetzt wollen sehr viele Menschen selbst alt aussehen.

Die FaceApp, die Anfang 2017 zum ersten Mal größere Berühmtheit erlangte, nutzt eine selbstlernende künstliche Intelligenz (KI). Die Software errechnet auf Basis Abertausender Trainings-Fotos eine mögliche gealterte Version des Gesichts aus dem Ursprungsbild. Dazu greift das Programm laut Aussagen Yaroslav Goncharovs, des Chefs der Firma, auch auf Googles KI-Software Tensorflow zurück. Das Ergebnis sieht in den meisten Fällen verblüffend realistisch aus - und eben deshalb besonders irritierend für die Nutzer.

FaceApp

Der Autor, laut FaceApp in etwa 30 Jahren. Hoffentlich dann tatsächlich mit ähnlich vollem Haar.

(Foto: Muth/ künstliche Intelligenz)

Einige Experten äußerten aber bald einen Verdacht: Die FaceApp könne auf die gesamte Foto-Bibliothek der Nutzer zugreifen und diese dann auf ihre Server laden, hieß es zum Beispiel bei der Plattform 9to5mac.com unter Berufung auf den App-Entwickler Joshua Nozzi. Der hatte der App auf seinem Telefon die Berechtigung erteilt, auf den Foto-Speicher zuzugreifen. Weil die Fotos in der App danach nur sehr langsam luden, folgerte Nozzi, dass sie auf Server von FaceApp geladen würden. Andere Entwickler widersprachen umgehend, zum Beispiel der CEO der iOS-Firewall-App "Guardian", Will Strafach.

Was macht die russische App mit den Fotos der Nutzer?

Strafach installierte die App ebenfalls und überprüfte die Datenpakete, die sie über das Internet verschickt. Massenhafte Foto-Uploads konnte Strafach nicht feststellen, nur einige für derartige Apps recht normale Kontakte zu Amazons Cloud-Dienst AWS oder sozialen Medien. Auch Strafach kritisierte allerdings, dass das jeweils ausgewählte Foto nicht auf dem Smartphone der Nutzer, sondern in der Amazon-Cloud verändert werde, ohne dass die App das deutlich mache. Auch der oberste deutsche Datenschützer, der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD), kritisierte die "schwammigen Nutzungsbestimmungen" der App. Er fürchte, dass wichtige persönliche Daten "in die falschen Hände geraten könnten", so Kelber gegenüber dem SWR.

In die Datenschutz-Bestimmungen der App heißt es: "Alle Informationen, die Sie mit der FaceApp freiwillig verarbeiten, stehen der App künftig anonymisiert zur Verfügung." Das heißt, jedes bearbeitete Foto kann von dem Unternehmen verwendet werden, wie es möchte. Bei mehr als 100 Millionen Downloads der App seit 2017 sind das eine Menge Fotos, selbst wenn der angebliche unerlaubte Upload der gesamten Foto-Bibliothek gar nicht stattfindet.

Die Bedenken einiger Nutzer rühren wohl auch daher, dass die Entwickler aus Russland stammen. CEO Goncharov hat nach Angaben auf seinem LinkedIn-Profil einige Jahre für Microsoft in den USA gearbeitet, später Software für Mobiltelefone entwickelt, unter anderem als Leiter der mobilen Plattform des russischen Google-Konkurrenten Yandex. Den verließ er allerdings bereits 2013, um seine eigene Firma Wireless Lab zu gründen. Die hatte neben FaceApp 2014 schon einmal einen Erfolg. Mit der Webseite "Hotel Wifi Test" schaffte sie es auf eine Liste des Time Magazine der besten Webseiten des Jahres 2014. Für Verbindungen Goncharovs zu russischen Geheimdiensten oder anderen suspekten Gruppen gibt es allerdings keinerlei Belege.

US-Demokraten warnen vor App-Nutzung

Aber Datenschutz, Russland, USA, Manipulation: Da war doch was. Aus Russland wurden rund um die US-Wahl 2016 Kampagnen gefahren, um die Wahlentscheidung von US-Bürgern zu beeinflussen. Und deshalb warnen mittlerweile nicht nur Informatiker und Datenschützer vor der Nutzung von FaceApp. Auch der Chef der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer, ist alarmiert. Er hat die Bundespolizei FBI per offenem Brief aufgefordert, zu prüfen, ob die Nutzung der App durch Millionen US-Bürger ein nationales Sicherheitsrisiko darstelle. Die Demokraten raten jedenfalls ihren potenziellen Präsidentschaftskandidaten schon mal, die Finger von der App zu lassen.

"Gefahr für die nationale Sicherheit" - das mag übertrieben sein. Ein mögliches Angriffsszenario ist nur schwer vorzustellen. Die Gefahr, dass Apps oder andere Dienste Fotos zweckentfremden, um etwa Gesichtserkennungs-Software mit Trainingsdaten zu füttern, ist dagegen nicht aus der Luft gegriffen. NBC berichtete erst im Mai, dass der Cloudspeicherdienst "Ever" genau das getan hatte. 2013 als gewöhnlicher Fotospeicherdienst gestartet, begann Ever irgendwann, die gespeicherten Fotos der Nutzer für das Training des neu gegründeten Gesichtserkennungs-Zweigs des Unternehmens zu nutzen. Den Nutzern verriet die Firma darüber nichts. Erst nachdem NBC das Unternehmen mit den Recherchen konfrontiert hatte, wurde klammheimlich eine entsprechende Passage in die Nutzungsbedingungen eingefügt.

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