Dreamhack Leipzig Der Gegner sitzt nur ein paar Tische weiter

Pavillon mit Tarnnetz, aber ohne Dach: Die Gaming-Community "MultiWay Official" hat sich gut sichtbar in der Mitte der Halle aufgebaut. Cedric Bartsch (vorne) streamt, wie er spielt.

(Foto: dpa)
  • Am Wochenende haben sich in den Leipziger Messehallen Tausende Gamer auf dem Festival "Dreamhack" getroffen.
  • Herzstück der Dreamhack, die zum dritten Mal stattfand, ist die Lan-Party: Rund 1700 Gamer spielten von Freitagfrüh bis Sonntagnachmittag.
  • Die Spieler, die sich oft nur "virtuell" treffen, lernen sich hier persönlich kennen. Dazu tragen sie in "Counter-Strike", "Rocket League" und anderen Spielen Wettkämpfe aus.
Von Caspar von Au, Leipzig

Als Enrico Arndt, genannt "Cero", den letzten Terroristen erschießt, zerreißt ein Schrei die Stille in Halle 5. Fünf junge Männer in Reihe H springen auf und klatschen sich ab. Sie haben das Achtelfinale des "Counter-Strike"-Turniers erreicht. Jetzt laufen sie hinaus, um schnell zwei Zigaretten zu rauchen. Wer weiß, wie viel Zeit bis zum nächsten Spiel bleibt.

Das Turnier ist Teil der Lan-Party der "Dreamhack", ein Gaming-Festival, das am Wochenende zum dritten Mal in der Leipziger Messe stattgefunden hat. Zu dem Festival gehören: mehrere E-Sport-Turniere, Gaming-Hersteller, die ihr neuestes Equipment präsentieren, ein Cosplay-Wettbewerb und ein Turnier der besten Pokémon-Sammelkartenspieler Deutschlands. Der Mittelpunkt ist aber die sogenannte Lan-Party. In den Neunzigern, als es noch kein DSL gab, waren Lan-Partys (Lan steht für Local Area Netzwerk) die einzige Möglichkeit für Computerspieler ihre Rechner in einem lokalen Netzwerk zu verbinden - oft privat im Keller.

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Ursprünglich kommt das Gaming-Festival aus Jonköping, Schweden. Auf der - laut Guinness-Buch - größten Lan-Party der Welt treffen sich jährlich mehr als 20 000 Gamer zum Spielen. Der kleine Ableger in Leipzig war mit 1700 Spielern ausverkauft, insgesamt 18 500 Besucher schlenderten durch die Hallen.

Sich offline begegnen ist schöner als nur online miteinander spielen

In Halle 5, wo die Lan-Party stattfindet, kommt das meiste Licht von den Hunderten Monitoren, die in langen Reihen auf den Tischen stehen. In den breiten Gängen dazwischen stapeln sich Luftmatratzen, Feldbetten und Schlafsäcke. Die meisten sind am Samstagmittag verlassen, aber der ein oder andere hat sich eingerollt und macht ein Nickerchen. Auf den Tischen, zwischen Cola- und Bierflaschen, blinken Tastaturen und Mäuse in Regenbogenfarben vor sich hin.

Vor den Rechnern sitzen größtenteils Männer in den Zwanzigern. Wer nicht auffallen will, trägt Jogginghose, Badeschlappen oder Sneaker und ein Trikot, auf dem irgendetwas mit "eSports" oder "Gaming" steht. Die Bildschirme zeigen Gewehrläufe, Insellandschaften von oben, mittelalterliche Schlachten. Ein Spieler steuert gemächlich seinen Lkw durch die virtuelle Welt in "Euro Truck Simulator 2". Über einen Beamer an die Hallenwand geworfen schießt Bruma den RB Leipzig zur Führung gegen den HSV. Das Spiel findet zeitgleich einige Kilometer entfernt in der Leipziger Arena statt.

Warum kommen die Gamer in Massen hierher? Warum ist eine Lan-Party, vermeintlich ein Relikt aus Zeiten, in denen es noch keine DSL-Leitungen gab, auch 2018 ausverkauft? "Die Atmosphäre", sagen Janine Schweingel und Marcel Bröker unabhängig voneinander. Schweingel ist mit ihrem Gaming-Team hier: "Es ist einfach so gemütlich, familiär." Bröker hat sich ebenfalls mit Freunden auf der Dreamhack verabredet. Um am Freitagmorgen pünktlich um 7.30 Uhr vor der Halle zu stehen, ist er nachts um halb drei aus Hörstel, einer Kleinstadt nahe Osnabrück, aufgebrochen. Eigentlich kommt so gut wie niemand alleine zu dem Gaming-Festival, den meisten geht es um das soziale Erlebnis. Es ist eben schön, sich auch einmal real zu begegnen.

Online kennen sich die Spieler gut, real sehen sie sich zum ersten Mal

Draußen vor der Halle ziehen die fünf Counter-Strike-Spieler an ihren Zigaretten. Sie nennen sich "Exitum Bigas". Sie tragen blau-weiße Trikots, auf denen vorne der Teamname und hinten ihr Spielername steht. Der Jüngste im Team ist 18, der Älteste 30 Jahre alt. Auch für sie ist der soziale Aspekt entscheidend. Es ist ihr erstes Mal auf einer Lan-Party, sie sind vor allem für das Turnier hier und dafür aus Dortmund, Stuttgart und sogar der Schweiz angereist. Online haben die Spieler von Exitum Bigas schon viel Zeit miteinander verbracht, aber im realen Leben haben sich manche erst hier in Leipzig das erste Mal gesehen. Hier sitzen sie mit ihren Rechnern nebeneinander und können eine erfolgreiche Runde gemeinsam feiern. "Das ist schon cool", sagt Enrico "Cero" Arndt, "und dass deine Gegner ein paar Tische weiter sitzen."

In der Halle ist es gemessen an den rund 1700 Menschen, die hier spielen, sehr ruhig. Man kann hören, wie sie emsig ihre Mäuse und Tastaturen bearbeiten. Nur hin und wieder jubelt es irgendwo - oder jemand bemüht den alten Festival-Gag und ruft nach Helga. "Heeelgaaaaa", brüllen dann Gamer aus allen Ecken der Halle zurück. 30 Sekunden später klicken wieder nur die Mäuse und Tastaturen.

Schräg gegenüber der Kaffeebar in der Mitte der Halle hat die Gaming-Community "MultiWay Official" gut sichtbar ihr Lager aufgebaut. Über ihren PCs steht das Gerüst eines Pavillons. Ein Tarnnetz und bunte Lichterketten sind zwischen den Stangen gespannt. Die Plane durften sie aus Brandschutzgründen nicht mit aufbauen. Ein aufblasbares orangenes Sofa lädt Vorrübergehende dazu ein, sich darin für einen kurzen Plausch fallenzulassen.

Flughafensimulator zum Entspannen

"Wir streamen von hier", erklärt Nico Boettcher und zeigt auf einen Bildschirm, der zum Gang zeigt. Darauf ist zu sehen, wie Cedric Bartsch, der Boettcher gegenübersitzt, mit einem Auto gegen einen Ball fährt und versucht, diesen in ein Tor zu befördern - "Rocket League" heißt das Spiel. MultiWay Official sind mit neun Männer und Frauen aus Sachsen und Thüringen auf der Dreamhack. Für einige Dutzend Zuschauer übertragen sie drei Tage rund um die Uhr auf der Streamingplattform Twitch, wie sie Rocket League oder den Ego-Shooter "PlayerUnknown's Battlegrounds" spielen. Auf Boettchers Bildschirm läuft gerade ein Flughafensimulator. "Zum Entspannen", sagt er. Sie sind schon das dritte Jahr in Folge hier. "Es ist einfach etwas anderes, mit den Kollegen zusammenzusitzen." Sechs bis acht Stunden Schlaf hatten sie beim letzten Mal über das ganze Wochenende insgesamt. In der Nacht von Freitag auf Samstag sind sie dieses Mal einfach eingepennt. "Keine Ahnung, was da los war", sagt Boettcher. "Man wird älter." Der 21-Jährige grinst.

Saufen, feiern, durchmachen - dafür sind die Jungs von Exitum Bigas nicht hier. Sie wollen das Counter-Strike-Turnier der Lan-Party gewinnen, mindestens aber ins Halbfinale kommen. Im Gegensatz zu den meisten anderen hier spielen sie deshalb auch nur ein Spiel, trinken höchstens mal ein Bier und gehen zeitig ins Bett. Heißt in diesem Fall um halb vier in der Früh.

Am Ende ist für Exitum Bigas im Achtelfinale Schluss. Zufrieden sind sie trotzdem: Bei 128 teilnehmenden Teams sind sie bis unter die letzten 16 gekommen. Ihr letztes Spiel gegen "Team Schweineaim", in dem ein großer deutscher Youtuber mitspielt, verlieren sie knapp. Während des Spiels versammeln sich einige Zuschauer in der Reihe H, um ihnen beim Spielen zuzuschauen. Cedric Bartsch und seine Mitspieler bei MultiWay Official haben es immerhin bis ins Rocket-League-Finale geschafft - und mehr als 50 Stunden Videomaterial gestreamt. Nächstes Jahr? Kommen wir wieder, da sind sich alle einig.

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