Süddeutsche Zeitung

Diskussionskultur:Online sind alle Polizisten

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Von Scholls "Miss September"-Kommentar zum Streit über Flüchtlinge: Im Netz fahnden Hobby-Ermittler nach falschen Werten. Die digitale Gesellschaft ahmt den Boulevard nach - und seine Mechanismen von Schande und Scham.

Essay von Johannes Kuhn

Wir fertigen Screenshots von verbalen Unfällen oder rhetorischen Ausrutschern an, klappern die Sätze öffentlicher Personen nach Beweisen für Heuchelei ab und finden täglich Gründe, uns über jemanden aufzuregen. Als Sonderermittler verbringen wir einen erstaunlichen Teil unserer digitalen Zeit damit, nach den Fehlern der anderen zu fahnden.

"Wir", das sind all jene, die online über Politik, den Zustand der Welt, die Gesellschaft und ihre Werte diskutieren oder es zumindest versuchen. Doch aus dem hehren Vorsatz ist das ermüdende Ritual geworden, allzu oft digital den Finger zu heben, um Menschen, Aussagen und Verhältnisse als moralisch anstößig oder einfach nur dumm zu markieren.

Nun kann das Internet auch 2017 ein erhellender und freundlicher Ort sein. Was jedoch als Marktplatz der freien Meinungen gedacht war, gleicht inzwischen häufig einer Abteilung von Schutzpolizisten: stets auf der Lauer liegend und bereit, Unwissen oder - besser noch - Vorsatz nachzuweisen. Mehmet Scholl lässt einen Spruch über Cristiano Ronaldo ("Miss September") ab? Ist das Vergehen (Homophobie) identifiziert, folgen ritualisiert Entschuldigungs- und Entlassungsforderungen. Urteile über die Biografie des anderen (Scholl, der gescheiterte Trainer) gibt es obendrauf.

Solche Beispiele gibt es zuhauf. Prominente mögen es seit Erfindung des Boulevard-Journalismus gewohnt sein, Stürme der Bezichtigungen über sich ergehen zu lassen, unabhängig von objektiv relevanten Fehlleistungen. Doch Digitalisierung und Vernetzung haben dem Rest von uns nicht nur eine Stimme gegeben, sondern nun auch uns zu öffentlichen Personen gemacht, sobald wir diese Stimme erheben. Genau deshalb ist das Inquisitorische, das unsere Online-Debatten durchzieht, so fatal: Wortmeldungen werden oft mit einer Unerbittlichkeit analysiert, die weder Rücksicht auf Nuancen und Kontext nimmt, noch die notwendige Distanz zum Persönlichen wahrt. Die Schand- und Schammechanismen des Boulevards sind demokratisiert worden - genutzt von Menschen, die eigentlich über wichtige gesellschaftliche Themen reden wollten.

Irrational, das sind die anderen

Das ist inzwischen außerhalb der eigenen Meinungsgruppe kaum mehr möglich. Wer Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen anmahnt, ist in nationalistischen Kreisen schnell als "Gutmensch" identifiziert - und der ist aus dieser Sicht entgegen des Namens nicht gut, sondern bestenfalls naiv, schlimmstenfalls in voller Absicht unverantwortlich. Wer wiederum die "Ehe für alle" in Frage stellt, läuft Gefahr, von progressiver Seite der Homophobie überführt zu werden - selbst wenn er entlang des Grundgesetzes argumentiert oder einfach öffentlich über seine Position nachdenkt.

Selbstverständlich werden Vertreter beider Lager einwenden, die zwei Fälle seien völlig unterschiedlich - denn natürlich sind die Inquisitoren und Irrationalen immer auf der jeweils anderen Seite des Meinungsspektrums zu finden.

"Es reicht eigentlich schon zu sehen, wer dagegen ist, um dafür zu sein", hieß es jüngst in einer Online-Kolumne, die diesen Mechanismus unabsichtlich entlarvte. Denn längst zählt bei kontroversen Themen nicht mehr, was gesagt wird, sondern wer etwas sagt. Genauer: welcher Gruppe die Person zuzuordnen ist.

Keine Toleranz für Reibung

Die Meinungsfindung abzukürzen, ist menschlich. Die Frage ist allerdings, ob wir uns einen Gefallen tun, wenn wir Effizienz Erkenntnis vorziehen. Unsere Toleranz für Widerspruch hat offenbar nicht nur im Alltag abgenommen (Google Maps zeigt mir den Weg, Yelp das beste Restaurant, Tinder den Kurzzeit-Partner, Facebook den Geburtstag der Freunde), sondern auch, wenn wir uns mit der Welt an sich auseinandersetzen. Und nicht immer geht es dabei um legitimen Selbstschutz vor Beleidigungen und rhetorischer Eskalation.

"Ist Diskussion denn wirklich nur noch möglich, wenn wir alle übereinstimmen?", fragte deshalb jüngst leicht verzweifelt der New Yorker Moralpsychologe Jonathan Haidt. Er erkennt zwei große Probleme der gegenwärtigen Debattenkultur: Einerseits die vielen Möglichkeiten, Äußerungen aus dem Kontext zu reißen oder zu verfälschen, um ihre Urheber in eine bestimmte Ecke zu rücken - so sollte jüngst beispielsweise Margot Käßmann diskreditiert werden.

Zum Zweiten diagnostiziert er einen akuten Mangel an Nachsicht: Wir können die Aussagen und Intentionen unseres Gegenübers im besten Sinne interpretieren oder im schlechtesten - und diese Intention zu bewerten, ist nicht immer einfach. Online neigen wir im Falle von Andersdenkenden allerdings allzu oft dazu, die schlimmsten Absichten zu vermuten.

Die Überwacher, das sind auch wir selbst

Studien zufolge nehmen wir Informationen aus unserer eigenen Gruppe ("In-Gruppe") in der Tat besser auf, erinnern uns an positive Details und machen für negatives Verhalten äußere Umstände verantwortlich. Bei Informationen aus der "anderen" Gruppe ist es genau umgekehrt: Wir misstrauen den Informationen und werten negatives Verhalten als Bestätigung schlechten Charakters. Diese Eigenschaft entwickelte sich in unserer Evolutionsgeschichte wohl bereits früh. Forscher nennen sie "engstirnigen Altruismus" (parochial altruism).

Die In-Gruppe überzeichnet die Andersartigkeit einer Out-Gruppe: Was in der Soziologie als "Othering" bekannt ist, gehört auch im Netz zur ständigen Bestätigung der eigenen Identität. Der Mechanismus weist Gemeinsamkeiten mit Freuds umstrittenen Konzept des Über-Ichs auf: Eine übergeordnete Instanz, die Abweichung von unsichtbaren Normen mit dem Gefühl der Scham bestraft.

Die Psychoanalyse siedelte dieses Über-Ich eben "über" dem Einzelnen an. Heute wohnt es überall, unsichtbar in unseren Vernetzungen. Wir überlegen uns deshalb nicht nur genau, was wir sagen und ob die Argumentation in unserem Netzwerk auf Widerstand stoßen könnte ("äußere ich Widerspruch zum Thema?"), sondern auch, was unsere Rolle darin stärkt. Die ernüchternde Antwort lautet fast immer: Wir wiederholen akzeptierte Werturteile unserer Gruppe oder betonen die Unterschiede zur "anderen" Gruppe. Engstirniger Altruismus eben.

Das alles entspricht natürlich Verhaltensmustern in der "physischen" Welt, doch die potenziell unendliche Vernetzung ändert den Maßstab: Es ist ein Unterschied, ob mir ein Dutzend Menschen im Stuhlkreis zuhören oder eine unbekannte Zahl unsichtbarer Augen auf mich blickt. Wir wissen weder, was die Beobachter wahrnehmen, noch was sie suchen. Wir kennen weder unser mögliches Vergehen, noch die Bestrafung.

Wir sind Polizisten und Gefangene

Wir leben also in dem - im digitalen Kontext als Metapher überstrapazierten - Panopticon, wie es Michel Foucault beschrieb. Doch statt eines versteckten Supervisors, der in unsere Zellen blickt, haben wir selbst (freiwillig?) eine Doppelrolle übernommen: Als Kontrolleur und Kontrollierter zugleich, als Polizist und möglicher Krimineller. Andere Figuren gibt es nicht, und ein Rollenwechsel ist in jedem Augenblick möglich.

Die Tradition der Aufklärung verbietet es uns, in unserer Gesellschaft das Mosaik eines soziopathischen Kollektivs zu erkennen. Es wäre auch noch zu früh für endgültige Diskursdiagnosen, wir stehen am Anfang. Auch wegen der skizzierten Beobachtungen entscheiden sich Menschen in Deutschland manchmal dafür, öffentlich zu schweigen.

Der Interaktions-Designer Esko Kilpi warnt wie viele andere bereits vor einem neuen Zeitalter des Stammesdenkens. "Tribalismus bedeutet, dass du zu wissen glaubst, wie andere Menschen sind - ohne sie wirklich zu kennen." Ohne direkte Begegnung sei es "einfach, sich auf Fantasien und Stereotypen zu verlassen".

Schwarmexistenz und Gemeinsamkeit

Doch handelt es sich wirklich nur um ein "Online-Phänomen"? Die Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Meinungsgruppen, zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Akademikern und Arbeitern haben bereits abgenommen als Debatten-Spitzelei und Online-Othering noch Nischenphänomene waren. Die Soziologie beginnt gerade erst, die Wechselwirkungen zwischen den beiden Sphären zu untersuchen.

Vielleicht hilft ein Blick zurück auf einen anderen Medienwandel: Der Buchdruck atomisierte das Ich und schenkte dem Menschen intellektuelle Unabhängigkeit von den Herrschenden. Es dauerte Jahrhunderte (und einige Kriege), bis Gesellschaften diese Beschleunigung in konstruktive Bahnen gelenkt hatten und die Wissenschaft Glaubensdogmen überwinden konnte. Das heutige vernetzte "Wir" steht vor der Aufgabe, angesichts unendlichen Wachstums der Informationen und vernetzter Menschen ein Verständnis von Gemeinsamkeit zu bewahren - oder es auf Grundlage der Schwarmexistenz neu zu entwickeln.

Der Fortschritt moderner Gesellschaften zeichnete sich bislang dadurch aus, Kontroversen und Grundsatzfragen immer weniger wie Dogmen zu verhandeln. Es wäre ein Rückschritt in vormoderne Zeiten, würden ausgerechnet im Informationszeitalter Freizeit-Polizisten über die Antworten auf solche wichtigen Fragen entscheiden.

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