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"Der Postillon"-Satiriker Stefan Sichermann:Für Parodie abgemahnt - ausgerechnet von Bild-Chef Diekmann

Sichermann hat nie programmieren gelernt. Wie man eine Webseite zusammenfrickelt, hat er sich ergoogelt. Das Logo, ein Posthorn und ein Steckenpferd, hat seine Freundin gezeichnet. Als er einmal in einer Testversion der Website ein neues Layoutelement ausprobieren will, aktiviert er es plötzlich für die ganze Website. Blöd - denn es funktioniert noch nicht, die Seite ist im Eimer und damit versiegt auch seine Einkommensquelle, die Anzeigenerlöse. In sozialen Netzwerken fragt er nach Hilfe, unter der Marke Postillon - und merkt, wie stark die Fangemeinschaft ist. Computerspezialisten melden sich, mailen Tipps und ihre Telefonnummern. Am späten Abend läuft der-postillon.com wieder.

Unterricht in Medienrecht bekam Sichermann in den Anfangsjahren ausgerechnet von Kai Diekmann. Dessen Anwälte verlangten 2009, dass Sichermann das Twitter-Profil löschte, mit dem er unter dem Namen "DerChefred" und mit Diekmann-Foto den Bild-Boss parodierte (der Bildblog hat die Episode hier notiert).

"Heute würde ich da nicht klein beigeben", sagt er mittlerweile, und doch: Der Postillon-Macher hat wie andere Blogger auch keine professionelle Rechtsabteilung, keinen Verlag im Rücken. Wenn sich die Netzgemeinde auf Konferenzen wie der Re:publica in Berlin trifft und ihre Probleme und Hoffnungen bespricht, würde ein Vortrag von Sichermann gut ankommen. Doch er meidet diese Treffen, obwohl er sich der Bloggerszene verbunden fühlt. Er mag jedoch keine öffentlichen Auftritte. Sichermann erzählt, dass er das Lehramtsstudium vor allem deswegen gegen einen normalen Magister getauscht habe, weil er nicht vor einer Gruppe stehen und reden wollte.

An diesem Freitag könnte es sein, dass Sichermann doch auf die Bühne muss. In Köln wird der renommierte Grimme-Online-Award vergeben, der Postillon ist nominiert. Natürlich in der Kategorie "Information".

Sichermann hat im Konferenzraum der Redaktion - also im Esszimmer der Wohnung, zwischen Flur und Spielzeugecke der Tochter - seinen Kaffee ausgetrunken, aus einer Postillon-Tasse. Ein Probedruck für die Merchandise-Abteilung, die nie wirklich etwas eingebracht hat. Die Haupteinnahmequelle bleibt Werbung. Durch eine Radiosendung kommt seit einiger Zeit Geld dazu. Auf Bayern 3 laufen seit Januar morgens die "Postillon-24-Nachrichten" mit einer falschen Nachricht und einem Best-of aus der Rubrik "Newsticker" der Webseite. Sie besteht aus kleinen Wortspielen und lebt mittlerweile ausschließlich aus Lesereinsendungen ("Austertraum: Edles Meeresfrüchte-Restaurant ist pleite").

Organisiert hat das Thieß Neubert, Comedian, Buchautor, Schnellredner. Er hatte den Postillon im Internet entdeckt und Sichermann eine E-Mail geschrieben. Kurz danach trafen sie sich bei einem Auftritt von Neubert. Zusammen haben sie zudem mit ein bisschen Budget ein Videoformat produziert, die Postillon-24-Nachrichten vorgetragen fürs Fernsehen.

Jetzt suchen sie jemanden, der Geld in das Format steckt, das gerade den Webvideo-Preis gewonnen hat. Neubert moderiert, Sichermann ist vor der Kamera nicht zu sehen. "Ich bin die Rampensau", sagt Neubert.

Seit wenigen Monaten hat Sichermann zudem einen freien Mitarbeiter, der regelmäßig Texte liefert. Dan Eckert studiert in Heidelberg und hat seinen Chef noch nie getroffen. Alles läuft per E-Mail, vom ersten Kontakt an, als Eckert fragte, ob Sichermann seinen kleinen Blog in die Sammlung der Satireblogs auf der-postillon.com aufnehmen könnte. Sichermann gefielen die Texte des 23-Jährigen, der seinen eigenen Blog jedoch schnell wieder zumachte, weil er nicht täglich Zeit zum Bloggen hatte. Jetzt schreibt er öfter für den Postillon als für die Lokalzeitung. Artikelideen mailt er nach Fürth, Sichermann bestellt oder lehnt ab. Telefonate finden beide unnötig. Eckert passt gut zu Sichermann, auch er ist ruhig, besonnen, sarkastisch. "Ich würde mich nicht als lustig bezeichnen", sagt er im Gespräch. Die Syrien-Marathon-Überschrift ist von ihm.

Letztens hat Sichermann getitelt: "Fabrikeinsturz in Bangladesch: KiK stellt Suche nach unbeschädigten Kleidungsstücken ein." Kurz danach meldete sein großes Vorbild The Onion, die Zeitung mit Dutzenden Redakteuren: "Intaktes Benetton-T-Shirt wie durch ein Wunder unter Schutt in Bangladesch gefunden." Wenn sich Sichermann daran erinnert, muss er bisschen schmunzeln.

© SZ.de/jab

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