"Breitbart" Reklame für Rechte

Für viele Unterstützer von Donald Trump ist Breitbart eine wichtige Informationsquelle.

(Foto: Screenshot / Breitbart.com)
  • Avaaz will Google mit einer Online-Petition dazu bewegen, die rechte US-Seite Breitbart aus seinem Anzeigen-Netzwerk zu werfen.
  • Der deutsche Werber Gerald Hensel ruft Unternehmen auf, ihre Anzeigen bei rechten Medien zu hinterfragen - daraufhin erhält er Tausende Drohungen.
  • Beide Fälle zeigen, dass der Kampf um politische Deutungshoheit auch mit finanziellen Mitteln ausgetragen wird.
  • Juristen und Medienethiker bewerten das Vorgehen unterschiedlich.
Von Simon Hurtz

Die Überschriften auf Breitbart knallen. "Politische Korrektheit schützt muslimische Rape Culture", behauptet die rechte US-Seite, die Donald Trumps Wahlkampf unterstützt hat, und warnt vor einer "Epidemie der Vergewaltigungen" in Europa. Besonders viele Angriffe richten sich gegen den Islam und emanzipierte Frauen. "Die Lösung für 'Belästigung' im Netz ist einfach: Frauen sollten sich einfach abmelden", schlägt Breitbart vor, und Zehntausende teilen den Text auf Facebook.

Solche Zuspitzungen hält Avaaz für gefährlich. Das Kampagnennetzwerk sammelt Unterschriften, um Breitbart die finanzielle Grundlage zu entziehen. Mehr als 60 000 Menschen haben sich bisher beteiligt. Sie wollen, dass Google keine Werbung mehr an Breitbart ausliefert. Dabei geht es um die Anzeigen der Millionen Kunden, die Mitglied des Google-Werbenetzwerks AdSense sind. Nach Ansicht von Avaaz befürwortet Breitbart "Hass gegenüber Frauen und Minderheiten" und verstoße damit gegen Googles Werberichtlinien.

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Breitbart hat angekündigt, Anfang dieses Jahres einen deutschen Ableger zu starten - da sei entschiedener Widerstand besonders wichtig, sagt ein Mitarbeiter von Avaaz. Die Unterstützer sehen in ihren Unterschriften ein Signal für eine offene und tolerante Gesellschaft. Kritiker der Kampagne empfinden sie als das Gegenteil: Die Petition solle Menschen auf der anderen Seite des politischen Spektrums mundtot machen. Das sei "Zensur" und führe geradewegs in die "Meinungsdiktatur", so die Wortwahl mehrerer Breitbart-Leser im Gespräch mit der SZ.

Breitbart hat auf eine Anfrage bislang nicht reagiert. Google bittet um Verständnis, dass man Einzelfälle nicht kommentieren könne.

Erbitterte Meinungskämpfe in sozialen Medien

Die Auseinandersetzung zwischen Avaaz und Breitbart zeigt, wie der Kampf um die politische Deutungshoheit immer häufiger ausgefochten wird: Digitale Kampagnen sollen dem Gegner finanziell schaden. Die sozialen Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Der Ton ist auf beiden Seiten scharf, es wird eher übereinander geschimpft als miteinander geredet.

Sollte Google Breitbart tatsächlich aus dem Werbeprogramm werfen, hätte das massive Konsequenzen für das Portal. Derzeit erscheint über jedem Artikel eine Anzeige von Firmen, die ihre Werbung über AdSense ausspielen.

Unabhängig davon haben bereits mehr als 700 internationale Unternehmen Breitbart von sich aus auf eine Blacklist gesetzt, darunter etwa Kellog's, Audi, BMW, Mercedes-Benz und die Lufthansa. Wenn Breitbart also wie geplant bald nach Deutschland expandiert, werden viele große Unternehmen nicht auf der Seite werben. Verantwortlich dafür ist die Initiative "Sleeping Giants", die dazu aufruft, gezielt einzelne Unternehmen anzusprechen und diese darüber zu informieren, dass ihre Anzeigen auf Breitbart erscheinen.

Unternehmen wissen nicht, wo ihre Anzeigen erscheinen

Gerald Hensel hat miterlebt, wie eine solche Kampagne gegen rechte Webseiten entgleisen kann. Ende November veröffentlichte der Werber auf seinem privaten Blog einen Eintrag mit dem Titel "Kein Geld für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen". Damit hätten die lehrreichsten Wochen seines Lebens begonnen, sagt Hensel. Heute ist das Blog passwortgeschützt, und Hensel hat bei seinem damaligen Arbeitgeber, der Agentur Scholz & Friends, gekündigt.

In seinem Blogpost erklärte Hensel das Prinzip des "Programmatic Advertising". Dabei buchen Unternehmen ihre Anzeigen nicht mehr direkt bei einer bestimmten Webseite, sondern legen oft nur noch grob Zielgruppe und Budget fest. Den Rest übernehmen Agenturen und Werbenetzwerke wie Googles AdSense. Ein Algorithmus vermittelt in Echtzeit zwischen werbenden Marken und Medien, die Werbeplätze zur Verfügung stellen. Ein Großteil der Online-Anzeigen wird auf diese Art geschaltet - dementsprechend fällt es Unternehmen zunehmend schwer, nachzuvollziehen, wo ihre Werbung überall erscheint.

"Das sind komplexe, extrem unübersichtliche Strukturen", sagt Hensel heute. "Wer dafür verantwortlich ist, auf welchen Seiten geworben wird, bleibt oft unklar." Solange die Webseite nicht "hart illegal" sei, werde kaum hinterfragt, ob es politische Grauzonen gibt, wo man als Marke bewusst nicht werben würde. "Deshalb habe ich an die Firmen appelliert, endlich mal das System zu verstehen, in dem sie werben. Marken können heute nicht mehr unpolitisch sein - auch keine Blacklist zu pflegen, ist ein politisches Statement."

Henryk M. Broder bläst zum Gegenangriff

Konkret rief Hensel Unternehmen auf, Seiten auszuschließen, "auf denen man sicher nicht zu finden sein will". Verbraucher könnten "gerne mal bei einer bekannten Marke (...) nachfragen, ob sie wisse, wo sie werbe", falls deren Anzeigen auf einer "einschlägigen rechtsradikalen Seite" auftauchten. Als Hashtag für die Aktion schlug Hensel #KeinGeldFuerRechts vor.

Hätte sich Hensel damit nur auf Breitbart bezogen, wäre ihm wohl einiges erspart geblieben. Das US-Portal hat mit "Sleeping Giants" bereits genug Ärger und hätte ein paar Tweets auf der anderen Seite des Atlantiks vermutlich ignoriert. Doch er erwähnte noch andere, deutsche Medien wie PI-News, Compact und die Achse des Guten, auch bekannt als Achgut oder die "Achse". Letztere bezeichnete Hensel als "Wutbürger-Seite".

In einem zweiten Blogeintrag eine Woche später betonte er, bewusst keine Block-Empfehlung für "konservative und gemäßigt rechtspopulistische Medien" wie Achgut auszusprechen - doch es war zu spät. "Er hat uns in einen Topf mit Rechtsradikalen geworfen und versucht, die finanzielle Basis der Achse des Guten zu vernichten", sagt deren Mitgründer Henryk M. Broder. "Die einzige Möglichkeit, sich gegen solch eine Denunziation zu wehren, liegt darin, Öffentlichkeit herzustellen."