Alcatel-Lucent Chef Verwaayen "Wer sich nicht anpasst, ist in 25 Jahren nicht mehr da"

SZ: In den Niederlanden haben Sie die Liberalen unterstützt, die sich für die Privatisierung des Telekommunikationsmarkts einsetzten. Heute geht es vielen einstigen Staatsunternehmen in Europa schlecht. Bereuen Sie Ihr Engagement?

Verwaayen: Ich habe noch erlebt, wie Sie sich auf die Warteliste setzen lassen mussten, um ein Telefon zu erhalten. 1987 kam ich zu der damals staatlichen, niederländischen Telefongesellschaft PTT. Ich war 36 Jahre alt und sollte den Konzern mit 30.000 Mitarbeitern privatisieren. Wenn man nicht verlieren kann, habe ich den Beamten damals eingetrichtert, dann kann man auch nicht gewinnen. Es hat sich gelohnt. Wer hätte sich vor zehn Jahren ausgemalt, was wir heute im Internet machen können.

SZ: Aber etwas ist schiefgelaufen. Warum konnten Internetfirmen wie Google oder Facebook so stark werden und die einstigen Monopolisten so schwach?

Verwaayen: Schiefgelaufen? Wir sind Zeugen eines phänomenalen Erfolgs. Google und all die anderen haben in sehr kurzer Zeit das Gesicht dieser Welt verändert, weil der Kunde es so wollte.

SZ: Der Kunde will Videos und Bilder versenden, Sie wollen dafür Geld sehen. Läuft das auf ein Internet der zwei Geschwindigkeiten hinaus, ein kostenloses langsames und ein hochwertiges teures?

Verwaayen: Die Debatte um die Netzneutralität gibt es nur, weil die Kapazitäten nicht reichen. Stocken wir die Kapazitäten massiv auf, ist das kein Thema mehr. Wir müssen Netze für Videoverkehr bauen, die auch interaktiv sind. Das wird eine Wissensgesellschaft schaffen. Der Arzt, der Ihre Röntgenaufnahme analysiert, sitzt künftig vielleicht nicht mehr in Ihrer Heimatstadt, sondern in Indien. Und Sie konsultieren ihn online.

SZ: Ist Alcatel-Lucent für diese schöne neue Welt überhaupt gewappnet?

Verwaayen: 2008, als ich kam, gingen drei Viertel unseres Forschungsbudgets, und das sind mehr als zwei Milliarden Euro, in die Verbesserung bestehender Produkte. 2011 werden drei Viertel des Geldes in neue Technologien fließen.

SZ: Trotzdem: Was hat die Fusion von Lucent und Alcatel gebracht? Alcatel kam 2006 auf einen Umsatz von 13 Milliarden Euro. Heute liegt dieser gemeinsam mit Lucent bei 15 Milliarden Euro.

Verwaayen: Keine der beiden Firmen würde es ohne die Fusion mehr geben. Es stimmt, der Zusammenschluss ist wahrscheinlich nicht besonders gut gelaufen. Inzwischen stehen wir aber gut da.

SZ: Wer trägt die Schuld, dass es so viele Probleme bei der Fusion gab?

Verwaayen: Ich werde niemanden den Schwarzen Peter zuweisen.

SZ: Was hätte besser laufen können?

Verwaayen: Meine erste Lektion als Unternehmenslenker lautet: Erteile anderen keine Lektionen.

SZ: Ist der Umschwung geschafft?

Verwaayen: Mit solchen Aussagen sollte man vorsichtig sein, es kann immer Unvorhergesehenes passieren. Aber: Seit zwei Quartalen verdienen wir Geld und das letzte Quartal 2010 wird stark.

SZ: Der Aktienkurs dümpelt dahin.

Verwaayen: Nach der bewegten Geschichte dieses Unternehmens sagen uns die Aktionäre: 'Zeigt, dass Ihr es besser könnt! Wir glauben Euch, wenn die Zahlen vor uns liegen.' Ich verstehe das.

SZ: Sie glauben an das Gute im Markt. Können die Mitarbeiter an Sie glauben? Garantieren Sie den Erhalt der Jobs an den deutschen Standorten?

Verwaayen: Garantien gibt es nicht in der Wirtschaft. Eines aber kann ich versprechen: Wer sich nicht anpasst, ist in 25 Jahren nicht mehr da. Wir müssen uns immer wieder anpassen. Wir holen neue Leute zu uns, geben jungen eine Chance. Wir verändern uns, auch in Deutschland.

Interview: Michael Kläsgen und Thorsten Riedl