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Studentenstadt Dortmund:Mitten in der Radfahrer-Hölle

Die Uni-Stadt Dortmund verfügt über mehr Radwege als Münster. Zugleich wurde sie vom ADAC zur fahrradunfreundlichsten Stadt Deutschlands gekürt. Warum Radfahrer besser in Gruppen unterwegs sind - und wo gerade Studenten aufpassen sollten.

Von Hanna Voß

Dennis Untersteher wollte eigentlich nur ganz gemütlich mit seinem Fahrrad zu einer Kneipe in der Nordstadt radeln, um sich das BVB-Spiel gegen den Hamburger SV anzugucken. Doch ausgerechnet am Gründungsort der Borussia, dem Borsigplatz, einem zweispurigen Kreisverkehr, passiert der Unfall: Ein Autofahrer versäumt den Schulterblick, biegt nach rechts in die Seitenstraße ein und rammt den Studenten. Sein kleiner Finger wird gebrochen. "Ist halt scheiße", sagt der 23-Jährige - und das Fahrradfahren in Dortmund.

Tatsächlich hat auch der ADAC Dortmund in seiner jüngsten Studie als fahrradunfreundlichste Großstadt der Republik ausgewiesen, hinter Dresden, Düsseldorf und Frankfurt am Main. In der Studie bemängelt der ADAC unter anderem die Sicherheit und den Komfort der getesteten Routen, das Radverkehrsnetz und die Wegweisung sowie die Anzahl der Abstellplätze. Auch die Unfallhäufigkeit und die (nicht vorhandenen) Maßnahmen zur Unfallvermeidung wurden moniert.

"Man darf aber nicht vergessen, dass bei dem Test ein sehr hoher Maßstab angesetzt wird und dass wir mit Städten wie München verglichen wurden, was nicht fair ist. Dortmund ist eine Großstadt mit einer äußerst engen Bebauung", sagt Rüdiger Hartmann, seit 16 Jahren Fahrradbeauftragter der Stadt.

Radfahren ist eine Herausforderung. Vorsichtig formuliert

Dennoch: In der größten Stadt des Ruhrgebiets stellt Radfahren eine Herausforderung dar. Vorsichtig formuliert. Längst nicht an allen Straßen gibt es Fahrradwege; dort, wo welche sind, werden sie häufig unterbrochen, wechseln vom Bürgersteig auf stark befahrene Straßen oder hören plötzlich auf. An der Technischen Universität etwa gibt es immer noch zentrale Stellen ganz ohne Fahrradparkplätze, zum Beispiel unter der Mensabrücke bei den Bushaltestellen.

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren habe sich die Radverkehrssituation in Dortmund aber extrem positiv entwickelt, sagt Andreas Meißner, stellvertretender Vorsitzender des städtischen Planungsamtes. "Wir haben Radwege saniert oder neu gebaut, zum Beispiel am Phoenixsee, an der Emscher, im gesamten Bereich der Schnettkerbrücke und bei der A40 und B1." Besonders aber die Hauptverkehrsstraßen zwischen Innenstadt und Uni seien zu einem großen Teil für Radfahrer erschlossen worden.

Gefährliches Pflaster: Radfahren in Dortmund ist nicht ohne Tücken.

(Foto: imago stock&people)

Doch auch das Ergebnis einer Haushaltsbefragung, die im vergangenen Jahr in Dortmund durchgeführt wurde, war ernüchternd. Sie sollte ermitteln, welche Verkehrsmittel für die täglichen Wege genutzt werden.

Das Ziel der Stadt, bis 2015 einen Radverkehrsanteil von zwölf Prozent zu erreichen, muss spätestens seitdem als utopisch gelten. Hatte die Verteilung der Verkehrsmittel im Jahr 2005 noch einen Anteil von knapp zehn Prozent für das Fahrrad ergeben, waren es jetzt noch 6,4 Prozent. "Im Jahr 2005 hatten wir an allen Stichtagen hervorragendes Wetter. Die haben die Messung augenscheinlich verzerrt", versucht Meißner das Ergebnis zu erklären.

Nur bescheidende Fortschritte gab es auch bei der Bewertung der Radfahr-Bedingungen. 2005 lag die Durchschnittsnote bei 3,48 Prozent, im vergangenen Jahr dann bei 3,2. Dieses Ergebnis kann für eine Stadt, die auch Uni-Stadt ist, nicht befriedigend sein.

Mancher Student bewertet die Situation für Radfahrer sogar eher im Bereich ungenügend. "Über den Borsigplatz oder Wall zu fahren, ist beinahe lebensgefährlich", sagt Chemie-Student Jonas Holl aus Erfahrung. Er ist von Münster nach Dortmund gezogen und sieht sich jetzt mit erheblich schlechteren Radfahr-Bedingungen konfrontiert. Der Radfahrer in Münster werde viel besser geschützt und könne in den meisten Fällen sicher sein, vom Autofahrer wahrgenommen zu werden - nicht so in Dortmund.

"In Münster gibt es sehr viele Radfahrer, das ist entscheidend", verteidigt Dortmunds Fahrradbeauftragter Hartmann. Dieser Erklärungsversuch klingt nach Henne-Ei-Dilemma: Sind die Bedingungen so schlecht, weil zu wenige Dortmunder das Fahrrad nutzen und die Lobby der Radfahrer deshalb zu schwach ist? Oder wagen sich so wenige Dortmunder auf das Fahrrad, weil sie keine guten Bedingungen vorfinden? "Tatsächlich muss der einzelne Radfahrer in Dortmund höllisch aufpassen", räumt Hartmann ein. "Sobald er sich in einer Gruppe von drei oder mehr Fahrern bewegt, wird er stärker wahrgenommen und kann sich sicherer fühlen."

In einem ist Dortmund Münster voraus

In einem ist Dortmund Münster sogar voraus: Mit insgesamt 600 Kilometern hat Dortmund mehr Radwege als die deutsche Fahrradstadt. Wo die entlangführen, verrät der Fahrradstadtplan, eine sinnvolle Investition für alle Neu-Dortmunder, die gerne auf zwei Rädern unterwegs sind. Dort sind nicht nur alle Radwege, sondern auch mögliche Touren aufgelistet. Der aktuellste Plan aus dem Jahr 2009 ist als gebundenes Format in Buchhandlungen für knapp zehn Euro zu kaufen, der kommende soll eine reine Karte sein. Der ist dann günstiger und soll im nächsten Frühjahr fertig sein.

Außerdem existieren in Dortmund zurzeit 62 Ausleihstationen von "metropolradruhr", darunter drei an der Uni, mit insgesamt 650 Fahrrädern. Künftig soll ein metropolradruhr-Abo im Semesterticket enthalten sein, auch die Gesamtsituation an der Uni werde sich bessern, verspricht Meißner.

Ein stark angespannter Haushalt und eine grundsätzliche Zurückhaltung der Politik beim Thema Radfahren machen den Verkehrsplanern allerdings häufig einen Strich durch die Rechnung. "Wir haben den Eindruck, dass hier nach wie vor ein ideologischer Zweikampf zwischen Auto- und Radfahrern tobt und viele Politiker Angst haben, dem Autofahrer etwas wegzunehmen", sagen Hartmann und Meißner.

Zumindest der Wille von Seiten der Stadt ist da: "Wer Fragen hat, wie es mit seiner persönlichen Strecke oder vor der eigenen Haustür mit der Radverkehrsplanung weitergeht, kann sich gerne an mich wenden", sagt Rüdiger Hartmann. "Dafür bin ich als Fahrradbeauftragter ja da."

© SZ.de/jobr/lala

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