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Latein in Netflix-Serie:"Ich wollte, dass es echt wirkt"

Nix verstehen sie, diese Affen: Ein römischer Soldat in "Barbaren".

(Foto: Netflix)

Alessandro Balistrieri hat den Römern in der Netflix-Serie "Barbaren" Latein beigebracht. Wie schafft man es, eine Sprache zum Leben zu erwecken, die viele nur aus Schulbüchern kennen?

Interview von Paul Munzinger

Die Serie "Barbaren" ist seit Ende Oktober auf Netflix zu sehen. Sie erzählt die Geschichte der Varusschlacht, der verheerenden Niederlage Roms im Jahre 9 nach Christus gegen germanische Stämme unter dem Cheruskerfürsten Arminius. Die Germanen sprechen modernes Deutsch, die Römer Latein - dank der Übersetzung von Alessandro Balistrieri. Netflix kündigte bereits an, dass es eine zweite Staffel geben soll.

SZ: "Barbaren" wurde zum Teil gut, zum Teil kritisch besprochen. Wo sich aber fast alle einig waren: Tolles Latein!

Alessandro Balistrieri: Das hat mich wirklich überrascht. Als ich das erste Mal hörte, dass die Römer in der Serie Latein sprechen, dachte ich mir: mutige Entscheidung. Als die Show online ging, haben viele gesagt: Endlich sprechen die Römer nicht mehr Englisch wie die Queen, sondern Latein - echtes Latein. Das hat mir natürlich geschmeichelt, denn das war mein Ziel: genau sein wie ein Philologe, aber auch kreativ im Sinne der Serie.

Sprechen Sie fließend Latein?

Nein, da fehlt mir das Training. In meinem Job habe ich ja vor allem mit Büchern zu tun. Aber ich beschäftige mich jetzt seit drei Jahrzehnten mit der Sprache und habe ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wie sie gesprochen wurde. Und auch: wie sie zu welcher Zeit gesprochen wurde. Wir neigen dazu, Latein als monolithischen Block zu sehen. Aber die Sprache hat sich über die Jahrhunderte stark verändert.

"Scheiße, diese Affen kapieren wieder nichts", sagt ein römischer Soldat in der Serie über die Cherusker - auf Latein. Bei Cicero lernt man so was nicht, oder?

Das war die Schwierigkeit: Ich wollte, dass es echt klingt, nicht wie im Schulbuch. Aber wir haben nur sehr wenige Belege dafür, wie die Leute damals wirklich gesprochen haben. Ich musste also kreativ sein, aber im Rahmen dessen, was wir wissen. Und wir wissen zum Beispiel, dass viele römische Soldaten den Großteil ihres Lebens beim Militär verbrachten. In Xanten wurde der Grabstein eines Offiziers gefunden, Marcus Caelius, der in der Varusschlacht gefallen ist - mit 53. Die Soldaten lebten in ihrer eigenen Welt und entwickelten einen eigenen Jargon, mit Wortspielen, Flüchen, schmutzigen Witzen. Und mit Wörtern aus vielen Sprachen, die Soldaten kamen ja aus dem ganzen Imperium. Ich habe deshalb auch mal ein griechisches Schimpfwort in ihre Sprache eingebaut, Griechisch wurde damals überall gesprochen, wie Englisch heute. "Scheiße" habe ich mit "Futue te" übersetzt. Ich weiß nicht, ob die Römer das gesagt haben. Aber das Verb, das wörtlich so viel heißt wie das F-Wort im Englischen, gibt es heute in vielen romanischen Sprachen. Ich halte es also für plausibel.

Je umgangssprachlicher also, desto schwieriger für Sie?

Richtig. Der römische Feldherr Varus war vermutlich ein hochgebildeter Mann, verheiratet mit einer Frau aus der kaiserlichen Familie. In seine Sprache habe ich Zitate aus der klassischen Literatur eingebaut, von Lukrez zum Beispiel.

Glauben Sie, dass viele Zuschauer die Anspielung verstehen?

(lacht) Wahrscheinlich eher nicht.

Sie haben die lateinischen Dialoge nicht nur übersetzt, sondern auch die Schauspieler gecoacht. Haben wir überhaupt eine Ahnung, wie Latein geklungen hat?

Um es mit Arthur Schnitzler zu sagen: "Die Toten schweigen." Lateinische Muttersprachler gibt es natürlich schon lange nicht mehr. Aber wir können vieles rekonstruieren. Das erste lateinische Wort etwa, das wir in der Serie hören, ist Caesar, ausgesprochen "Kaisar". Wir wissen, dass das C mindestens bis ins 4. Jahrhundert wie ein K ausgesprochen wurde.

Alessandro Balistrieri

Alessandro Balistrieri, 44, studierte Alte Sprachen und arbeitete als Lehrer für Latein und Griechisch, bis er sich als Experte für antike Manuskripte selbständig machte, vor allem arabische und persische. Er lebt nahe Bologna.

(Foto: Privat)

Woher denn?

Aus den Schriften der römischen Grammatiker zum Beispiel und von Fehlern in Inschriften, die auf die Aussprache schließen lassen. Oder aus der sardischen Sprache, die sehr nah am Lateinischen ist, und in der "Centu" - also hundert - noch heute mit hartem K gesprochen wird. Viel spricht auch dafür, dass sich das Deutsche den "Kaiser" im Lateinischen abgehört hat.

Cicero - im Deutschen Zizero - ist also eigentlich ein Kikero?

Ja. Beim Dichter Horaz findet sich der spöttische Name "Cicirrus" für einen Mann, der sich wie ein Kampfhahn benimmt. Lesen Sie das mal laut, Sie werden sehen: Das geht nur mit einem K.

Sonst noch Tipps?

In Schulbüchern liest man, dass ein langer Vokal - das A in vita etwa, wenn das Wort im Ablativ steht - doppelt so lange gesprochen wird. Das ist zu viel. Ein bisschen länger ja, aber es muss natürlich klingen.

Bereuen Sie manchmal, dass die Show so brutal ist? Für den Schulunterricht eignet sie sich so nicht wirklich.

Ja und nein. In der Serie geht es um eine blutige Schlacht, um Unterdrückung. Brutalität lässt sich da nicht vermeiden. Und auch die Sprache wäre nicht natürlich, wäre sie vollständig jugendfrei, da sprechen eben Soldaten. Aber natürlich wäre ich geehrt, wenn die Serie in Schulen gezeigt werden würde. Vielleicht in der Oberstufe.

© SZ vom 16.11.2020
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