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Versetzungen:Wann muss ein Kind wiederholen?

Unterrichtsbeginn für Schulanfänger in Sachsen

Eine sächsische Grundschule begrüßt ihre Erstklässler mit "Herzlich Willkommen". Doch nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein Kind die Klasse wiederholen muss?

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Ein Forscher behauptet, dass Schulen ihren Entscheidungsspielraum bei Versetzungen nutzen, um an den Klassengrößen zu drehen. Das sächsische Kultusministerium spricht von "Unterstellungen".

Die These ist steil: Die für Kind und Eltern meist sehr bewegende Entscheidung, ob das Kind ein Schuljahr wiederholen muss oder nicht, hängt nicht immer nur von seinen Leistungen ab. Und auch nicht nur von der Überlegung, was im Zweifel für das Kind am besten ist. Bei der Versetzung schwacher Schüler, so der Verdacht, könnten Schulen in nicht eindeutigen Fällen ihren Ermessensspielraum auch für eigene Interessen nutzen - indem sie über Versetzungen oder Nichtversetzungen die Zahl ihrer Klassen beeinflussen. Zum Beispiel: Überschreitet eine Klasse durch hinzukommende Wiederholer die Obergrenze an Schülern, dann muss sie geteilt und eine weitere Klasse geschaffen werden. Was die Schule davon hat? Sie bekommt mehr Lehrer. Ebenso könnte es sich lohnen, Schüler nicht wiederholen zu lassen: Damit die Schülerzahl in ihrer Klasse nicht unter die Untergrenze sinkt und Klassen deshalb zusammengelegt werden müssen - wodurch die Schule Lehrer verlöre.

So weit die These. Aufgestellt hat sie Maximilian Bach, Forscher am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Es liege nahe, dass Schulen solche strategischen Überlegungen in ihre Einzelfallentscheidungen einfließen lassen, sagt Bach. Nun legt der Bildungsökonom eine Studie vor, die diese Annahme am Beispiel sächsischer Grundschulen untermauern soll. Bach knöpfte sich die Daten der Schuljahre 2004/05 bis 2014/15 aus allen 718 öffentlichen Grundschulen in Sachsen vor und rechnete. Seine Leitfrage: Besteht zwischen Klassengrößen, Klassenanzahl und Nichtversetzungsquoten ein Zusammenhang, der erkennbar auf eine Absicht schließen lässt?

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Ist ein Jahrgang nah am Klassenteiler dran, bleiben weniger Kinder sitzen

Seine Antwort ist Ja. "Die Daten deuten klar darauf hin, dass in den untersuchten Jahren etwa 8,3 Prozent aller Wiederholer in der ersten und dritten Klasse aus strategischen Gründen sitzen geblieben sind. Das entspricht insgesamt rund 1200 Kindern", sagt Bach. Seine Studie belege zum Beispiel, dass die Wiederholerrate in Klassen von 2,24 auf 3,24 Prozent steigt, wenn im nachrückenden Jahrgang durch nur einen Schüler mehr eine weitere Klasse gebildet oder die Zusammenlegung zweier Klassen vermieden werden kann - das klingt nach wenig, ist aber ein Anstieg um rund 45 Prozent. Als Maßstab für Schulen gilt der "Klassenteiler", der in Sachsen bei 28 Schülern liegt: Sobald 29 in einem Jahrgang sind, gibt es Personal für zwei Klassen, bei 57 für drei Klassen und so weiter. Dieser Grenzwert spielt laut Bachs Statistik auch im umgekehrten Fall eine Rolle: Ist ein Jahrgang nur einen Schüler vom Klassenteiler entfernt, sinkt darin der Anteil der Sitzenbleiber um etwa 14 Prozent.

Bei den Erstklässlern seien Strategieeffekte am deutlichsten erkennbar, sagt der Wissenschaftler. "Ohne strategische Erwägungen wäre der Anteil der Wiederholungen in der ersten Klasse um 4,9 Prozent höher." Bach erklärt das damit, dass es für Erstklässler in Sachsen noch keine Noten gibt - dadurch sei der Ermessensspielraum der Schulen besonders groß. Der Schaden, den sie dabei anrichten können, aber auch, kritisiert Bach: "Ob ein Kind versetzt wird oder nicht, kann sich unmittelbar auf sein Wohlergehen und seinen Bildungserfolg auswirken." Nur diese beiden Kriterien dürften Schulen bei ihrer Entscheidung anlegen.

Und laut sächsischem Kultusministerium tun sie das auch. "Wir vertrauen darauf, dass die Schulen ihre Ermessensspielräume pädagogisch begründet nutzen", teilt der Sprecher des Hauses auf Anfrage mit. Strategische Versetzungsentscheidungen seien unbewiesene "Unterstellungen", das Ministerium habe weder Kenntnis von Fällen noch von Beschwerden dieser Art.

Maximilian Bach glaubt hingegen, dass nicht nur Schulen in Sachsen durch Versetzungen die Klassenbildung beeinflussen. "Fast alle Bundesländer haben Klassenteiler-Regeln, dort gilt: je mehr Klassen, desto mehr Lehrer." Das sei ein Anreiz für Schulen, nicht nur für Grundschulen übrigens, hierauf müssten die Schulbehörden achten.

© SZ vom 27.01.2020/jerb
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