Schule:Die Kinder lernen trotzdem auch noch analog

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Nach fünf Runden Wörter-Quiz bekommt Karina ihre individuelle Bewertung und ihre Platzierung im Klassenranking angezeigt. "Man sieht sofort, was man noch üben muss", gibt sie kleinlaut zu. Miray ist mit dem zehnten Platz im Ranking auch nicht zufrieden und klappt stattdessen ihr Leseheft auf. Genau wie sie greifen andere Mitschüler ebenfalls nach ein paar Übungen am iPad selbstverständlich zum analogen Heft.

Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg warnt indessen vor einem Verlust des Verstehens. Zwar zeige das Tablet, welche Antwort richtig sei, aber es frage den Schüler nicht, ob er die Lösung verstanden habe. Gerald Lembke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg fordert in seinem Buch "Die Lüge der digitalen Bildung", Kinder frühestens ab zwölf Jahren mit digitalen Medien lernen zu lassen. Erst dann hätten sie die kognitiven Fähigkeiten, den Computer zielgerichtet zu nutzen. Schreib- und Lesevermögen würde laut entwicklungspsychologischen Studien nur ausgebildet, wenn man mit der Hand schreibt. Kritiker bemängeln außerdem das Engagement von IT-Firmen und ihren Stiftungen, die sich von digitalen Schulen neue Kunden versprechen.

Die geläufige Kritik, dass Lehrer beim Lernen mit digitalen Hilfsmitteln nur noch "Begleiter" seien, weist die Medienpädagogin Gemein zurück. "Manchmal bleiben die Tablets den ganzen Tag im Schrank. Und neue Inhalte erkläre ich immer noch klassisch an der Tafel." Gemein und die 1c mussten zuletzt zwei Wochen ganz auf die Geräte verzichten, weil sie vom Hersteller auf den neuesten Stand gebracht wurden.

Praktisch sind die Apps auf dem Tablet vor allem, wenn es um individuelles Üben geht. Emil aus der ersten Reihe kann die Zahlenreihe bis 100 schon im Schlaf und sucht eine mathematische Herausforderung. Frau Gemein zeigt ihm eine neue App mit verschiedenen Knobelspielen. Hier muss Emil nicht addieren, sondern den "Turm von Hanoi" versetzen, der aus einzelnen Scheiben besteht. Gar nicht so einfach, der Turm ist ein klassisches mathematisches Rätsel. "Ich finde es toll, dass die Kinder von sich aus schwerere Aufgaben fordern und ihren eigenen Fortschritt durch das Feedback der Apps besser einschätzen können", beschreibt die Klassenlehrerin die digitalen Vorzüge, während sie Emil über die Schulter schaut.

Wie stehen die Eltern zum digitalen Unterricht? Sie wurden schon im Sommer bei der Einschulung gefragt, ob sie sich vorstellen können, ihr Kind für die Tablet-Klasse anzumelden. Und das konnten viele, es gab deutlich mehr Anmeldungen als Plätze in der Klasse. Mirays Mutter ist sehr zufrieden mit den Lernfortschritten ihrer Tochter. "Ich habe Miray in der Klasse angemeldet, weil sie schon immer von Technik begeistert war, während ihre Schwestern lieber mit Puppen gespielt haben", erzählt Frau Musullu, Mutter von vier Töchtern. "Gestern hat sie sich ein Buch geschnappt und angefangen, Buchstaben abzuschreiben - das haben die anderen nie gemacht."

Wie sich die digitalen Pioniere in Hennef im Vergleich zu den "normalen" Klassen entwickeln, wird sich erst in den kommenden Schuljahren messen lassen. Am Ende der Stunde heißt es erst einmal: "iPads runterfahren, Hausaufgaben aufschreiben."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels lautete die Überschrift: "So lernt Deutschlands erste Tablet-Klasse". Da aber auch an der Nürnberger Friedrich Staedtler Grundschule einige Klassen von Beginn an mit Tablet lernen, haben wir die Überschrift geändert.

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