Schule:Kontroverse Diskussionen? "Aus Lehrersicht natürlich schwierig"

Können Sie ein konkretes Beispiel für so eine Unterrichtsstunde geben?

Wenn auf Pegida-Demonstrationen Hunderte Menschen "Wir sind das Volk!" skandiert haben, dann wissen heutige Schüler nicht zwingend, dass das ein historisches Zitat aus dem Jahr 1989 ist, geschweige denn kennen sie den zeitgeschichtlichen Kontext. Was bedeutet dieser Satz heute, was hieß er damals? Mit dieser Fragestellung könnte man die Schüler in der Gegenwart abholen und ihr Interesse am Thema stärken.

Sie wünschen sich einen aktualitätsgebundenen Geschichtsunterricht?

Studien zeigen, dass das Schülerinteresse steigt, wenn Probleme der Gegenwart mit der Geschichte in Beziehung gesetzt werden. Mir ist auch klar, dass Lehrkräfte vielen Zwängen unterworfen sind. Mehr als ein oder zwei Wochenstunden sind für den Geschichtsunterricht leider nicht vorgesehen, und dort sollen viele Themen abgehandelt werden. Trotzdem würde ich mir im Unterricht mehr Flexibilität und manchmal auch mehr Mut von den Lehrkräften wünschen.

Das bedeutet?

Wenn aus bestimmten Kreisen das gesamte Mediensystem als Lügenpresse bezeichnet oder die Bundestagswahl als "Zettelfalten" wie einst in der DDR verunglimpft wird, dann gehört das in einen guten Geschichtsunterricht. Eingebettet in den historischen Kontext können Lehrkräfte so Vorurteile abbauen oder deren Entstehen vorbeugen. Das klappt aber nur, wenn Lehrkräfte sich im Klassenzimmer in kontroverse Diskussionen mit den Schülern wagen und nicht nur 45 Minuten selbst referieren. Das ist aus Lehrersicht natürlich schwierig, aber es lohnt sich.

Was sind Ihre zentralen Forderungen, damit künftige Schülergenerationen Wolf Biermann und Walter Ulbricht korrekt zuordnen können?

Wir sollten weg vom Prinzip des rein chronologischen Unterrichtens kommen und Schülerinteressen ernst nehmen. Thematische Schwerpunkte können durch sogenannte Längsschnitte vorgenommen werden, zum Beispiel Flucht und Vertreibung in der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. So können Lehrkräfte selbst Akzente setzen und müssen dem Lauf der Zeit nicht mehr derart hinterherhecheln. Außerdem muss die jüngere deutsche Geschichte schon in der Lehrerausbildung eine größere Rolle spielen, an vielen Unis ist die DDR kaum oder gar nicht Thema. Dass sich junge Lehrkräfte dann später nicht kompetent genug fühlen, das Thema selbst im Unterricht zu behandeln, ist wenig überraschend.

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