Schule Viele der demokratischen Schulen kämpfen um ihre Existenz

So erfolgreich sich Chiaras Geschichte liest, so schwer ist es, die Geschichten vom Misserfolg an demokratischen Schulen zu erzählen, die es natürlich auch gibt. Simone Kosog, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Sudbury-Schule kümmert, bittet um Verständnis, dass sie einem jetzt auf keinen Fall eine Familie zum Gespräch vermittelt, die ihr Kind wieder von der Schule genommen hat, das sei missverständlich. Zwei demokratische Schulen in Berlin brechen begonnene Gespräche über einen Besuch ab, nachdem sie von der Schließung in Ludenhausen erfahren haben.

Die europäische Gemeinschaft für demokratische Bildung, kurz Eudec, verzeichnet auf ihrer Karte 17 demokratische Schulen in Deutschland, die Mitglied des Vereins sind. Viele dieser Schulen existieren noch nicht lange und haben Sorge, dass das auch so bleibt. Diese Sorge kann Henrik Ebenbeck verstehen, auch wenn er sie nicht teilt, nicht mehr. Er ist Mitarbeiter an einer der ältesten demokratischen Schulen Deutschlands, der Freien Schule Leipzig. Sie ist ein klassisches Wendekind, und die ersten Jahre nach der Gründung wurschtelten sie dort im allgemeinen Chaos vor sich hin.

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Auch er berichtet davon, wie die Schulaufsicht ihnen immer wieder Steine in den Weg gelegt hat. "Den massiven Kontrast zum Regelschulsystem empfinden viele als Bedrohung." Demokratische Schulen sind eine sehr spezielle Schulform, die nicht für alle richtig ist. Manche Menschen fühlen sich in klaren Hierarchien wohler. "Es gibt wenig dazwischen, wenig Vielfalt", sagt Henrik Ebenbeck. Manche Eltern trauen ihren Kindern das selbstbestimmte Lernen nicht zu, auch das kann zu Konflikten führen. Deswegen haben sie für ihre Schule eine Besucherregel eingeführt: "Wer sich von uns ein Bild machen will, muss mindestens drei Tage bleiben. Die meisten denken, dass man ohne Druck nicht lernen kann. Das haben sie im Regelschulsystem selbst so erfahren", erklärt Henrik Ebenbeck. Es braucht aber Zeit, die Ordnung des Ameisenhaufens zu verstehen.

Zur Schließung der Sudbury Schule steht Christina Rölz, stellvertretende Pressesprecherin der Regierung von Oberbayern, zum Gespräch zur Verfügung. Als Aufsichtsbehörde haben sie einen begrenzten Handlungsspielraum und mit Kindern wolle man nicht experimentieren. "Wir verstehen, dass für die Kinder ein Schulwechsel im ersten Moment dramatisch ist. Es geht uns aber zu jedem Zeitpunkt um das Wohl der Kinder. Die Chancengleichheit von Sudbury-Schülern im Vergleich zu Regelschülern sahen wir, trotz intensiver Prüfung, nicht gewährleistet", sagt sie. Aber genau dafür seien sie als ausführende Behörde eben verantwortlich.

Doch gibt es diese Chancengleichheit überhaupt im bestehenden Schulsystem? Sind Impulse, wie sie aus diesen Schulen kommen, nicht wichtig und wünschenswert? Für solche Grundsatzfragen verweist Christina Rölz an das bayerische Kultusministerium. Dort will sich Sprecher Andreas Ofenbeck nicht festlegen. Man habe auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. In Sachen Sudbury-Schule sagt er: "Das Kultusministerium war bei der Genehmigung mit Interesse dabei. Wir waren gespannt, was am Ende dabei herauskommt."

Das Ende kam schneller als gedacht. Das Sudbury-Konzept braucht Zeit, und es widerspricht seinem Grundgedanken, in zwei Jahren Lehrziele nachzuweisen, die in die Fächer- und Bewertungskategorien eines Lehrplans passen. Das hätten beide Seiten wissen müssen. Von Anfang an. Am Ende bleibt diese Geschichte vielleicht ein großes Missverständnis.

Und Chiara? Die Zwölfjährige ist momentan daheim, sie kann sich gerade keine andere Schule vorstellen. Von der Schulpflicht ist sie deswegen nicht ausgenommen, die Eltern gucken sich derzeit Alternativen an. Wie auch immer es weitergeht, das Mädchen hat in der Schule in Ludenhausen trotzdem viel gelernt, vor allem hat sie ihre Angst hinter sich gelassen: "Im Garten hinter der Schule steht ein großer Baum. Wenn man den untersten Ast geschafft hat, kann man bis oben klettern", sagt Chiara. Sie kommt längst bis ganz hinauf.