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Psychische Krisen im Studium:Studenten leiden unter Stress

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Die Sorge, schlechte Noten zu bekommen, durch Prüfungen zu fallen, oder die Befürchtung, nicht zum Master zugelassen zu werden, kann sich zu einer Depression auswachsen.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Studierende empfinden die Unizeit zunehmend als belastend. Psychologen machen dafür auch den Leistungsdruck in Bachelor- und Masterstudiengängen verantwortlich. Wie man vorbeugen kann.

Von Anne-Ev Ustorf

Lena Zimmermann denkt nicht gern zurück an ihr erstes Semester an der Uni Hamburg. Sie vermisste ihre Familie und ihren Heimatort in Nordhessen. Und fühlte sich überfordert von der Aufgabe, das Studium alleine wuppen zu müssen. "Ich habe mir wahnsinnigen Druck gemacht, alles sofort hinkriegen zu müssen", erinnert sich die Biologiestudentin, "das hat mich so gestresst, dass ich kaum noch schlafen konnte." Es ging ihr nicht gut, fast jedes Wochenende fuhr die Zwanzigjährige die 400 Kilometer zu den Eltern nach Hause. In den Weihnachtsferien überlegte sie schließlich, ihr Biologiestudium ganz an den Nagel zu hängen.

Das Studentenleben ist mit vielen Klischees behaftet: Studierende feiern viel, studieren ein bisschen, genießen ihre Jugend, heißt es oft. Tatsächlich sind die meisten Studierenden aber von jugendlicher Unbeschwertheit weit entfernt. Einer aktuellen Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge ist jeder zweite Student in Deutschland extrem angestrengt: Fünf von zehn Studentinnen und vier von zehn Studenten leiden unter stressbedingter Erschöpfung, ein Viertel klagt über so hohen Druck, dass der Stress mit den üblichen Entspannungsstrategien nicht mehr zu bewältigen ist. Ein Fünftel leidet gar unter einer diagnostizierten psychischen Störung - dazu gehören Depressionen, psychosomatische Erkrankungen, Anpassungs- und Belastungsstörungen oder Angsterkrankungen.

Für die Studie wertete die größte deutsche Krankenkasse Informationen ihrer circa 190 000 studentischen Mitglieder aus und befragte eintausend repräsentativ ausgewählte Studierende zu ihrem Lebensstil. Dabei verzeichnete sie im Vergleich zum vorigen Gesundheitsreport im Jahr 2009 einen Anstieg der Diagnosen im seelischen Bereich: Der Anteil der Studierenden, die mindestens einmal im Jahr eine psychische Diagnose erhielten, nahm um 4,3 Prozent zu. Im europäischen Ausland zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Beim österreichischen Studenten-Sozialbericht 2009 gaben 61 Prozent der Studierenden an, unter Stress und psychischen Belastungen zu leiden, 30 Prozent wurden durch Arbeits- und Konzentrationsstörungen in ihrem Studienfortschritt behindert.

In Großbritannien schlug jüngst sogar die Zeitung The Times Alarm, nachdem an den führenden britischen Universitäten 20 Prozent mehr Studierende um psychologische Beratung nachsuchten. "Auch in Deutschland hat die Einführung der Bachelorstudiengänge die Nachfrage in den psychologischen Beratungsstellen um etwa 20 Prozent gesteigert", erklärt der Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert, der die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin leitet.

Schwieriger Abschied vom Elternhaus

Zum Teil erklären sich die hohen Erkrankungszahlen mit den besonderen Herausforderungen des jungen Erwachsenenalters. "Zwischen 20 und 30 stehen viele Entwicklungsaufgaben an, da kommt es häufiger mal zu Krisen", erklärt Professor Günter Reich, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Psychotherapeutischen Ambulanz für Studierende an der Universität Göttingen. Vielen jungen Menschen fallen die Ablösung vom Elternhaus und der Weg in die Selbständigkeit schwer. "In den ersten Semestern sind Einstiegsschwierigkeiten häufig. Gerade Studierende mit sozialen Ängsten finden oft spät Anschluss und fühlen sich sozial isoliert", erklärt Reich. "In den späteren Semestern gibt es dann typische Schwellensituationen wie Probleme beim Schreiben der Bachelorarbeit oder Prüfungsangst. Und im Master stehen die Studierenden vor dem schwierigen Übergang ins Berufsleben. Das kann belastend sein, besonders, wenn große Unklarheit über die berufliche Zukunft besteht."

"Noten sagen wenig über die Eignung aus"

Die Studienzeit ist inzwischen weniger eine Phase des sich Ausprobierens, in der die Bewältigung von Ängsten und Identitätskrisen erlernt werden kann, sondern immer häufiger eine durch Hektik, Leistungsdruck und das Abhaken von Pflichtmodulen geprägte Lebensphase. Kritisch sieht Psychotherapeut Reich deshalb den enormen Leistungsdruck, der auf jungen Menschen lastet. Wer nicht den richtigen Numerus clausus erreicht, darf nicht das Fach seiner Wahl studieren, wer nicht die richtige Bachelornote erreicht, wird nicht zum Master zugelassen. "Eine blödsinnige und sinnlose Entwicklung", sagt Reich. "Denn Noten sagen oft sehr wenig über die Eignung aus. So sind Druck und Ängste hoch. Und der breite Blick für den Kontext fehlt." Kein Wunder also, dass im TK-Gesundheitsreport als wichtigste Stressauslöser nicht nur Prüfungen (52 Prozent) und der Lernstoff (28 Prozent) genannt werden, sondern auch die Angst vor schlechten Noten (26 Prozent) und davor, keinen Job zu finden (23 Prozent).

Kontakte pflegen und in der Gruppe arbeiten

Wie können Studierende der Stressfalle entgehen? Gar nicht so leicht. Psychotherapeut Reich rät Studierenden, an der Uni frühzeitig soziale Kontakte zu pflegen und in Gruppen zu arbeiten. Gemeinsam ließen sich neue Erfahrungen und Belastungen besser bewältigen. Außerdem sei es wünschenswert, wenn sie gelegentlich etwas lockerer ließen: Gerade die Leistungsorientierten mit hervorragenden Abiturnoten setzten sich oft zu stark unter Druck. Die viel beschworene Life-Work-Balance ist also auch für Studenten wichtiger denn je, denn ein gutes Gleichgewicht zwischen Beanspruchung und Erholung, zwischen akademischem Lernen und sozialem Leben mit Sport und Freizeitterminen trägt dazu bei, Erschöpfungszustände zu vermeiden.

Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, das Bachelorstudium zu entzerren. "Das System ist relativ elastisch", erklärt Psychoanalytiker Rückert. "Oft kann man mit der Uni gut aushandeln, welche Leistungen im kommenden Semester erbracht werden sollen. Man könnte seinen Bachelor ohne große Probleme erst nach zwölf Semestern machen." Er selbst rate stets dazu, sich im Bachelorstudium Zeit zu lassen.

Doch was, wenn der Druck überwältigend wird? Hilfe gibt es in universitären Beratungsstellen. Die psychotherapeutische Ambulanz für Studierende an der Uni Göttingen etwa bietet Studierenden gezielt Diagnostik, Beratung und Behandlung bei depressiven Krisen, Ängsten oder auch Lern- und Leistungsstörungen. Doch auch die Universitäten sind in der Pflicht: Würden Professoren und Lehrbeauftragte in der Erkennung von psychischen oder sozialen Belastungen ihrer Studenten gezielt geschult, könnten sie früher auf diese Schwierigkeiten eingehen. In Göttingen ist dies bereits der Fall.

Manchmal nämlich hilft, wie bei Lena Zimmermann, schon ein gutes Gespräch. Die Biologiestudentin ging nach den Weihnachtsferien in die Sprechstunde ihrer Professorin, um über ihre Ausstiegspläne zu sprechen, und war erstaunt, dass diese sie davon abzubringen vermochte. "Meine Professorin sagte, dass es ihr früher genauso ergangen sei und dass ich es noch etwas länger ausprobieren solle", erinnert sich Lena Zimmermann. "Sie nahm mir auch die Angst, im Studium nicht mithalten zu können. Am Ende gab sie mir den Tipp, in eine WG zu ziehen." Das tat die Biologiestudentin und fand in ihren neuen Mitbewohnern schnell eine Art Ersatzfamilie. Nun steht sie schon kurz vor dem Abschluss. Und möchte nächstes Jahr dann noch weiter weg: Ihren Master will Lena Zimmermann in Schweden machen.

© SZ vom 12.11.2015/edi
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