bedeckt München 26°

Mathematik in der Schule:Was ist zu tun?

Was ist zu tun? Ansetzen sollte man bei den Mathematik-Lehrplänen der Schulen. Ihr Akzent liegt zu sehr auf der Einübung von Verfahren, ohne dass deren Bedeutung für andere Bereiche der Mathematik aufgezeigt wird oder gar ihr Bedeutung für andere Fächer und den Alltag. Mathematische Themen stehen nicht selten zusammenhanglos nebeneinander und werden auf Vorrat unterrichtet, verbunden mit dem Hinweis, dass irgendwann später klar werden würde, wofür man das braucht.

Und immer noch ist für viele Mathe-Lehrer ihr Fach das Fach des streng disziplinierten Frontalunterrichts. Dabei muss gerade der Mathe-Unterricht schülerfreundlicher werden, durch Gruppenarbeit an fachübergreifenden Projekten zum Beispiel, durch die Arbeit an realitätsnahen Problemen.

Es gib auch viele spielerische Zugänge zur Mathematik; und dann liefert die Natur einen unerschöpflichen Fundus, um an ihr mathematische Eigenschaften zu studieren. Es gibt Zikadenarten, deren Lebenszyklen immer Primzahlen sind - die also nur alle sieben, 13 oder 17 Jahre auftreten, weil sie so am ehesten die Jahre meiden, an denen sich ihre Feinde am stärksten vermehren. Es gibt Pflanzen, die ihre Blätter nach mathematischen Formeln anordnen, bis zu Ameisen, die Vektoraddition betreiben, um zurück zum Bau zu finden. Und natürlich basieren viele Zaubertricks, speziell mit Spielkarten, auf mathematischen Prinzipien.

Schach im Mathe-Unterricht

Ein besonders gutes pädagogisches Hilfsmittel ist das Schachspiel. Es fördert die Entwicklung des Gedächtnisumfangs und verbessert die Konzentrationsfähigkeit. Schach trainiert das logische Denken, regt die Phantasie an und kultiviert die schöpferische Kreativität. All dies sind Voraussetzungen, die man auch für mathematisches Problemlösen braucht.

Diese positiven Aspekte des Schachs können als Bereicherung des Mathematikunterrichts eingesetzt werden. Anderswo wir dies schon praktiziert: In mehr als 30 Ländern, zum Beispiel in Island, Russland und Venezuela, ist Schach bereits Teil des mathematischen Curriculums. Die Erfahrungen damit sind einhellig positiv. Schach ist ein schweres Spiel. Trotzdem haben Kinder typischerweise Freude am Schach. Sie merken, dass Schach Mühe bereitet, dass sie es aber lernen können, was wiederum ihr Selbstbewusstsein stärkt.

Es gibt also viele und sehr unterschiedliche Möglichkeiten, der Mathematik den Stachel des Abstrakten zu ziehen. Ja, Mathematik braucht Gedankendisziplin. Sie ist aber auch ein großartiges Spiel, an dem Schüler - und natürlich auch Erwachsene - Interesse und Motivation gewinnen und Spaß haben können.

"Alles geht immer so gut auf"

Studien haben gezeigt, dass Kinder bis etwa zum zehnten Lebensjahr meist auch noch Spaß an der Mathematik haben. In der Grundschule gilt Mathe noch nicht als Horrorfach. "Alles passt so schön zusammen und geht immer so gut auf", sagen mir Grundschüler auf die Frage, warum ihnen Rechnen gefällt. Danach jedoch, meist mit dem Wechsel zu den weiterführenden Schulen, ändert sich das Verhältnis vieler Schüler zur Mathematik. Es beginnt eine Spirale, die mit Angst und Schrecken endet. Das müssen wir vermeiden.

Mathematik ist "the sexiest discipline on the planet", hat der Wissenschaftsautor Simon Singh gesagt. Wollen wir das der Mehrheit der Bevölkerung vorenthalten?

Christian Hesse, 52, ist Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart, Autor des Buchs "Warum Mathematik glücklich macht", Sachverständiger bei der Reform des deutschen Wahlrechts - und begeisterter Schachspieler.

© SZ vom 27.07.2013/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB