bedeckt München 21°

Lehrer-Blog zum Sitzenbleiben:Dann ist die Enttäuschung umso größer

Mal ganz davon abgesehen, dass Klara vermutlich nervlich angespannt und erschöpft in Klasse sieben startet, weil sie die zurückliegenden Wochen permanent unter Druck stand und ihr die nötige Regeneration fehlt. Oft genug habe ich solche Kinder scheitern sehen. Die Enttäuschung auf allen Seiten ist dann umso größer.

Was ist eigentlich so schlimm daran, ein Jahr zu wiederholen, gemeinsam Lücken zu schließen, eventuell die Lern- und Arbeitsmoral in der Schule und zu Hause zu überdenken?

Ja, es gibt diejenigen, die zum nächsten Halbjahr gleich wieder versetzungsgefährdet sind. Die durch das zusätzliche Jahr nichts gewinnen, sondern immer weiter an Boden verlieren. Aber denen hilft es auch nicht, wenn sie von Schuljahr zu Schuljahr "mitgeschleppt" werden. Hier braucht es eine intensive Ursachenforschung: Hat der Schüler persönliche Probleme? Gibt es Schwierigkeiten in der Familie? War vielleicht die Schulform von vornherein die falsche?

Der Gedanke ans Sitzenbleiben ist das Schlimmste

"Aber Klara verliert dann alle ihre Freunde aus der Klasse", sagen ihre Eltern. Die Gefahr besteht, das will ich nicht kleinreden, Kinder in dem Alter suchen sich ihre Freunde nunmal im unmittelbaren Umfeld. Doch Klara wird neue Freunde finden und vielleicht sind das ja dann auch Freunde, die ihr guttun. Freunde, die ihr beim Lernen helfen, die ihren Ehrgeiz wecken. Meiner Erfahrung nach ist der Gedanke ans Sitzenbleiben für viele Schüler das Schlimmste, nach ein paar Wochen in der neuen Klasse kommen die meisten gut zurecht.

Fatal ist allerdings die Einstellung, dass es ein Wiederholer im kommenden Schuljahr locker angehen lassen könne - weil er den ganzen Stoff schon kennt. Sechs Wochen Sommerferien sind mehr als genug Zeit, um den Kopf freizubekommen. In jeglicher Hinsicht. Dabei sind spielerische Lerneinheiten im Urlaub so einfach einzubauen: Ob man nun auf der langen Autofahrt zum Feriendomizil englische Begriffe sammelt, am Strand ausrechnet, was ein Eis in dänischen Kronen, britischen Pfund oder US-Dollar kosten würde oder Auszüge aus der Urlaubsklektüre laut vorlesen lässt. So was tut jedem Schüler gut.

Egal, für welche Option sich Eltern und Kinder am Ende entscheiden - Wiederholen, Nachprüfung, Vorrücken auf Probe oder Schulwechsel -, es darf nicht dabei bleiben. Schlechte Schulnoten mögen nur eine begrenzte Aussagekraft haben, aber sie zeigen zumindest, dass etwas falsch läuft. Abhaken und weitermachen wie bisher ist der falsche Weg.

© SZ.de/jobr/reek/holz

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite