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Lehrer-Blog zum Sitzenbleiben:Feilschen um die Vier

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Lehrerin Catrin Kurtz empfindet Sitzenbleiben nicht als verlorenes Jahr - im Gegenteil.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Die Noten sind gemacht, nichts geht mehr. Das ist besonders für die Sitzenbleiber und deren Eltern bitter. Doch Lehrerin Catrin Kurtz fragt sich: Was ist eigentlich so schlimm daran, eine Klasse zu wiederholen?

Blasse Schülerin, ungläubige Eltern: "Aber nach meinen Berechnungen muss das in Mathe noch eine Vier sein!" - "So leid es mir tut, aber nein." Es sind die Tage nach Notenschluss, jetzt steht fest, wer das Jahr geschafft hat - und wer nicht. Mein Satz zerstört letzte Hoffnungen (bei den informierten Eltern) oder Illusionen (bei den nicht informierten Eltern). Manchen Schülern (und Eltern!) war absolut nicht klar, dass sie mit zwei Fünfen durchfallen, beziehungsweise, dass sie überhaupt zwei Fünfen bekommen.

Klara, die Sechstklässlerin, die mit Mutter und Vater vor mir sitzt - nicht das erste Mal, wir hatten bereits ein Krisengespräch zum Halbjahr -, hat sich bei ihrer Mathenote schlicht verrechnet. Sie war davon ausgegangen, dass ihre Leistungen "locker" für eine Vier reichen. Die Fünf in Englisch hatte sie schon erwartet, aber jetzt auch noch in Mathe - die Verzweiflung ist groß. Ich versuche zu erklären, dass es mit zwei Fünfen wahrscheinlich besser ist, das Jahr zu wiederholen.

Klara hat offenkundig gravierende Defizite in beiden Fächern und gerade in Englisch wird in den kommenden Jahren auf das aufgebaut, was in Klasse sechs auf dem Lehrplan steht. Wenn sie schon Probleme hat, die englischen Zeiten richtig zu bilden, wie soll sie sie dann später in Aufsätzen richtig verwenden?

Letzter Ausweg: Nachprüfung

Die Eltern sind nicht überzeugt von meiner Argumentation: Ob Klara nicht in die Nachprüfung gehen könne? Kann sie durchaus, aber, liebe Eltern, wollen Sie das wirklich?

Die Nachprüfung ist in Bayern die letzte Möglichkeit, das Sitzenbleiben noch abzuwenden: Wer in höchstens drei Fächern eine Fünf oder schlechter hat, kann vor Beginn des neuen Schuljahres in den kritischen Fächern eine Prüfung ablegen; die Abschlussnote wird dann gegebenenfalls korrigiert. Empfehlenswert ist das aber nur, wenn dem Schüler oder der Schülerin wegen nicht ausreichender Noten in Nebenfächern eine Ehrenrunde droht. Bei Klara geht es gleich um zwei Kernfächer.

Nachprüfung bedeutet außerdem: Klara muss die kompletten Ferien durchlernen, Stress und Ärger sind da programmiert. Das alles für die vage Aussicht, doch noch irgendwie auf eine Vier zu kommen. Wenn Sie mich fragen, ist das in vielen Fällen eher unwahrscheinlich. Wie sollen Schüler in sechs Wochen Wissenslücken schließen, die sie das ganze Schuljahr nicht schließen konnten? Und selbst wenn Klara das Wunder schafft: Wie nachhaltig ist der Lernerfolg?

Dann ist die Enttäuschung umso größer

Mal ganz davon abgesehen, dass Klara vermutlich nervlich angespannt und erschöpft in Klasse sieben startet, weil sie die zurückliegenden Wochen permanent unter Druck stand und ihr die nötige Regeneration fehlt. Oft genug habe ich solche Kinder scheitern sehen. Die Enttäuschung auf allen Seiten ist dann umso größer.

Was ist eigentlich so schlimm daran, ein Jahr zu wiederholen, gemeinsam Lücken zu schließen, eventuell die Lern- und Arbeitsmoral in der Schule und zu Hause zu überdenken?

Ja, es gibt diejenigen, die zum nächsten Halbjahr gleich wieder versetzungsgefährdet sind. Die durch das zusätzliche Jahr nichts gewinnen, sondern immer weiter an Boden verlieren. Aber denen hilft es auch nicht, wenn sie von Schuljahr zu Schuljahr "mitgeschleppt" werden. Hier braucht es eine intensive Ursachenforschung: Hat der Schüler persönliche Probleme? Gibt es Schwierigkeiten in der Familie? War vielleicht die Schulform von vornherein die falsche?

Der Gedanke ans Sitzenbleiben ist das Schlimmste

"Aber Klara verliert dann alle ihre Freunde aus der Klasse", sagen ihre Eltern. Die Gefahr besteht, das will ich nicht kleinreden, Kinder in dem Alter suchen sich ihre Freunde nunmal im unmittelbaren Umfeld. Doch Klara wird neue Freunde finden und vielleicht sind das ja dann auch Freunde, die ihr guttun. Freunde, die ihr beim Lernen helfen, die ihren Ehrgeiz wecken. Meiner Erfahrung nach ist der Gedanke ans Sitzenbleiben für viele Schüler das Schlimmste, nach ein paar Wochen in der neuen Klasse kommen die meisten gut zurecht.

Fatal ist allerdings die Einstellung, dass es ein Wiederholer im kommenden Schuljahr locker angehen lassen könne - weil er den ganzen Stoff schon kennt. Sechs Wochen Sommerferien sind mehr als genug Zeit, um den Kopf freizubekommen. In jeglicher Hinsicht. Dabei sind spielerische Lerneinheiten im Urlaub so einfach einzubauen: Ob man nun auf der langen Autofahrt zum Feriendomizil englische Begriffe sammelt, am Strand ausrechnet, was ein Eis in dänischen Kronen, britischen Pfund oder US-Dollar kosten würde oder Auszüge aus der Urlaubsklektüre laut vorlesen lässt. So was tut jedem Schüler gut.

Egal, für welche Option sich Eltern und Kinder am Ende entscheiden - Wiederholen, Nachprüfung, Vorrücken auf Probe oder Schulwechsel -, es darf nicht dabei bleiben. Schlechte Schulnoten mögen nur eine begrenzte Aussagekraft haben, aber sie zeigen zumindest, dass etwas falsch läuft. Abhaken und weitermachen wie bisher ist der falsche Weg.

© SZ.de/jobr/reek/holz

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