Lehrer-Blog zu ehemaligen Schülern Kennen wir uns?

Was ist bloß aus euch geworden?, denkt sich Lehrerin Catrin Kurtz bei mancher Begegnung mit Ex-Schülern. Und freut sich.

(Foto: Illustration: Katharina Bitzl)

Aus der Schule, aus dem Sinn: Lehrerin Catrin Kurtz hat mitunter Probleme, ehemalige Schüler wiederzuerkennen. Weil die statt Baggyhose Anzug und Krawatte tragen. Oder Polizeiuniform.

Vergangene Woche, Tag der offenen Tür bei uns an der Schule. Plötzlich stehen zwei junge Herren in Anzug und Krawatte in meinem Raum und begrüßen mich überschwänglich. Grübeln auf meiner Seite. Kennen wir uns? Aus ihren Erzählungen, wie toll es doch bei mir in Deutsch gewesen sei und weiteren Anekdoten, die sie offen und ausführlich meiner Klasse berichten, schließe ich, dass es sich wohl um ehemalige Schüler handeln muss. Trotzdem: Ich hätte schwören können, dass ich die beiden noch nie gesehen habe.

Das zuzugeben kommt allerdings nicht in Frage - sie freuen sich so, mich wiederzusehen. Also tue ich das, was ich als Lehrerin besonders gut kann, ich frage sie aus, unauffällig. Und siehe da, im weiteren Gesprächsverlauf knacke ich das Bilderrätsel: Es handelt sich um Tobias und Carsten, zwei Schüler meiner ersten Zehnten, die ich als Klassenlehrerin zum Abschluss geführt habe. Das war vor drei Jahren. Sie hätten danach gemeinsam eine Banklehre begonnen (deshalb die Anzüge) und seien jetzt auch beide übernommen worden, erzählen sie mir stolz.

Tobias und Carsten, die im Unterricht Maßstäbe in Sachen Zur-Schau-getragene-Unlust und Unsinn-Machen setzten (daran erinnere ich mich nur zu gut!), wickeln heute anderer Leute Finanzgeschäfte ab? Hätte mir das damals jemand gesagt, als ich sie verabschiedet habe - in Baggyhosen, selbst bei ihrer eigenen Zeugnisfeier den Anzug verweigernd -, ich hätte es nicht geglaubt. Und es wird sogar noch besser, als mir die Ex-Schulmuffel von der "besten Zeit" ihres Lebens vorschwärmen und Tobias mit einem treuherzigen Blick durch die seriöse Bankerbrille sagt: "Wissen Sie, Frau Kurtz, manchmal wär' ich schon gern wieder an der Realschule!"

Skurrile Prüfungsantworten

"Um ganz ehrlich zu sein, das Thema langweilt mich"

"Bitte einmal den Ausweis"

Bei solchen Sätzen wird einem als Lehrer ganz warm ums Herz; es ist schön zu wissen, dass man doch etwas erreicht mit seiner Arbeit. Und wer ehemalige Schüler hat, die sich gerne an ihre Schulzeit erinnern, kann auch ganz entspannt bleiben, wenn man des Nachts auf dem Fahrrad von der Polizei aufgehalten wird - "Guten Abend! Sie wissen, dass Ihr Rücklicht kaputt ist? Bitte einmal den Ausweis" - und der junge Beamte sich dann beim Blick auf das Dokument schlapp lacht: "Frau Kurtz, ich bin's, der Anton aus der Abschlussklasse 2009! Wissen Sie nicht mehr?"

Man sieht sich eben immer zweimal im Leben. Zuweilen sogar dort, wo man ehemalige Schüler am wenigsten erwarten würde: im Lehrerzimmer als angehende Pädagogen. FOS (Fachoberschule, Anm. d. Red.) sei Dank kommt das gar nicht so selten vor. Skurril, wenn man dann in einer Stunde bei dem betreffenden Praktikanten/Referendar hinten drin sitzt - und dieser vorne eigenes Uralt-Unterrichtsmaterial recycelt.

Richtig peinlich wird es aber, wenn die Oma eines aktuellen Schülers in die Sprechstunde kommt und sich beschwert, dass sie bei ihrem Enkel die gleichen Arbeitsblätter entdeckt habe, die sie seinerzeit schon habe bearbeiten müssen. Und das trotz diverser Schulreformen und Lehrplanwechsel. Ist einem gestandenen Kollegen von mir tatsächlich so passiert.

Anekdoten vom Alkohol

Schön ist es dagegen, wenn angesehene Lokalpolitiker bei Festlichkeiten schwärmen, wie gerne sie auf die Realschule gegangen seien. Problematisch wird es nur, wenn sie im Anschluss erzählen, wie sie damals beim Wandertag nach München mit Klassenkameraden schon morgens zu viel Wein getrunken hätten und bis heute nicht wüssten, wie sie eigentlich ins Olympiastadion gekommen seien. Leuchtende Augen bei den Zehntklässlern im Publikum - pädagogische Gespräche am Tag danach, dass das ja ganz andere Zeiten gewesen seien und sie nicht glauben müssten, so was heute auch nur zu versuchen.

Andererseits: Am lebenden Beispiel macht man Schülern am besten deutlich, welche Wege einem mit der Mittleren Reife offenstehen. Und wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann mal sagen: "Den Kanzler? Den kenn ich - war mein Schüler."