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Neues Schulfach:Warum in Italien Klimakunde unterrichtet wird

Klimastreik - Turin

Dass die italienische Jugend für das Klima auf die Straße geht, so wie hier Ende September in Turin, ist neu.

(Foto: Alessandro Di Marco/dpa)

Sie haben nicht den Ruf, besonders umweltbewusst zu sein. Trotzdem führen die Italiener als erstes Land der Welt das Schulfach Klimawandel ein. Wie passt das zusammen?

Bei den Fioramontis zu Hause läuft oft deutsches Fernsehen, zum Beispiel die "Tagesschau" im Ersten. Auch solche Dinge erfuhr man von Lorenzo Fioramonti, dem italienischen Minister für Erziehung und Forschung, als er vor ein paar Tagen ausländischen Journalisten seine Sicht auf die Bildung erklärte. Der Römer ist mit einer deutschen Umweltaktivistin verheiratet. Wenn er ein deutsches Wort in seinen reißenden Redeschwall einstreut, etwa "Abitur", hört sich das sehr akzentfrei an, er spricht fünf Sprachen. Neulich, sagte er, habe eines seiner Kinder vor der "Tagesschau" gesessen und gerufen: "Schau, Papa, die reden gut von dir."

Das kommt sonst nicht so oft vor. Italienische Medien neigen eher dazu, Politiker hart anzufassen - gerade solche, die sich mit originellen Ideen hervortun. Bei Fioramonti war das die durchaus opportune und zeitgemäße Idee, im kommenden Schuljahr ein neues Schulfach einzuführen: Klimawandel und nachhaltige Entwicklung. 33 Stunden im Jahr, eine Lektion pro Woche also. In allen Schulstufen, von der ersten Primarklasse bis zur Maturità. "Obligatorisch mit allem Drum und Dran, also auch mit richtigen Zensuren", sagt Fioramonti. Damit, fügt er jetzt jedes Mal an, wenn er gefragt wird, leiste Italien Pionierdienst, weltweit. Es ist Avantgarde.

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Und das erstaunt schon ein wenig: Die Italiener haben nicht den Ruf, ein besonders umweltbewusstes Volk zu sein. Umweltschutz gilt vielen als Luxus, vor allem sozial benachteiligten Bürgern. Die italienischen Grünen, die "Verdi", haben bei den jüngsten Europawahlen nur 2,3 Prozent der Stimmen gewonnen. Auch die anfangs sehr ausgeprägte grüne Seele der Cinque Stelle, Italiens Partei mit den meisten Parlamentariern, der Fioramonti angehört, hat zuletzt stark gelitten.

Der Minister ruft zum Schwänzen auf

Neu ist, dass sich die Jungen und sehr Jungen in Italien für Klima und Umwelt interessieren: Die Initiative "Fridays for Future" mobilisiert regelmäßig Hunderttausende Schüler, mehr noch als anderswo in Europa. Fioramonti ermutigt sie offen dazu, Schule zu schwänzen und dem Ruf Greta Thunbergs zu folgen. "15- und 16-Jährige sagen uns Älteren, dass wir auf die Wissenschaftler hören sollten", sagt Fioramonti. Das müsse doch zu denken geben.

Es passt also schon, wenn dieser Minister nun ein neues Fach zum Klimawandel einführt. Die Gesetzesvorlage steht, die Lehrer sollen ab Januar geschult werden. Zehn Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Das neue Fach beansprucht keine zusätzliche Stunde, es wird im Rahmen der "Educazione civica", der bürgerschaftlichen Erziehung, unterrichtet werden. Die Komplexität des Stoffs variiert je nach Stufe: In der Grundschule wird er spielerisch und praktisch vermittelt, später handelt er von Technologien und juristischen Aspekten. Ein internationales Komitee formuliere gerade ein ganzheitliches, interdisziplinäres Programm, sagt Fioramonti.

Die Nachricht bot Gesprächsstoff, vor allem im Ausland: New York Times, CNN, BBC, die "Tagesschau" - alle berichteten. Die italienischen Medien dagegen reagierten flau, fast hätten sie die Weltpremiere verschwiegen. "Die filtern", sagt Fioramonti. "Sie interessieren sich eben mehr für politischen Gossip." Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Erziehungsminister so oft von sich reden macht, dass die Zeitungen auch mal etwas auslassen. Fioramonti hat auch schon gedroht, er trete sofort zurück, wenn die Regierung im neuen Haushalt nicht mindestens drei Milliarden Euro zusätzlich für sein Ressort einplane: für höhere Lehrerlöhne, kleinere Klassen und für die Renovierung baufälliger Schulen.

Italien ist jetzt selbst Modell, vielleicht sogar Vorbild

Der 42-jährige Fioramonti hält den Italienern oft kritisch den Spiegel vor, als wäre er selbst keiner. Er nannte sich einmal ein "Cervello in fuga", ein Hirn auf der Flucht. So beschreiben die Italiener Junge, die das Land verlassen - den Braindrain. Nach dem Studium der Philosophie an der römischen Universität Tor Vergata und einem Doktorat in politischen Wissenschaften in Siena wanderte Fioramonti aus. Seine Aussichten, in Italien zu dozieren, seien zu klein gewesen, sagte er einmal. Die Auswahlkriterien seien viel zu undurchsichtig, alles sei abgekartet.

Im südafrikanischen Pretoria gaben sie ihm einen Lehrstuhl für Volkswirtschaft, er machte sich international einen Namen. Manchen in der Heimat fiel das auf. Luigi Di Maio, Chef der Fünf Sterne, ließ sich immer gerne von ihm beraten in wirtschaftlichen Angelegenheiten, und er überzeugte ihn, nach Italien zurückzukehren. Vor anderthalb Jahren war das, Fioramonti gewann einen Sitz in der Abgeordnetenkammer. Heute ist er das internationalste Mitglied im neuen Kabinett von Premier Giuseppe Conte. Er zieht oft ausländische Modelle heran, die den Italienern als Vorbild gelten könnten, am liebsten das deutsche. Jetzt ist man aber selbst Modell, vielleicht sogar Vorbild.

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