Israel Lasst sie mal machen

Exzellente Wissenschaftler, gute Arbeitsbedingungen, professionelle Vermarktung: Das kleine Israel ist stolz auf seine Forschungslandschaft. Als ein Vorteil gilt ausgerechnet das hohe Alter der Studienanfänger.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Israel ist ein kleines Land mit acht Millionen Einwohnern, aber die acht Universitäten des Landes gehören zu den renommiertesten weltweit. Warum das so ist? Auf diese Frage hört man verschiedene Antworten auf dem weitläufigen Campus des Weizmann-Instituts in Rechovot, das 1934 vom Chemiker und späteren israelischen Präsidenten Chaim Weizmann gegründet wurde.

Für Yifat Merbl, die an der Biologie-Fakultät mit ihrem Team im Fachbereich Immuntherapien vor allem zu Zellen und Proteinen forscht, fängt es mit den Stellenbesetzungen an: "In Europa werden Wissenschaftler gesucht, die ausgeschriebene Positionen füllen können. In Israel werden Wissenschaftler identifiziert, die in ihrem Bereich Einzigartiges leisten und dann wird versucht, eine Finanzierung für diese wissenschaftliche Arbeit zu finden. So schafft man Exzellenz."

Das Weizmann-Institut hielt trotz Kritik zu einer Forschergruppe - und wird bis heute dafür belohnt

Die Mutter dreier Kinder ist nach siebeneinhalb Jahren in den USA 2014 nach Israel zurückgekehrt, vor allem wegen ihrer Familie "und weil ich Zionistin bin". Auch das ist in Israel anders: Wenn eine Universität einen Wissenschaftler gewinnen will, kümmert man sich um seine Familie. 344 Professoren und Studenten leben auf dem Campus des Weizmann-Instituts, Merbl ist eine von ihnen. Der Quantenphysiker Roee Ozeri ist ebenfalls aus den USA zurückgekehrt. "Wenn man Wissenschaftler anlocken will, dann muss man ihnen die besten Bedingungen bieten. Israel macht da sehr viel."

Auch für den ehemaligen Vizedekan Zvi Livneh, der sich an der Fakultät für Biochemie mit personalisierter Medizin und der Reparaturfähigkeit der DNA auseinandersetzt, ist die Forschungsfreiheit in Israel das Wichtigste. Er rate jungen Wissenschaftlern, ihrer Neugier zu folgen und nicht zuerst das Ziel einer kommerziellen Nutzung im Blick zu haben. "Ich sage ihnen: Geh zu Yeda, wenn du einen Vorschlag oder im Labor etwas entdeckt hast. Die kümmern sich darum. Und du konzentriere dich dann weiter auf Deine Arbeit."

Yeda ist die Forschungs- und Entwicklungsfirma, die nicht direkt in die Uni-Struktur eingebunden, sondern ein eigenständiges Unternehmen im Besitz der Hochschule ist. An der Hebrew University kümmert sich die Firma Yissum um die Vermarktung. Das bekannteste Beispiel für die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist Mobileye. Die Firma für Fahrerassistenzsysteme ist von Amnon Shashua, Informatik-Professor der Hebrew University, mitgegründet und für 15,3 Milliarden Dollar an Intel verkauft worden. Beim Weizmann-Institut beträgt das Jahresbudget 200 Millionen Dollar. Ein Drittel kommt vom Staat, der Rest großteils aus Patenteinnahmen.

Lasst die Wissenschaftler arbeiten: Um diesen Ansatz zu erläutern, erzählt Yivsam Azgad, Sprecher des Weizmann-Instituts, Besuchern am liebsten diese Geschichte: Zwei Forschungsteams mit 50 Personen machten sich in den Achtzigerjahren an das hochgradig vage Thema Störungen im Körper. Als sie nach mehreren Jahren keine Ergebnisse präsentieren konnten, wurde die Kritik immer lauter. Das Institut? Ließ sie machen. Am Ende entwickelten beide Teams unabhängig voneinander Wirkstoffe gegen Multiple Sklerose. Die Medikamente Copaxone und Rebif bescheren dem israelischen Pharmakonzern Teva und der Firma Merck Millionenumsätze - und dem Institut finanzielle Rückflüsse.

Bei solchen Erzählungen wird jene israelische Mentalität deutlich, die nur schwer auf Deutschland übertragbar ist: Wenn etwas nicht sofort gelingt, dann sieht man das nicht als Scheitern an, sondern als Chance dazuzulernen - und probiert es einfach weiter.

Ein Teil des Erfolgs des Weizmann-Instituts mit seinen 2600 Mitarbeitern liegt nach Einschätzung von Azgad auch darin, dass man sich strikt auf Grundlagenforschung und dabei auf wenige Bereiche konzentriert: Mathematik und Informatik, Physik, Chemie, Biochemie, Biologie.

Während man am Weizmann-Institut keine Studenten ohne einen ersten Abschluss aufnimmt, tummeln sich am Technion in Haifa 15 000 von ihnen. Die 1924 mit Hilfe deutscher Juden gegründete Universität im Norden Israels befindet sich auch auf einem weitläufigen Campus. Den Anspruch beschreibt Vizepräsident Adam Shwartz, der auch das Zentrum für Unternehmertum und Innovation leitet, so: "Wir wollen den Studenten beibringen, was man in Israel am besten kann: innovativ zu sein, kreative Ideen zu haben, außerhalb der Grenzen zu denken und die Autoritäten herauszufordern. Und vor allem technologisch fit zu sein." Das Technion solle eine Ausbildung im Umgang mit Technologien anbieten und allen, die Unternehmer werden wollen, Rüstzeug vermitteln.

Was stellt für ihn den größten Unterschied zu deutschen Universitäten dar, etwa zur TU München, mit der das Technion über die Eurotech-Allianz verbunden ist? "Die deutschen Universitäten haben sich dem Bologna-Prozess angeschlossen, das ist ein ganz anderes System. Wir haben vier Jahre Zeit. Und unsere Studenten sind älter und reifer, denn sie gehen zuerst zur Armee." In Israel müssen junge Männer drei und Frauen zwei Jahre Militärdienst leisten. Das durchschnittliche Alter der Studenten am Technion ist 24 Jahre. "Das israelische System ist darauf ausgerichtet, Absolventen rauszuschicken, die bereit sind zu arbeiten und zu führen. Sie sind auch reifer, wenn sie mit der Arbeit beginnen."

Eines erinnert dann doch an die deutschen Unis: dass es zu wenig Plätze für die Studenten gibt

Fünfzig Prozent arbeiten bereits vom dritten Studienjahr an neben dem Studium. Zwischen dem Technion und den Arbeitgebern gebe es informelle Absprachen, dass während der Prüfungszeit nicht gearbeitet werden müsse, dafür im Sommer mehr Arbeitszeit geleistet werden könne.

Außerdem investiert der israelische Staat massiv in Studienplätze, wenn man meint, es gebe einen Bedarf: 700 Millionen Dollar stellt die israelische Regierung in den nächsten zwei Jahren für Computerwissenschaften zur Verfügung. Nach Ansicht von Shwartz hätte aber zuerst die Infrastruktur verbessert werden müssen: "Unser größtes Problem sind die Räumlichkeiten, um die Studenten unterzubringen." Das erinnert dann doch an die Situation an deutschen Universitäten.