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Intelligenz:Es muss nicht jeder Einstein sein

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Nicht aus jedem Kind wird eine Jahrhundertmusikerin, ein Nobelpreisträger oder eine Olympionikin. Und das ist völlig in Ordnung.

(Foto: imago/Panthermedia)

Wir machen uns viel zu viele Gedanken über Intelligenz, der IQ ist kein Wertstempel. Ein Aufruf zur Entspannung.

Ist Intelligenz angeboren? Diese Frage wird immer wieder heiß debattiert, so vor einigen Wochen auch in der SZ. Die Hitze der Debatte liegt aber nicht an den wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten. Die Aufregung rührt daher, dass uns die Antwort viel zu wichtig ist.

Über den Autor

Julian Möhlen, 23, studierte Psychologie und Philosophie in Oxford. Aktuell macht er seinen Master in Kognitionswissenschaften an der Uni Wien. Hier antwortet er auf den Beitrag "Intelligenz ist nicht angeboren" von Christof Kuhbandner.

Warum interessieren uns Gene und Intelligenz überhaupt so sehr? Weil wir dringend die biologischen und psychologischen Details erfahren wollen? Die sind sicherlich wissenswert, keine Frage. Aber was das Thema so spannend macht, ist seine gesellschaftliche Brisanz. Wir wollen wissen, was Intelligenz und Vererbung für unser Bildungssystem und unsere Kinder bedeuten: Könnte jeder prinzipiell alles erreichen? Ist unsere Gesellschaft ungerecht, oder ist die Natur ungerecht? Wie viel sollte man von seinen Kindern erwarten? Und wie viel von sich selbst?

Diese Fragen bereiten mir die größten Sorgen. Denn hier treffen Werte auf Wissenschaft. Und wann immer das passiert, besteht die Gefahr der Vermischung und der Verwechslung. Selbstverständlich ist Forschung nie losgelöst vom Rest der Gesellschaft. Wir sollten aber nicht moralische Werte von Fakten ableiten oder wegen unserer moralischen Werte wissenschaftliche Argumente verwerfen. Das würde weder unseren Werten noch der Wissenschaft gerecht.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Erblichkeit und der Veränderlichkeit von Intelligenz. Angenommen, Intelligenz wäre zu 100 Prozent vererbt, warum wären das bewegende Neuigkeiten? Weil wir daraus schlussfolgern würden, dass sich Intelligenz von der Befruchtung an nicht mehr verändern ließe durch Ernährung, Bildung, Erziehung, Motivation oder dergleichen. Dieser Schluss ist allerdings voreilig.

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Im Oktober letzten Jahres gab der Populationsgenetiker Robert Plomin in der Zeit ein eindrucksvolles Beispiel: Untersuche man den Body-Mass-Index (BMI) der hungernden Nachkriegsbevölkerung in Deutschland, so würden sich nur geringe genetische Einflüsse zeigen. Damals wurde der BMI hauptsächlich durch das mangelnde Nahrungsangebot bestimmt. Heutzutage allerdings, da fast alle Menschen in Deutschland eine ausgewogene und mehr als ausreichende Ernährung genießen, wird der BMI viel stärker vererbt.

Der Grad der Erblichkeit kann also verschieden ausfallen, je nach den Gegebenheiten. Für die Intelligenz heißt das: Selbst wenn wir feststellen sollten, dass sie zu 100 Prozent vererbt wird, wäre dieser Befund nur unter den herrschenden Bedingungen gültig. Ob Intelligenz sich in einer anderen Umwelt - etwa einem fundamental anderen Erziehungsstil - nicht doch verändern ließe, wissen wir nicht.

Wichtig ist auch der Unterschied zwischen Intelligenz und Bildung. Angenommen, Intelligenz ließe sich doch nicht verändern, warum wären das bewegende Neuigkeiten? Weil wir schlussfolgern würden, dass Bildungschancen - und damit Lebenschancen - in Stein gemeißelt stünden. Aber weder geht es bei Bildung um Intelligenzförderung, noch ist Intelligenz der einzige Faktor für Bildungserfolg. Intelligenz mag Bildung begünstigen, aber Bildung kann unabhängig von Intelligenz glücken oder scheitern.