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Inklusionsquoten:Plötzlich behindert?

SZ-Grafik; Quelle: Berteslmann-Stiftung: Update Inklusion - Datenreport zu den aktuellen Entwicklungen, 2014

Forscher vermuten: Um die Statistik aufzubessern, wird lernschwachen Kindern immer häufiger eine Lernbehinderung attestiert.

Die Quoten steigen und steigen. Deutschland hat sich 2009 verpflichtet, die UN-Konvention für Behindertenrechte umzusetzen. Demnach darf niemand vom "normalen" Schulsystem ausgeschlossen sein, Kinder mit Handicap sollen eine reguläre Schule besuchen können statt einer Förderschule. Seitdem gehen die Inklusionsanteile nach oben - besuchten 2009 nur gut 18 Prozent aller Schüler, bei denen besonderer Förderbedarf festgestellt wurde, eine Regelschule, waren es zuletzt schon 28 Prozent. Vier Bundesländer haben die 50-Prozent-Marke geknackt. Doch wie aussagekräftig sind die Daten?

In der Zeitschrift für Inklusion führt der Autor und Dortmunder Förderschullehrer Andreas Kloth nun Bedenken auf. Er hatte für seinen Aufsatz Daten aus Nordrhein-Westfalen analysiert. Die Quote der Inklusionsschüler in Regelschulen sei gestiegen, aber zugleich der Anteil der Schüler in eigenen Fördereinrichtungen kaum gesunken. Denn es seien "neue Förderschüler" entstanden, in 20 Jahren habe sich der Anteil der Kinder mit solcher Diagnose verdoppelt, deutlich sei der Anstieg seit 2008 - vor allem bei Schülern mit Lernproblemen, die wiederum den größten Anstieg bei den Inklusionsquoten ausmachten.

In Deutschland haben derzeit etwas mehr als sechs Prozent der Kinder Förderbedarf. Nur selten geht es um körperliche Behinderungen; die meisten Diagnosen entfallen auf Lernschwache. Autor Kloth schreibt: "Durch die Rekrutierung der Inklusionsschüler aus der Grundschülerschaft wurden aus Grundschülern des unteren Leistungsspektrums plötzlich Förderschüler, die Schüler waren plötzlich ,lernbehindert'". Überregionale Gültigkeit für diese These erhebt er mangels Daten nicht. Hans Wocken, Verfechter einer völligen schulischen Inklusion und als Professor zuletzt an der Uni Hamburg, sieht das dagegen als Prinzip. Am Beispiel Bayern zeigte er in einer Analyse, dass häufiger nicht-behinderte Grundschüler "bei Leistungsschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten als behindert etikettiert und zu Inklusionsschülern transformiert" würden. Viele Schulen machten da mit, weil ihnen dies mehr Geld bringe. Nicht nur diese Kinder seien die Leidtragenden - auch jene mit echtem Förderbedarf, die hinter den politischen Erfolgsmeldungen in Sachen Inklusion verschwänden. Die Entwicklung derzeit, so Wocken vergangenes Jahr im SZ-Interview, "ist eine große Täuschung, das ist das Hauptergebnis meiner